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„Das Haus an der Friedhofmauer“ von Lucio Fulci

Filmausschnitt CMV Laservision Filmausschnitt

38 Jahre ist es her, seit Lucio Fulci seinen Film Quella villa accanto al cimitero abgedreht hat. Bis heute besitzt das Werk in Kennerkreisen Kultstatus. Warum?

Mediengruft: Wissenschaftliche Rezension

DHDF 6Das Haus an der Friedhofmauer gehört zu den Filmen der Hochphase des italienischen Kinos. Neben Western und den Filmen mit Bud Spencer und Terrance Hill wurden auch einige Horrorfilme in den USA produziert, allerdings mit italienischen Schauspielern und in italienischer Sprache. Das führt zu dem Kuriosum, dass Das Haus an der Friedhofmauer 1981 in South Lincoln, Massachusetts gedreht wurde, aber erst 1984 in den US-Kinos zu sehen war. Zuvor hat der Film bereits in Italien, Frankreich, Spanien, Dänemark, West Deutschland, den Niederlanden und Portugal einen Kinostart gehabt. Dies geschah im Zeitraum vom 14. August 1981 bis zum 8. April 1983, in der sich der Film einen speziellen Ruf erarbeitete. Besonders die expliziten Gewaltszenen haben dafür gesorgt, dass Das Haus an der Friedhofmauer immer wieder in gekürzten, zensierten Fassungen aufgeführt wurde. So auch in Deutschland, wo der Film zunächst im Kino ungekürzt gezeigt wurde (schnittberichte.com 2015), später dann auf VHS jedoch deutlich gekürzt erschien (schnittberichte.com 2009). Bis 2014 war der Film hierzulande auf dem Index (Liste A) (schnittberichte.com 2014). Die Entwicklung der Zensurgeschichte von Das Haus an der Friedhofmauer ist erfreulich, denn der Film lebt im Grunde mehr von der Spannungsinszenierung durch Bildsprache und Soundgestaltung als von der expliziten Darstellung von Gewaltakten. Letztere sind Teil des Werkes und auch Teil der vorherrschenden Ästhetik in filmischen Horrorinszenierung zum Zeitpunkt des Drehs.[1]

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DHDF 3Bereits im direkten Anschluss an den Vorspann deutet  Das Haus an der Friedhofmauer phantastische Elemente in der Inszenierung an, wenn das rothaarige Mädchen Mae (Silvia Collatina) durch eine Fotografie des titelgebenden Hauses mit dem Jungen Bob Boyle (Giovanni Frezza) kommuniziert. Bob ist der Sohn von Lucy (Catriona MacColl) und Dr. Norman Boyle (Paolo Malco). Norman wird damit beauftragt herauszufinden, warum Dr. Petersen, einer seiner Forschungskollegen und Freunde, sich das Leben genommen und zuvor seine Ehefrau auf bestialische Weise abgeschlachtet hat. Keiner der Forscher kann sich erklären, warum dies geschehen ist, wenngleich erste Mutmaßungen andeuten, dass der Mann möglicherweise aus einem Wahn heraus gehandelt habe. Mae warnt Bob davor zu besagtem Haus zu kommen, in dem auch Dr. Petersen und seine Frau bis zu der Tragödie lebten. Das alte Haus wirkt etwas vernachlässigt und heruntergekommen, als die Boyles dort ankommen. Während Bob im Wagen auf seine Eltern wartet, begegnet er erstmals Mae. Sie wiederholt ihre Warnung, doch Bob kann nichts tun, um seine Eltern zu überzeugen. Lucy fühlt sich im Haus unwohl, sie empfindet ständiges Unbehagen. Dass die Tür zum Keller zugenagelt ist, macht die Situation für Lucy nur schlimmer. Welche Schrecken hinter dieser Tür lauern, ahnt zu diesem Zeitpunkt nur Mae, die jedoch offenbar nur Bob sehen kann.

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DHDF 2Bekannt ist Das Haus an der Friedhofmauer für seine Gewaltszenen. Allerdings sind es nicht diese, die das Werk so besonders machen, dass es auch heute – trotz deutlich spürbarer Alterung – spannende und düstere Unterhaltung bietet. Über die Jahre wird immer deutlicher, dass nicht das eigentliche Spektakel der Gewalt in Das Haus an der Friedhofmauer den nachhaltigen Horror im Werk schafft. Vielmehr ist es Fulcis Fähigkeit die Bühne so zu gestalten, dass diese ein permanentes Unbehagen bei den Figuren im Film auslöst. Besonders empfänglich dafür ist Lucy, die zeitweilig erscheint, als ob sie dem Wahnsinn anheimfallen könnte, so wie es Dr. Petersen geschehen ist. Sie sieht in der Babysitterin Ann (Ania Pieroni) eine Bedrohung, fühlt sich verfolgt und glaubt, dass im Haus etwas vor sich geht. Das Schauspiel, besonders in Gestik und Mimik ist bemerkenswert, wodurch die Schrecken, denen die Familie Boyle ausgesetzt ist, sich auf das Publikum übertragen.

Neben dieser geschickten Art, eine andauernde Anspannung zu inszenieren, sind zwei weitere dramaturgische Mittel dominant. Zum einen ist es die Investigation zu den Hintergründen der  Tragödie, in die Norman immer tiefer hineingerät. Zum anderen ist es tatsächlich die Gewalt selbst, aber nicht der Akt der Gewalt, sondern die Schrecken, die daraus resultieren. Letzteres wird über den Verlauf des Films intensiviert. In einer Montagesequenz werden die Zuschauer Zeuge der Gräueltaten, die im Keller des Hauses geschehen sind. Hier werden Körperteile von Menschen, Blut, Werkzeuge und Knochen gezeigt, die wie ein Stillleben für sich selbst sprechen. Diese besondere Form des Vor-Augen-Führens von visuellen Schrecken ist die wahre Stärke des Werkes, die alle Schwächen von Das Haus an der Friedhofmauer – die besonders durch das Altern des Werkes entstanden sind – bedeutungslos erscheinen lassen. Die Virtuosität, mit der Fulci hier die Schrecken monstriert, ist beeindruckend und prägend für das spätere Genre. Wo Tobe Hooper in Texas Chainsaw Massacre (1974) noch die Intensität durch psychologische Gewalt gegenüber der Protagonistin nutzt, um die Schrecken zu intensivieren, ist Fulci wenige Jahre später an dem Punkt angelangt, an dem visueller Schrecken als direkte Auswirkung von nicht inszenierten Gewaltakten zum eigentlich Schrecklichen wird. Als erstes Werk, das diese Form ästhetisierten Horrors verwendet, ist Das Haus an der Friedhofmauer ein Meilenstein. Aufgrund seiner Originalität und der ausbalancierten Mischung von visuellem und psychologischem Schrecken ist dieser Film ein Wegbereiter für viele spätere Horrorinszenierungen.

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Das Haus an der Friedhofmauer gilt als Lucio Fulcis Meisterwerk, als sein bester Film. Gemessen an dem Kunststück, hier wie beiläufig eine wegweisende audiovisuelle Ästhetik des Horrors zu erschaffen, die bis heute Bestand hat, lässt sich dies nicht abstreiten. Fulci war ein umstrittener Regisseur, aber auch ein virtuoser Künstler, mit einem besonderen Sinn für die dunkle Seite der Inszenierung und Ästhetik. In der Summe gebühren Das Haus an der Friedhofmauer der Kultstatus, den der Film genießt, und auch die anhaltende Popularität.

Endnoten

[1] Das Haus an der Friedhofmauer fällt in die Hochzeit des Slasher-Subgenres, das durch eine explizite Darstellung von Gewalt geprägt ist. Hierbei werden zudem unverheiratete, sexuell aktive junge Menschen zu den primären Zielen des Killers (vgl. Clover 1993). Das ist im Fall von Das Haus an der Friedhofmauer nicht gegeben, obwohl die Eröffnungssequenz mit diesem genretypischen Motiv kokettiert. Hier wird eine junge Frau (Daniela Doria) gezeigt, die sich grade wieder bekleidet, während sie ihren Freund in dem verlassenen Haus auf dem Friedhof sucht. Nach wenigen Minuten wird sie vom Antagonisten getötet, nachdem sie die Leiche ihres Partners gefunden hat. Diese ersten Momente des Werkes können als ‚slasher-esk‘ eingestuft werden (vgl. Hutchings 2004; Maddrey 2004).

Literaturverzeichnis

Clover, Carol J. (1993): Men, women and chain saws. Gender in the modern horror film. 1. publ.

Hutchings, Peter (2004): The horror film. Harlow, England, New York: Pearson Longman (Inside film).

Maddrey, Joseph (2004): Nightmares in red, white, and blue. The evolution of the American horror film. Jefferson, NC: McFarland.

schnittberichte.com (2009): Das Haus an der Friedhofmauer - Schnittbericht: UFA Video (Schnittberichte.com). Online verfügbar unter https://www.schnittberichte.com/schnittbericht.php?ID=2475253, zuletzt geprüft am 23.03.2019.

schnittberichte.com (2014): Das Haus an der Friedhofmauer ist nicht mehr auf dem Index (Schnittberichte.com). Online verfügbar unter https://www.schnittberichte.com/news.php?ID=8025, zuletzt geprüft am 23.03.2019.

schnittberichte.com (2015): Das Haus an der Friedhofsmauer mit FSK-Freigabe (Schnittberichte.com). Online verfügbar unter https://www.schnittberichte.com/news.php?ID=8954, zuletzt geprüft am 23.03.2019.

Trailer zu Das Haus an der Friedhofmauer

Infokasten

„Das Haus an der Friedhofmauer“ (OT: „Quella villa accanto al cimitero“, USA: „Zombie Hell House“, AT: „Lucio Fulci`s: Das Haus an der Friedhofmauer“)

Regie: Lucio Fulci

Drehbuch: Elisa Briganti (Story), Dardano Sacchetti, Giorgio Mariuzzo und Lucio Fulci (Drehbuch), inspiriert von H. P. Lovecraft

Produktion: Fulvia Film

Verleih: CMV Laservision (DVD), Ledick Filmhandel GmbH (Blu-ray), Drop-Out Cinema (Kino)

Laufzeit: 83 Minuten (uncut)

Italien | 1981

Veröffentlichung: Der Film ist im Handel auf DVD und Blu-ray-Disc erhältlich.

Vorführungstermine: 27.03.2019, 22:15 Uhr Traumkino Kiel in der Reihe Mondo Grindhouse – Filme für den abseitigen Geschmack.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus den besprochenen Medieninhalten. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amMontag, 25 März 2019 17:56
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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