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„Formen des Fantastischen“, ein Aufsatz von Lutz Rühling – Teil 2

Das diesjährige Fantasy Filmfest hat begonnen. Da möchte ich wieder einmal der Frage nachgehen, was Fantastik eigentlich ist. Dazu werde ich diesmal in aller Kürze den Aufsatz Formen des Fantastischen von Lutz Rühling vorstellen, der zunächst das Fantastische definiert und unter anderem in die Untergruppen Integrative, Desintegrative und Transzendentale Fantastik sowie Neofantastik einteilt. Der Aufsatz setzt sich ausschließlich mit literarischer Fantastik auseinander, lässt sich aber sicherlich mit Anpassungen auch auf andere Medien übertragen - Teil 2: Die Formen des Fantastischen.

Die Formen des Fantastischen

Integrative Fantastik

Rühling beschreibt drei Typen der Integrativen Fantastik, von der ich hier nur die erste vorstellen möchte. In dieser Fantastik ist das Paranormale die Verkörperung einer höheren Macht, die auf eine Verletzung der moralischen Ordnung hinweist: „[D]ass die Natur aus den Fugen geraten ist, zeigt an, dass jemand gegen grundsätzliche Normen verstoßen hat“ (S. 420). Das geschieht zum Beispiel in Joseph von Eichendorffs Ballade Die verlorene Braut, in der eine junge Braut auf ihrer Hochzeit von dem Geist ihres verstorbenen Kindes heimgesucht wird. Es will den ungesühnten Mord an ihrem Vater rächen und verführt ihre Mutter in den nächtlichen Wald (eine nach wie vor spannende Geschichte, nebenbei bemerkt). Ein anderes Beispiel ist Horace Walpoles Roman Castle of Otranto.

Sobald die moralische Ordnung wiederhergestellt ist, entweicht das Paranormale und die Weltordnung der Erzählung ist nicht länger gestört. Da in dieser Fantastik das Paranormale Ausdruck eines moralischen Ungleichgewichts ist, das im Verlauf der Handlung aufgehoben wird, nennt Rühling diese Form integrativ.

Desintegrative Fantastik

Diese Form des Fantastischen will, wie ihr Name schon andeutet, genau das Gegenteil der Integrativen Fantastik. Hier steht das Paranormale nicht mehr im Dienst der moralischen Ordnung. Stattdessen verkörpert es das ‚Böse‘ oder ist gar nicht zu erklären und bleibt rätselhaft. Gerade dadurch, dass das Paranormale nun unerklärlich ist, unterläuft es die Integrität der fiktiven Weltordnung – es wirkt desintegrativ. Diese fantastische Spielart wird von Forschern oft psychoanalytisch ausgewertet, sodass die paranormalen Ereignisse zu psychischen Störungen literarischer Figuren werden, die in die erzählte Welt projiziert werden.

Vertreter dieser fantastischen Form sind neben anderen E. T. A. Hoffman und Edgar Allen Poe mit Werken wie „Der Sandmann“ und „The Facts in the Case of M. Valdemar“.

Transzendentale Fantastik

Diese besondere Form des Fantastischen verweigert sich von vornherein einer Ausdeutung. Worauf sich das Paranormale in dieser Fantastik bezieht, bleibt verschleiert, „spielt in die Sphäre des Metaphysischen, manchmal auch des Numinosen“ (S. 430). Es wird quasi auf ein Geheimnis hingedeutet, dass der Text selbst niemals lüftet, sodass es dem Leser unergründlich erscheinen muss. Ein Beispiel für diese Fantastik ist das Werk Troll des Norwegers Jonas Lie.

Neofantastik

Wichtig für alle vorangehenden Formen des Fantastischen ist das metaphysische Skandalon gewesen, der in der moderneren Neofantastik fehlt. Dieses Fachwort bezeichnet die Kennzeichnung des Paranormalen im Text, zum Beispiel dadurch, dass die Figuren der Erzählung sich über die Unmöglichkeit des Geschehens erschrecken oder verwundern. In Texten wie Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung, die Rühling zur Neofantastik rechnet, fehlt dieses Erstaunen vollkommen, was seinerseits ein Staunen beim Leser hervorrufen kann. In der besagten Erzählung verwandelt sich ein Mensch gleich zu Beginn in einen Käfer, eine Tatsache, die niemanden zu verwundern scheint. Weiterhin sei die Neofantastik mehr daran interessiert, logisch unschlüssige Geschichten zu produzieren, die unser Denken herausfordern, wie etwa der Argentinier Jorge Luis Borges mit seinen Ficciones.

Ausführlicher und überzeugend mit vielen Textbeispielen wird das bis hierhin Geschilderte in Rühlings Aufsatz Formen des Fantastischen dargestellt. Da ich hier die Themen nur anreißen kann, lohnt sich ein Blick in den Forschungstext auf jeden Fall.

Was ich hier bisher nicht erwähnt habe, ist Rühlings Anliegen, die fantastischen Formen, wo es möglich ist, anhand von Texten aus Skandinavien vorzustellen. Wer also einer der skandinavischen Sprachen mächtig ist oder wo sich eine Übersetzung ins Deutsche finden lässt, kann in diesem Aufsatz noch qualitativ hochwertige fantastische Literatur aus verschiedenen Zeitepochen entdecken, die anderswo selten so im Fokus steht.

Wem es aufgefallen ist: In diesem Artikel habe ich Fantastik konsequent mit F statt mit Ph geschrieben. Beide Schreibungen sind möglich. Ich habe mich an der von Rühling orientiert, weil es hier um die Terminologie aus seinem Aufsatz geht.

In Teil 1 ging es um die Definition des Fantastischen.

 

Literaturverweis

Lutz Rühling: Formen des Fantastischen. In: Verschränkungen der Kulturen. Hg. von Oskar Bandle u. a. Tübingen/Basel 2004, S. 411-443.

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 16:35
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Fantasy is escapist, and that is its glory. If a soldier is imprisioned by the enemy, don't we consider it his duty to escape? If we value the freedom of mind and soul, if we're partisans of liberty, then it's our plain duty to escape, and to take as many people with us as we can!“

― J. R. R. Tolkien