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Essays

Eine Problematisierung des Phantastik-Begriffs

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Fantasy Filmfestes erscheint es als passend, kurz mal die Luft anzuhalten - bevor die Kinosäle gestürmt werden - und sich klarzumachen, was so phantastisch ist an anderthalb Jahrzehnten Fantasy- und Horror-Filmen. Ehe Syno und ich heute abend also unsere Dauerkarten abholen, um uns in acht Tagen knapp 50 Filme durch die Pupillen ins Hirn zu jagen, darf also die Frage erlaubt sein, was denn Phantastik oder Fantasy eigentlich ist.

Ein erster Blick auf das Thema soll nicht an einschlägigen Internet-Lexika vorbeigehen, allen voran Wikipedia, wo es zu 'Fantasy' heißt: "Als modernes Subgenre der Phantastik stellt die Fantasy übernatürliche, märchenhafte und magische Elemente in den Vordergrund." Über Phantastik wiederum findet man dort zunächst, dass in der Forschung Uneinigkeit über die Bedeutung dieses Begriffs vorherrsche, außerwissenschaftlich verstehe man unter Phantastik jedoch "alles, was unglaublich, versponnen, wunderbar oder großartig ist". Des Weiteren finden sich dort die maximalistische sowie die minimalistische Definitionstradition, wie sie Uwe Durst in seiner Arbeit "Theorie der phantastischen Literatur" herausgearbeitet hat. Laut Wikipedia zählen die Maximalisten zur Phantastik "alle erzählenden Texte, in deren fiktiver Welt die Naturgesetze verletzt werden". Für die Minimalisten, zu denen auch Durst gehört, ist diese Definition viel zu weit gefasst, doch zu diesen Theoretikern weiter unten mehr.

Phantastisch ist also, was es in Wirklichkeit nicht gibt - ?

Was sich nämlich schon andeutet, ist, dass im Allgemeinen die maximalistische Auffassung von Phantastik vorherrscht. Das bestätigt auch Frank Weinreich in seinem Essay auf phantastik-couch.de: "Demnach gehört zum Genre der Fantasy jede Erzählung, die das Übernatürliche als Handlungsbestandteil aufweist." Außerdem zeigt sich hier, dass die Begriffe Fantasy und Phantastik oft synonymisch gebraucht werden, während Wikipedia hier klar unterscheidet: Fantasy ist ein Sub-Genre der Phantastik. Ähnlich verfährt das Kinder-Lexikon auf rossipotti.de, wo Folgendes zu lesen ist: "Fantasy ist ein relativ moderner Zweig phantastischer Literatur. Fantasy erfindet neue Welten mit eigenen, übernatürlichen Gesetzmäßigkeiten, in denen Helden phantastische Abenteuer erleben." Die Phantastik dagegen wird so definiert: "In der phantastischen Erzählung kommen neben realistischen Elementen auch unwirkliche, phantastische Begebenheiten, Figuren, Gegenstände oder Welten vor." Der entscheidende Unterschied zur Fantasy liege darin begründet, dass hier die "Grundlage" der fiktiven Welt die Wirklichkeit sei - abgesehen natürlich von den phantastischen "Ausnahmen". J. K. Rowlings Harry-Potter-Romane wären demnach also eine phantastische Erzählung, während J. R.  R. Tolkiens "Lord of the Rings" Fantasy wäre. Da würde manch einer widersprechen - aber gut.

Sieht man einmal von kleinen Differenzen in den Definitionen ab, scheint also der Kern der maximalistischen Bestimmungstradition das Übernatürliche zu sein. Sobald eine Erzählung diese aufweist, ist sie phantastisch. Sicher würde dies eine Vielzahl von Lesern oder Filminteressierten so unterschreiben. Für den Alltag mag diese Bestimmung des Phantastischen auch genügen. Unter genauerer Betrachtung ergeben sich jedoch Schwierigkeiten: Was genau ist denn dieses Wunderbare, Übernatürliche, Versponnene, Unwirkliche oder Unglaubliche? Den Bestimmungsversuchen zufolge das, was nicht in der Realität vorkommt. Hier liegt das eigentliche Problem. Um das Phantastische zu bestimmen, muss erst erfasst werden, was die Realität ist.

Was so klar zu sein scheint - man muss ja nur aus dem Fenster schauen, um die Wirklichkeit zu sehen - ist es auf den zweiten Blick nicht. Über die Beschaffenheit der Realität streiten die Menschen seit Anbeginn und tun dies nach wie vor. Ein einfaches Beispiel kann dies illustrieren: Für einen religiösen Menschen ist die Welt anders zusammengesetzt als für einen Atheisten, denn wie auch immer sein Glaube geartet sein mag, so wird er doch davon überzeugt sein, dass es noch etwas Höheres gibt als die rein sinnlich erfahrbare Welt. Der Atheist dagegen wird alles negieren, was er nicht durch seine Sinne erfahren kann, weil er ohne sinnliche Erfahrung keinen Zugang dazu hat und damit nicht darüber urteilen geschweige denn davon sprechen kann. Für mich ist es absurd an Geister, Flüche oder verwunschene Orte zu glauben, aber ich bin kein Maßstab. Es gibt Menschen, die das tun, und es gibt Menschen, die das Aberglauben nennen. Je nach Auffassung also scheint erheblich zu differieren, was eine phantastische Erzählung und was eine realistische ist.

Das Phantastische als Verstoß gegen die Naturgesetze - ?

Selbst der Versuch das Phantastische dingfest zu machen, indem es als Verstoß gegen die Naturgesetze beschrieben wird, die nach heutigen naturwissenschaftlichen Maßstäben unsere Realität konstituieren, ist zum Scheitern verurteilt. Uwe Durst hat ausführlich in seiner Arbeit dargelegt, dass jede Erzählung in ihrer Art, wie sie erzählt wird, gegen derartige Gesetze verstößt. Zeigen lässt sich dies wunderbar an Action-Filmen, die oftmals Protogonisten mit Fähigkeiten austatten, die jedem normalen Menschen abgehen. Explosionen, Schusswechsel, waghalsige Sprünge und Fleischwunden werden ohne Weiteres überlebt. Abgesehen davon würden viele der dargestellten Explosionen in der Realität gar nicht stattfinden. Autotanks explodieren nicht in meterhohen Feuerkaskaden und Dynamit lässt sich nicht an einer Lunte anzünden und zur Detonation bringen (auch wenn beides seines ästhetischen Wert hat). Solcherlei Illusionen würden wir nicht als phantastisch betrachten, obgleich sie mit den Gesetzen der Natur nicht vereinbar sind. Uwe Durst nennt dies das immanente Wunderbare des Realistischen. In meiner Bachelor-Arbeit zur Phantastik arbeite ich dieses verborgenene Übernatürliche aus Christoph Marzis Roman "Fabula" heraus (Kapitel 3, S. 27).

Um der 'Realität' das Absolute zu nehmen, entwirft Marianne Wünsch eine Phantastik-Theorie, in der die 'Realität' nur noch als eine Vorstellung von der Realität auftaucht. Diese Vorstellung von Realität enthält alle Gesetzmäßigkeitsannahmen einer Kultur, Epoche oder Gruppe. Verstößt nun ein Ereignis gegen eine dieser Gesetzmäßigkeitsannahmen, so entsteht das Phantastische. Dabei ist der Forscherin bewusst, dass innerhalb einer Gesellschaft mehrere verschiedene Realitätsvorstellungen nebeneinander stehen können. Um also allgemeingültig die Phantastik zu bestimmen, sollte daher jene Vorstellung herangezogen werden, die in der jeweiligen Gesellschaft dominant ist. Eben das erscheint mir in der heutigen pluralistischen und globalisierten Gesellschaft nicht mehr ohne Weiteres möglich.

Das Phantastische ist das Doppeldeutige eines Ereignisses - ?

Uwe Durst sieht das Phantastische ähnlich wie Todorov in der Doppeldeutigkeit der Ereignisse innerhalb einer Erzählung. Durch verschiedene Erzähltechniken wird der Rezipient über den Status der fiktiven Welt in Unsicherheit gelassen. Geschehen in dieser Welt nun übernatürliche Dinge oder rein realistische? Beide Deutungswege müssen offengehalten werden. Dann liegt das Phantastische nach Durst vor.

Dass diese Definitionsweise nicht auf sehr viele Texte oder Filme zutreffen dürfte, zeigt, weshalb diese Theorie als minimalistisch zu verstehen ist. Unabhängig davon, ob man die Doppeldeutigkeit als wesentliches Merkmal der Phantastik begreifen will, so zeigt Durst zumindest einen neuen Texttyp auf, nämlich jenen, der zwischen realistischen Texten und Texten mit expliziten Darstellungen des Übernatürlichen schwebt.

Außerdem macht Durst das Phantastische an innertextlichen Kritierien fest, was den Vorzug mit sich bringt, nicht länger über die Realität als solches diskutieren zu müssen. Der Text selbst gibt durch Klassifikatoren an, was in der dargestellten Welt als übernatürlich zu gelten hat und was nicht. Klassifikatoren können zum Beispiel Aussagen von Figuren sein, die ein Ereignis als gewöhnlich oder ungewöhnlich markieren. Meist wird dabei zunächst ein realistisches ('natürliches') Realitätssystem im Text erzeugt, das dann durch als 'ungewöhnlich' markierte Ereignisse in Frage gestellt wird. Je nach den dann folgenden Erklärungsmustern wird das Ereignis entweder realistisch (natürlich) erklärt und damit ins System integriert oder aber es bedient sich einer systemfremden (übernatürlichen) Erklärung. Dann wird das realistische Realitätssystem zerstört und ein übernatürliches aufgebaut.

Zum Beispiel könnte während einer Zaubershow ein Hase in einem Zylinder verschwinden. Das Publikum staunt und zeigt so an, dass das Ereignis nicht gewöhnlich ist, wenn auch während einer solchen Veranstaltung erwartbar. Nun muss das Verschwinden erklärt werden. Entweder es war ein Trick, sodass der Hase zum Beispiel während einer optischen Ablenkung wieder aus dem Zylinder herausgenommen wurde. Oder aber vor dem Publikum steht ein wahrhaftiger Magier, der beispielsweise zur Teleportation fähig ist. Je nach Erklärung wäre das Ereignis dann realistisch oder übernatürlich.

Der Vorteil von Dursts Theorie ist weiterhin, dass zu Beginn der Erzählung auch ein übernatürliches Realitätssystem installiert werden kann, das dann durch ein zweites übernatürliches in Frage gestellt und eventuell abgelöst wird.

Alle hier zitierten Texte finden sich in der Linksammlung Forschung im Netz oder in meiner Bachelor-Arbeit. Letztere Quelle behandelt das Problem der Phantastik-Definition zudem ausführlicher, als die knappe Zusammenfassung hier dies zu leisten vermag.

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 10:56
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten.“

 

aus Immanuel Kants Träume eines Geistersehers