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Auch mit neuen Figuren exzellent: „The Missing“ (Staffel 2)

Screenshot Pandastorm Screenshot

Obwohl die erste Staffel von The Missing keine Option auf Fortsetzung offenbarte, wird die düstere und intensive Thrillerserie um Julien Baptiste fortgesetzt.

Rezension und Einordnung

Mis2 5Der Entführungsexperte der französischen Polizei (Tchéky Karyo) hat sich nach dem Abschluss des Falls Hughes (Staffel 1) endlich zur Ruhe gesetzt. Ihm selbst gefällt der Trubel um seine Person nicht sonderlich, daher lebt er zurückgezogen mit seiner Frau Celia (Anastasia Hille). Bis eines Tages sein Telefon klingelt. Am anderen Ende ist Sergeant Eve Stone (Laura Fraser) von der britischen Militärpolizei. Sie ruft an, da ein seit 2003 vermisstes Mädchen nach elf Jahren wieder aufgetaucht ist. Es handelt sich um Alice Webster (Abigail Hardingham), die entführt wurde. Sie scheint aus einer langen Gefangenschaft entkommen zu sein. Da Alice den Namen Sophie Giroux äußert, wird Baptiste eingebunden. Denn Sophie Giroux wurde ebenfalls entführt, ein Jahr vor Alice. Baptiste war damals der leitende Ermittler und hat mit dem Fall bis heute nicht abschließen können. Nun ergibt sich eine neue Verbindung, eine Chance, den Fall aufzuklären. Aus diesem Grund reist Baptiste nach Deutschland, in der Hoffnung, Hinweise über den Verbleib von Sophie zu entdecken.

Die Geschichte über die Entführungen der beiden Mädchen wird auf insgesamt fünf Zeitebenen vermittelt. Dabei stehen im Fokus die Familie Webster, die Ermittler von Polizei und Militärpolizei sowie Julien Baptiste und ein Ehepaar, das eine Metzgerei betreibt. Wie in der ersten Staffel nimmt sich die Serie viel Zeit, um die Figuren zu zeichnen. Das Spannungsfeld ist – allein schon wegen der gegebenen Thematik einer Entführung und der Perspektive auf die Hinterbliebenen – ein Ähnliches wie in der ersten Staffel. Doch die Figurenkonstellation ist eine vollkommen andere. Hier zerbricht die Familie Webster daran, dass die Tochter wieder auftaucht, und nicht daran, dass das Mädchen verschwindet. Der Verlust der Tochter hat selbstverständlich Spuren hinterlassen, doch erst die Rückkehr eines veränderten Menschen lässt das fragile Gefüge zerbrechen. Denn es deuten sich Zweifel daran an, dass Alice die Person ist, die sie vorgibt zu sein.

Mis2 6

Mis2 3Antworten auf die Hintergründe erhofft sich Julian Baptiste vom britischen Soldaten Daniel Reed (Daniel Ezra), der nach dem Selbstmord seines Vaters in den Irak gegangen ist. Entscheidend hierfür sind Geschehnisse zu Zeiten der „Operation Dessert Storm“ im Jahr 1991, in die Reeds Vater verwickelt gewesen zu sein scheint. Dieser Handlungsstrang findet im Jetzt der Erzählung statt. Entsprechend kompliziert ist die Situation im Irak, wo sich eine komplizierte Gemengelage zwischen irakischer Armee, Peschmerga und IS findet. Dadurch bekommt die Serie auch eine politische Dimension, ohne jedoch eine Position zu beziehen. Auch vor der Inszenierung des Krieges in aller Heftigkeit macht die Serie nicht halt, inszeniert die Schattenseiten und Grausamkeiten des Konfliktes.

Mis2 1Das Schicksal der verschwundenen Mädchen ist grausam, komplex und zieht Kreise der Verdamnis nach sich. Wie in einen Strudel, der sich allem bemächtigt, werden auch die Figuren immer tiefer in das Grauen hineingezogen. Die Partnerschaft von Sam (David Morrissey) und Gemma Webster (Keeley Hawes) wird über die Erzählzeit mehreren Zerreisproben unterzogen. Der Sohn Matthew (Jake Davies) verbringt seine Zeit mit zwei Skinheads, die eine spezielle Auffassung von Justiz haben, nämlich die, dass diese selbst durchgeführt werden müsse. Dieser Einfluss prägt zunehmend auch Matthew, der sich in Gewalt, Alkohol und Drogen treiben lässt, um die Wirklichkeit zu verdrängen. Diese Beschreibung greift allerdings zu kurz. Alle für die Erzählung zentralen Figuren haben komplexe Konflikte zu überwinden und werden dabei mehrdimensional charakterisiert. Beispielsweise erhält Julien Baptiste auch einen persönlichen Antrieb zur Auflösung des Falls und sieht sich selbst einem schrecklichen Schicksal gegenüber.

Die erzählte Geschichte reicht über einen Zeitraum von 1991 bis 2017 und offenbart zunehmend Zusammenhänge zwischen Figuren, Motivationen und Konflikten. Das Ende der zweiten Staffel ist komplett anders als bei der ersten, auch die Heftigkeit ist eine andere. Dies liegt im behandelten Konflikt begründet, denn das Verschwinden eines Kindes und die Entführung zweier Teenager sind unterschiedlich angelegt. In dem dramaturgischen Konstrukt der Serie ist die Handschrift der Autoren Harry und Jack Williams erkennbar, doch durch einige Überraschungen bleibt es bis zuletzt unvorhersehbar. Der Schlusspunkt ist ein offenes Ende, was bedeuten kann, dass es weitere Staffeln von The Missing geben könnte. Aufgrund der Qualität beider Staffeln, wäre dies wünschenswert, zumal Julien Baptiste ein besonders vielschichtiger Ermittler ist und die behandelten Themen sehr intensiv und spannend vermittelt werden.

Auch die zweite Staffel von The Missing ist überragend. Zwischen wirklichkeitsnahem Horror, Thriller und Kriminalgeschichte ist diese Serie in ihrer Inszenierung und Dramaturgie komplex und konsequent. Die emotionale Wirkung ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man diese Serie bewusst ansieht. Wer die rund acht Stunden für diese Serie investiert, wird mit einer spannenden Erfahrung bereichert, was die Investition von Zeit und Geld wert ist. The Missing ist ein makelloses Werk – vielleicht die beste Serie, die je gemacht wurde – und erstaunlicher Weise noch immer ein Geheimtipp.

Trailer zu The Missing – Staffel 2

Infokasten

„The Missing“ (Staffel 2)

Regie: Ben Chanan

Drehbuch: Harry und Jack Williams

Produktion: Company Pictures, Two Brothers Pictures

Laufzeit: 58 Minuten/ Episode (Uncut)

Verleih: Pandastorm

UK | Frankreich | Belgien | USA

Ab 29.09.2017 im Handel auf DVD, Blu-ray-Disc und digital.

Letzte Änderung amFreitag, 29 September 2017 20:02
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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Dann, wenn es tagt, entweichen sie, jedes nach seiner Seite: Hexen, Kobolde, Visionen, phantastische Bilder. Nur gut, daß sich dieses Volk nur nachts und im Dunkel zeigt. Niemand konnte herausfinden, wo es sich tagsüber einschließt und verbirgt.

– Francisco de Goya über eine phantastische Radierung aus seiner Bilderreihe Los Caprichos.

(Dazu passt das 43. Blatt der Caprichos).