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21. Schocktober: „Re-Animator“ (1985)

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Stuart Gordons moderne Adaption von H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte Herbert West-Reanimator ist ein gefeierter Klassiker des Horrorfilms.

Aus der Mediengruft: wissenschaftliche Rezension

RA6Herbert West (Jeffrey Combs) ist ein brillanter Wissenschaftler und Mediziner. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, den Hirntod zu besiegen, was nicht weniger bedeutet, als den Schlüssel zur Unsterblichkeit zu entdecken. Seine Forschungsmethoden sind allerdings sehr ungewöhnlich, radikal und skrupellos. Dies führt dazu, dass West seine Tätigkeit als Assistenz des Gehirnchirurgen Dr. Gruber (Al Berry) in der Schweiz aufgeben muss. Als eine weitere Koryphäe auf diesem Gebiet gilt der eitle Dr. Carl Hill (David Gale), was West dazu bringt, sich als Student an der Miskatonic University im Bereich Medizin im dritten Studienjahr zu immatrikulieren. Dort trifft er auf den talentierten Kommilitonen Dan Cain (Bruce Abbott). Dan sucht zufällig einen Mitbewohner und Herbert West sucht eine Bleibe. Da der zwielichtige Forscher seine Miete im Voraus in bar entrichtet, kommen die beiden ins Geschäft und bilden fortan eine Wohngemeinschaft. Dans Verlobte Megan Halsey (Barbara Crampton), die zufällig die Tochter des Dekans (Robert Sampson) ist, hat bereits bei der ersten Begegnung mit Herbert West ein schlechtes Gefühl. Dies wird sich bestätigen, denn Herbert West zieht Dan unerbittlich hinein in einen Strudel des Irrsinns und macht ihn zu seinem Assistenten auf der Suche nach der Formel für ewiges Leben. Letztere besitzt allerdings noch gefährliche Nebeneffekte.

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Stimmung des Werkes und das Kuriosum von zwei ungekürzten Filmversionen

Re-Animator ist die filmische Adaption von H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte Herbert West-Reanimator. Der Film ist konsequent in den Neunzehnhundert-Achtzigern angesiedelt, der Zeit, in der Re-Animator entstand. Aus diesem Umstand ergeben sich einige Unterschiede zwischen der literarischen Vorlage und dem filmischen Werk. Es gibt noch einige andere Unterschiede zwischen den Werken. Besonders auffällig ist, dass der Film die Atmosphäre der Kurzgeschichte einfängt und die essenziellen Elemente des Schreckens in das neue Medium zu transferieren weiß. Wie in der Kurzgeschichte wird im Film der eigentlichen Erzählung eine Charakterisierung von Herbert West vorangestellt. Im Text schildert der erste Absatz zudem das Verhältnis von West und seinem Assistenten, der die Geschichte erzählt.

RA7“Of Herbert West, who was my friend in college and in after life, I can speak only with extreme terror. This terror is not due altogether to the sinister manner of his recent disappearance, but was engendered by the whole nature of his life-work, and first gained its acute form more than seventeen years ago, when we were in the third year of our course at the Miskatonic University Medical School in Arkham. While he was with me, the wonder and diabolism of his experiments fascinated me utterly, and I was his closest companion. Now that he is gone and the spell is broken, the actual fear is greater. Memories and possibilities are ever more hideous than realities.“ – H. P. Lovecraft, Herbert West-Reanimator, Kapitel 1

RA1Im Film wird der eigentlichen Geschichte vorangestellt, wie Herbert West ein Experiment mit einem grünlich-schimmernden Serum an Dr. Gruber durchführt, das in dessen Tod mündet. Am Ende des Films verschwindet Herbert West ebenfalls spurlos, so wie es in dem vorstehenden Zitat erwähnt wird. Der Film selbst existiert in zwei unterschiedlichen Versionen, einer Unrated-Fassung mit einer Laufzeit von 86 Minuten und einer Integral-Fassung mit 104 Minuten Laufzeit. Letztere ist sehr rar und lief in den USA leicht gekürzt als Kinoversion (R-Rated) des Films. Die R-Rated-Fassung ist eigentlich die US-TV-Fassung des Films, die allerdings – was bei dem Zeitunterschied offenbar ist – deutliche Unterschiede in der narrativen Dichte besitzt. So fehlt beispielsweise in der Unrated-Fassung eine Szene, in der Herbert West sein eigenes Serum injiziert bekommt. Diese Szene legt allerdings einen der Grundsteine für die Fortsetzung: Bride of the Re-Animator (1989), in dem neben dem Überlebenden Dan auch Herbert West zurückkehrt. Die Unrated-Fassung von Re-Animator ist international auf DVD und Blu-ray-Disc erhältlich. Die historische Entwicklung hat dafür gesorgt, dass es zwei Schnittfassungen von Re-animator gibt, die beide als ungeschnitten gelten. Nachdem Re-Animator vom Index genommen und neu freigegeben wurde, erschein der Film in Deutschland in einer limitierten Erstauflage von Capelight, die neben einer restaurierten Unrated-Fassung auf Blu-ray, auch eine restaurierte Integrated-Fassung des Films in High Definition enthält. International ist die Integrated-Fassung von Umbrella Entertainment (Australien) und Arrow Video (USA und UK) im Handel erschienen und das limitierte Mediabook mit der Unrated-Fassung von Re-Animator wird derzeit zwischen 40 und 80 Euro gehandelt (gebraucht). Die internationalen Wiederveröffentlichungen liegen in einem ähnlichen Preissegment. Die damalige US-Kinofassung musste im Punkto Sex/Nacktheit und Gewalt gekürzt werden, wodurch das Studio sich entschied, den Film mit weiteren Handlungssequenzen zu erweitern. Dadurch verliert der Film allerdings seinen eigentlichen Rhythmus, der auf 86 Minuten ausgerichtet ist und so auch veröffentlicht wird. In der Wiederveröffentlichung der Integrated-Fassung findet sich im Kern die Unrated-Fassung, die dann um eben diese zusätzlichen Szenen erweitert wurde, die in der gekürzten US-Kinoversion (R-Rated-Fassung) verwendet wurden.

Wer die Unrated-Fassung sehen möchte, der kann dies sogar auf der Leinwand tun. Am 31.10.2019 um 22:30 Uhr präsentiert Mellowdramatix die Vorführung von Re-Animator im Kino der Traum GmbH in Kiel.

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Diese Verknappung verdeutlicht, wie beliebt Re-Animator bei den Fans ist und welchen Kultstatus der Film besitzt. Tatsächlich ist Re-Animator einer der wenigen großen Horrorfilme, die bei Publikum und Presse gleichermaßen positiv angekommen sind. Hier in Deutschland profitierte das Marketing zudem von der Indizierung des Films, was den Kultstatus erneut verstärkte. Re-Animator war einer dieser „Verbotenen Filme“, die auf dem Schulhof als VHS herumgereicht wurden und als Mutproben verwendet wurden. Hier hat Bootleg-Marketing dafür gesorgt, das der Film im Grunde zu einem Klassiker geworden ist, ohne dass der Film beworben werden durfte. Da verwundert es wenig, dass eine länger Schnittfassung nach der Freigabe des Klassikers in Deutschland in kürzester Zeit ausverkauft ist.

Re-Animator ist sehr gut gealtert, die praktischen Effekte überzeugen auch heute noch. Der Film bietet kurzweilige Horrorunterhaltung und ist einer der besten Horrorfilme, die einen verrückten Wissenschaftler als Antagonisten inszenieren. Dabei ist es allerdings so, dass Herbert West nicht wirklich der Antagonist ist, sondern lediglich durch seine Besessenheit, den Tod besiegen zu können, viele Probleme entstehen, die dann zu existenziellen Konflikten für Dan Cain werden. Da Dan die handlungsführende Figur in Re-Animator ist, wird auch die Dramaturgie des Werkes an ihm ausgerichtet und diese ist in Re-Animator komplexer, als man annehmen könnte. Hier verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse, letztlich handeln alle Figuren aus ihren eigenen Interessen heraus, was dazu führt, dass dieses Werk überraschend ambivalente Figuren enthält und es einem am Ende um Herbert West sogar ein wenig leid tut. Dan ist allerdings die Figur, die zentrale charakterliche Entwicklungsschritte durchlebt und sich dabei verändert. Er ist somit der Protagonist in Re-Animator, die erzählte Figur, der Zuschauende primär folgen und durch dessen Perspektive die Geschichte dargeboten wird. Damit ergibt sich eine weitere Parallele zur Kurzgeschichte Lovecrafts, in der Rezipierende ebenfalls nur die Sicht des Erzählers auf das Geschilderte einnehmen können. Der Film wählt allerdings ein anderes, dramaturgisch düstereres Ende, als es die Kurzgeschichte tut.

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“The scream of a dead man gave to me that acute and added horror of Dr. Herbert West which harassed the latter years of our companionship. It is natural that such a thing as a dead man’s scream should give horror, for it is obviously not a pleasing or ordinary occurrence; but I was used to similar experiences, hence suffered on this occasion only because of a particular circumstance. And, as I have implied, it was not of the dead man himself that I became afraid.” – H. P. Lovecraft, Herbert West-Reanimator, Kapitel 4

Das vorstehende Zitat verdeutlicht einen weiteren Aspekt der Erzählung, der in der Stimmung und Inszenierung des Films vorhanden ist. Dan beginnt sich vor Herbert West zu fürchten, je weiter die Geschichte voranschreitet. Am Ende konfrontiert das Schicksal Dan mit einer weitreichenden Entscheidung.

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Fazit

Fast 33 Jahre nach seiner Veröffentlichung überzeugt Re-Animator noch immer. Dramaturgisch ist der Film wesentlich komplexer als viele Horrorfilme aus dieser Zeit. Mit seinem zentralen Thema, einer Bestrebung den Tod zu überwinden, offenbart das Werk zudem viele Ansatzpunkte philosophische Fragen stellen zu können. Stuart Gordons filmischer Adaption von H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte gelingt es zudem die essenziellen Schrecken der Vorlage in ein neues Medium zu transferieren. Abgerundet wird Re-animator von einer Priese schwarzen Humors und einer spannenden Geschichte. In der Folge ist Re-Animator ein Kultfilm, der diesen Titel unbestreitbar verdient, egal in welcher Schnittfassung. Das Werk wurde zweimal fortgesetzt und von Stuart Gordon 2011 als ein Musical auf die Bühne gebracht.

Trailer zu Re-Animator

Infokasten

„Re-Animator“

Regie: Stuart Gordon

Drehbuch: Dennis Paoli, William J. Norris, Stuart Gordon

Produktion: Brian Yuzna

Verleih: Capelight

Laufzeit: 86 Minuten (Unrated, uncut), 93 Minuten (R-Rated, zensiert) und 104 Minuten (Integral, uncut)

USA  1985

Veröffentlichung: Der Film ist in der Unrated-Fassung im Handel erhältlich, auf DVD, Blu-ray-Disc und als Video-on-Demand.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amDienstag, 22 Oktober 2019 19:27
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Der Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: - es öffnet sich uns die Welt der Geister.“

– Gérard de Nerval in „Aurelia oder Der Traum und das Leben