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„Tatort: Fürchte Dich“. Eine Schande für das Horrorgenre?

Filmausschnitt Das Erste (ARD) Filmausschnitt

Der versuchte Genre-Mix von Andy Fetscher ließ viele Tatort-Zuschauer ratlos zurück. Fürchte Dich erreichte bei der Erstausstrahlung aber 7 Millionen Menschen.

Kommentar und Einordnung

In Kennerkreisen ist Andy Fetscher als einer der wenigen deutschen Horrorgenreregisseure bekannt. Urban Explorer schaffte es 2011 auf das Fantasy Filmfest und bot mit Max Riemelt einen bekannten deutschen Schauspieler auf. Im Tatort ist das Schauspielmaterial nicht ganz so hochwertig, doch entscheidend ist das Drehbuch. Denn dieses hat mit einem Tatort nicht wirklich etwas zu tun. Nun ließe sich argumentieren, dass Kriminalgeschichten auch schnell mal zu wirklichkeitsnahem Horror werden können, wie beispielsweise in The Missing oder Die Weisse Lilie. Nur entscheidet sich Fürchte Dich für einen lieblosen Eintopf aus verschiedensten Motiven, Stoffen und Klischees des paranormalen Horrors, der ans Phantastische grenzt. Das lose Stückwerk ist dann der fertige Film, der mit einer Kriminalgeschichte in etwa so viel gemein hat wie mit einem gelungenen Horrorwerk.

Tatort FD 4Der Versuch, einen Tatort ins Phantastische zu verlagern, hätte bei den Verantwortlichen eigentlich alle Alarmglocken zu Jubelchören treiben müssen, denn eine wirklichkeitsnahe Kriminalfilmreihe mit Elementen von Geistergeschichten, Hexen, Opferritualen, Ekeleffekten und Verfluchung zusammenzubringen, klingt für einen TV-Krimi mit einer klar definierten Zielgruppe absolut verfehlt. Eben das ist es auch, doch abgesehen davon kann man den Mut der ARD loben. Endlich wurde mal etwas Neues in der Primetime versucht zu platzieren, wenn auch nur unter dem Deckmantel des Tatorts und mit einer narrativen Umklammerung – einer Absicherung, wenn man so will – dass der gesamte Film nie stattgefunden haben muss, da dieser als die Erzählung einer Figur inszeniert wird. Durch dieses Element kann die Reihe einfach ignorieren, dass die Geschehnisse aus Fürchte Dich jemals stattgefunden haben oder welche Aspekte daraus weiteren Einfluss auf die Serie haben werden. Der Film wird aus Sicht von Polizeipsychologin Anna Janneke (Margarita Broich) geschildert und somit kann es ebenfalls als eine Horroranekdote zu Halloween gewertet werden. Dieser Gedanke ist clever und verschafft der Geschichte die notwendige Zweideutigkeit. Nur gibt es in diesem Film nicht wirklich einen Tatort, denn eigentlich kommt ein augenscheinlich verwirrter alter Mann (Axel Werner) delirierend zum Haus von Fanny (Zazie De Paris) geschlurft und will dies bei Nacht niederbrennen. Dabei bricht er jedoch zusammen und wird ins Krankenhaus gebracht. Gerade ist bei strömendem Regen ein geistig verwirrter Mann zu Boden gerissen worden – von einer halbwegs leblosen Hand gepackt und nach draußen gezogen (hier beginnt für Horrorkenner der Klischee-Zähler). Wie der Zufall so will, ist Fanny die Lebensgefährtin von Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch). Als Kommissar fragt er sich, was genau hat der Mann dort gesucht und versucht sich in ihn hineinzuversetzen. Dies führt ihn auf den Dachboden. Dort findet der Kommissar das Skelett eines Mädchens und verstaut es einfach so in einem Karton. Als die Notärzte eintreffen, erscheint auch Anna Janneke auf der Bildfläche, die sich um Fanny kümmern soll, da diese sich laut Brix merkwürdig verhält, seit der unbekannte Mann aufgetaucht ist. Hier wird im Folgenden alles von einer schizophrenen Störung – welche die Psychologin nicht erkennt – über eine wahnsinnige Persönlichkeitsstörung bis hin zu Besessenheit gezeigt. Das allein wäre im Grunde genug des Schreckens für einen Film, der dann versucht diesen Konflikt zu lösen. Doch bei einem Tatort Tatort FD 3muss es ja immer mehrere Fährten geben und daher muss dies auch hier geschehen. Die Enkelin des verwirrten alten Mannes heißt Merle Schlien (Luise Berfort) und taucht unvermittelt bei Kommissar Brix auf. Sie hat eine Verbindung zu ihrem Opa, der offenbar ein dunkles Geheimnis verbirgt. Als ihr Großvater zusammenbricht, beginnt Merles Nase zu bluten und sie weiß, dass mit ihrem Opa etwas nicht stimmt. Ohne zu reflektieren nimmt der Kommissar die scheinbar verwirrte Merle mit auf seine Ermittlungen, die durch einen unglaubwürdig kompetenten Gerichtsmediziner schon nach zwei Stunden das tote Mädchen identifizieren kann – mit Hilfe der Akten. Nebenbei zeigt Fanny Anna einen 8mm-Film von der Tragödie im Kinderheim, das ihr jetziges Wohnhaus einst war. Dann taucht noch ein Geist auf. Fanny beginnt damit, okkulte Zeichen an die Wände zu schmieren, mit Blut, bei dem niemand weiß, woher es kommt, und in einer Menge, die man in den wenigen Stunden, in denen die Handlung des Films spielt, unmöglich durchführen kann. Sie zeichnet Bannkreise und redet wirres Zeug. Dann kommt auch noch der Vater (Marko Dyrlich) von Merle ins Spiel, der aus Gier das ehemalige Haus seines Vaters finden will und dort Reichtümer vermutet. Das ist alles ziemlich lückenhaft und in der Summe einfach zu viel, ein bisschen von allem, aber nichts richtig. Dadurch ist Fürchte Dich auch eine wenig gelungene Karikatur eines Horrorfilms, die nichts Schreckliches besitzt, außer der dümmlichen Klischeehaftigkeit, die kaum zu ertragen ist.

Tatort FD 1

Tatort FD 2Fürchte Dich ist der nächste Beweis dafür, dass Horrorfilme aus Deutschland nur selten funktionieren. Das Ganze als Teil der Tatort-Reihe der ARD auf die Menschen loszulassen, gibt einem solchen Machwerk lediglich viel Reichweite, die dann in der breiten Masse wieder den Eindruck bestärkt, Horror sei genauso wie das hier gebotene. Das ist traurig und macht den Film von Andy Fetscher zu einem tragischen Element für das gesamte Genre.  Horror und Krimi kann man kombinieren, die Grenzen sind manchmal sogar fließend. Wenn die ARD sich traut, einen Tatort mit phantastischen Elementen und Horrorsujets zu produzieren, ist das grundlegend keine schlechte Idee. Doch wenn man das alles so plump macht, wie es hier geschieht, dann ist das ein Projekt, das bereits in der Schaffung zum Scheitern verurteilt ist. Doch wer beim Tatort entscheidet, hält Klischees im Übermaß wohl für eine gute – oder zumindest keine schlechte – Idee, was wiederum einer Katastrophe gleichkommt. Wer kein Verständnis von Horror und Phantastik hat, macht einfach ganz automatisch viel falsch. Man versucht hier einen Horrorfilm zu präsentieren, was aber für das Fernsehpublikum des Tatorts bereits zu viel scheint. Auf Seiten des Horrors hilft auch keine – ich will es mal positiv deuten – Hommage an Saw, die von Genrekenntnis zeugt, die jedoch derart plump und ideenlos kopiert wird, dass man hier fast von einem Plagiat sprechen muss.

Ich war zuvor schon kein großer Fan vom Tatort, weil das eigentlich immer derselbe Stoff ist und auch kein Fan von Andy Fetscher doch gab diesem Experiment eine faire und unvoreingenommene Chance zu funktionieren. Fürchte Dich bietet jedoch wenig dramaturgische und narrative Qualität – sowohl für einen Krimi als auch für einen Horrorfilm und wird in der Mischung zu einem filmischen Missgeschick, das weder dem Tatort noch dem deutschen Horrorfilm guttut, sondern nur deren Reputation schadet. Vielleicht sollte mal jemand Andy Fetscher die Gelegenheit geben, einen gut geschriebenen Horrorfilm zu inszenieren, denn grundlegend versteht der Mann, was er da macht, doch seine Filme sind bisher leider wenig gelungen – da ist sein Ausflug zum Tatort keine Ausnahme, sondern markiert vielmehr einen neuen Tiefpunkt.

Trailer Tatort: Fürchte Dich

Tatort: Fürchte Dich (verfügbar bis 05.11.2017)

Infokasten

„Fürchte Dich“ aus der Reihe Tatort (Episode 1033)

Regie: Andy Fetscher

Drehbuch: Christian Mackrodt, Andy Fetscher

Produktion: Hessischer Rundfunk, Das Erste (ARD)

Laufzeit: 89 Minuten (uncut)

Erstausstrahlung: 29.10.2017

Letzte Änderung amSonntag, 05 November 2017 13:05
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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„Der Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: - es öffnet sich uns die Welt der Geister.“

– Gérard de Nerval in „Aurelia oder Der Traum und das Leben