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Malerei & Illustration

Street-Art des Künstlers Pejac

Ein Bild des Künstlers Pejac. Pejac Ein Bild des Künstlers Pejac.

Pejacs Street Art spielt damit das Gehirn der Rezipierenden so manipulieren zu können, dass diesen etwas vorgegaukelt wird. Wirklichkeit und Kunst verschwimmen.

Die Street-Art des Künstlers Pejac spielt in faszinierender Weise mit den Grenzen von Kunstwerk und dessen unmittelbarer Umgebung. Man kann dem Maler einen besonderen Blick attestieren, da er gezielt scheinbar gewöhnliche Orte in Straßen und Hinterhöfen auswählt, um sie mit seinen Bildern um eine neue Betrachtungsebene zu erweitern. Man muss oft schon ein zweites Mal hinschauen, um klar ausmachen zu können, wo das Gemalte aufhört und die Umgebung beginnt. So wird etwa das Sonnenlicht, das auf die Farbe eines Bildes fällt, im Bild selbst fortgesetzt und dort von der gemalten Lupe eines Mädchens gebündelt. Oder der Kondensstreifen eines längst verschwundenen Flugzeugs wird zum Drahtseil einer balancierenden Silhouette auf einer Fensterscheibe. Beide Kunstwerke leben natürlich von den Bedingungen des Augenblicks und der richtigen Perspektive. Beides hat Pejac in Fotos festgehalten und im Internet geteilt.

Die optischen Tricks, die der Maler für seine Kunst brauchbar macht, entwickeln ein gewisses fantastisches Moment, was zwar nicht neu ist, aber interessant genug, um es sich etwas genauer anzusehen. Ich schreibe ‚fantastisch‘ nicht bloß, weil etwas abgebildet wird, das so in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist, sondern weil Sehgewohnheiten mit Absicht gestört und derart Irritationsmomente beim Betrachten erzeugt werden.

Pejac dekonstruiert in seinen Bildern gewissermaßen die menschliche Wirklichkeitswahrnehmung, indem er Teile der Wirklichkeit auf eine Weise in seine Motive einflechtet, die optisch die Grenzen zwischen Kunstwerk und Umwelt verwischt. Nach dem für Street Art nicht unüblichen Effekt der Irritation stellt sich die Erkenntnis ein, dass man als Betrachter des Bildes einem optischen Trick aufgesessen ist. Es wird deutlich, dass im Grunde alles, was wir mit unseren zwei Augen sehen, nicht unmittelbar die Wirklichkeit ist, sondern nur die Art und Weise, wie wir als Menschen die Welt um uns herum wahrnehmen können.

Ein Zusammenspiel aus Kunst und Wirklichkeit

Street Art Pejac 1Vieles davon ist Gewohnheit und wird daher von unserem Gehirn bereits erwartet bzw. erst durch die uns antrainierten oder angeborenen Muster erkennbar. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber meines Wissens nach ist belegt, dass unser Gehirn zum Beispiel darauf geeicht ist, Stimmen zu hören und menschliche Gesichter zu sehen, weshalb wir manchmal sogar glauben, dass eine im Radiorauschen zu hören und das andere in eigentlich wirren Formen zu entdecken. Immer wenn ein solcher Erkennungsprozess scheitert, stutzen wir und meinen, uns etwas eingebildet zu haben oder eben auf einen Trick hereingefallen zu sein. Dabei ist es unser eigenes Gehirn, das uns etwas vorgegaukelt hat.

Pejacs Street Art spielt mit diesen Grenzfällen und überspielt dabei die Grenzen von Wirklichkeit und Kunst, zumindest für den Augenblick der Irritation – bis der Trick erkennbar wird. Das ist, was ich mit ‚fantastisch‘ meine. Dieser Moment der Unsicherheit über den Status eines Geschehens – Die Frage: Ist es real oder vielleicht eine Täuschung? – findet sich auch als dramaturgische Technik in fantastischen Erzählungen und Filmen.

Der spanische Künstler spricht in einem Interview auf societeperrier.com selbst von einem Spiel mit der Wahrnehmung von Realität: „In some works I clearly work with optical distortions/illusions, with the sole intention to not only play with the concept but with the very perception of reality. I just find it so powerful that something as primitive as painting on a wall allows me to make a paper plane go through a brick wall, or to have a person finding a door where there was nothing but a crack on the wall.“

Street-Art-Pajec-2Auch fantastisch nenne ich manche seiner Kunstwerke, weil gewohnte Formen durch ihre Darstellungsweise plötzlich befremdlich wirken und so ebenfalls ein Irritationsmoment erzeugen. Es hat etwas zunächst Verstörendes, wenn etwa das bekannte Bild einer Allee derart aufgelöst wird, dass die Straße bald nach links, die Bäume aber nach rechts abbiegen. Zugleich offenbart sich etwas durch diese Form der Darstellung, tritt wortwörtlich vor die Augen, nämlich die wesentlichen Bestandteile, aus denen eine Allee besteht, werden jedes für sich fassbar: die Bäume und die Asphaltbahn. Mit einem Mal lässt sich etwas Bekanntes mit ganz neuen Augen betrachten. Auch das hat dekonstruktive Züge.

Natürlich hat Pejacs Kunst nicht unmittelbar zum Ziel, uns das bewusst zu machen, auch wenn sie dazu anregen kann, sich derartige Gedanken zu machen. Daher würde ich sagen, dass es für den Betrachter in erster Linie um den sinnlichen Reiz dieser Irritationseffekte und ihrer kreativen Energie geht, um das Erleben der Schönheit eben, die in Kunst mit dem Wissen um die Unzulänglichkeit unseres Gehirns geschaffen werden kann.

Ein Blick in die Online-Galerie des Künstlers lohnt sich also und führt unmittelbar vor Augen, was ich hier mit vielen Worten umständlich zu beschreiben versucht habe.

 

Links

Pejacs Website

Pejac auf Instagram

Interview mit Pejac auf societeperrier.com (nicht mehr erreichbar, zuletzt geprüft August 2017)

 

Bildrechte: Alle verwendeten Bilder gehören ihrem Urheber, dem Künstler Pejac, und werden hier nur zu Illustrationszwecken wiedergegeben.

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 18:19
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Ich habe den ganzen Kosmos mit meinem Schädel zerkaut! Ich habe gedacht, bis mir der Speichel floß. Ich war logisch bis zum Koterbrechen. Und als sich der Nebel verzogen hatte, was war dann alles? Worte und das Gehirn.“

Gottfried Benn