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Serie

Intensive Hochspannung: „The Missing“ (Staffel 1)

DVD-Cover (Ausschnitt) Pandastorm DVD-Cover (Ausschnitt)

Selten gibt es eine Serie, die so sehr packt wie The Missing. Die Geschichte um das Verschwinden eines Kindes in Nordfrankreich berührt, bewegt und wirkt nach.

Rezension

The Missing erzählt die Geschichte von Tony Hughes (James Nesbitt), seiner Frau Emily (Frances O’Connor) und ihrem Sohn Oliver (Oliver Hunt). Es ist Fußballweltmeisterschaft 2006. Der Handlungsort ist Nordfrankreich. Im Sommerurlaub der britischen Familie Hughes verschwindet Oliver spurlos aus einem Freibad. Die Kommunikation mit der Polizei vor Ort gestaltet sich zunächst schwierig. Zudem ist der Abend, an dem Frankreich gegen Brasilien spielt und gewinnt. Entsprechend ausgelassen feiern die Menschen auf den Straßen. Tony und Emily hingegen sind verzweifelt. Keine Spur von ihrem fünfjährigen Sohn, wie vom Erdboden verschluckt. Der Experte für Entführungsfälle Julien Baptise (Tchéky Karyo) wird aus Paris einbestellt und übernimmt die Ermittlungen. In alle Richtungen offen wird zunächst gegen den polizeibekannten Pädophilen Vincent Bourg (Titus De Voogdt) ermittelt und eine Spur zu einem Kinderschmugglerring aufgenommen.

2014. Acht Jahre sind vergangen seit Oliver verschwunden ist. Tony Hughes und seine Frau sind geschieden, der Fall gilt als abgeschlossen, doch es wurde nie eine Leiche oder ein lebendes Kind gefunden. Tony Hughes kehrt an den Ort zurück, in dem sein Sohn verschwunden ist, in der Hoffnung, etwas gefunden zu haben. Denn auf dem Foto eines Stadtfestes entdeckte er den Schal, den sein Sohn am Tag des Verschwindens trug. Die Pfade von Tony und Julien Baptiste kreuzen sich erneut und gemeinsam versuchen sie dieser neuen Spur nachzugehen, so gering die Chance auf Erfolg auch sein mag.

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Auf mehreren Erzählebenen wird die tragische Geschichte der Familie Hughes erzählt. Über die meisten Episoden im Zeitraum von 2006 und 2014, in den beiden letzten Folgen kommt noch eine weitere Zeitebene hinzu, der Sommer 2009. Über insgesamt acht Episoden wird eine komplexe Geschichte erzählt, in der immer wieder Wendungen und erfolglose Spuren die Spannung auf dem Siedepunkt halten. Beeindruckend ist, wie Regisseur Tom Shankland die Schauspieler so führt, dass diese komplett authentisch erscheinen. Dadurch, dass das Ensemble derart natürlich wirkt, ist The Missing unglaublich intensiv.

Missing2Geschrieben wurde die Serie von Harry und Jack Williams, die mit Tom Shankland (WΔZ, The Children) bewusst einen Regisseur verpflichtet haben, der eine Affinität zum Horrorgenre besitzt. Die Schrecken, die Familie Hughes in The Missing durchleidet, sind derart grausam, dass es zweifellos und guten Gewissens möglich ist, die Serie als Horrorthriller zu kategorisieren. Unangenehme Motive wie Kinderpornografie, Pädophilie, Entführung, Folter und Gewalt werden nicht ausgespart, sondern dem Zuschauenden zugemutet, wodurch die Handlungen der Figuren deutlich nachvollzogen werden können. Als nach acht Jahren wirklich wieder eine heiße Spur auftaucht, werden parallel dazu alte Wunden aufgerissen. Die Geschichte mehrere Figuren wird weitererzählt, so beispielsweise die des Journalisten Malik Suri (Arsher Ali) oder die des korrupten Polizisten Khalid Ziane (Saїd Taghmaoui), der in die Ermittlungen verwickelt war und acht Jahre später im Gefängnis sitzt. Ebenso wird die Geschichte von Vincent Bourg weitererzählt, der irgendwie in die Geschehnisse verstrickt zu sein scheint.

Missing3Die Lösung befindet sich von Beginn an auf der Bühne, aber nur dann, wenn man weiß, worauf geachtet werden muss. Dennoch bleibt bis zur letzten Episode unklar, was wirklich geschah, wer der Täter ist und mit welchem Motiv dieser handelte. The Missing bietet Hochspannung auf Welt-Niveau. Als transeuropäische Serie (UK, Frankreich, Belgien) in den USA für die größten Serienpreise nominiert zu werden (je zwei Golden Globes und Primetime Emmys) unterstreicht die Qualität von The Missing. International wird die Serie von der Presse gefeiert. Die zweite Staffel wird im Verlauf dieses Jahres veröffentlicht und verspricht das Konzept fortzusetzen. Allerdings wird die Geschichte um die Familie Hughes in der ersten Staffel abgeschlossen.

Wenn man The Missing zu schauen anfängt, dann sollte man sich acht Stunden Zeit mitbringen. Die Serie ist einzigartig und überzeugt in allen Belangen. Die Heftigkeit der Thematik ist so schrecklich, dass man sich hineinversetzen kann. Grade diese Schrecken machen The Missing so gut. Eine Serie wie keine andere, die sich viel Zeit nimmt, die Figuren zu definieren und den Zuschauer auf falsche Pfade zu locken. Die Serie hängt einem noch einige Tage nach, was in unserer schnelllebigen Zeit als klares Qualitätsmerkmal verstanden sein soll. The Missing ist die beste Serie, die ich seit langem gesehen habe.

Trailer The Missing (Staffel 1)

Infokasten

„The Missing“

Regie: Tom Shankland

Drehbuch: Harry und Jack Williams

Produktion: Company Pictures, Two Brothers Pictures

Laufzeit: 58 Minuten/ Episode (Uncut)

Verleih: Pandastorm

UK | Frankreich | Belgien | USA

Ab 21.04.2017 im Handel auf DVD, Blu-ray-Disc und Video-on-Demand (VoD)

Letzte Änderung amFreitag, 10 November 2017 15:24
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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Unter anderem auch das

"Games introduced us to a symbiotic relationship with machines that we took for granted."

(aus Gordon Calleja (2011) In-Game, S.2)