log in

Besprechungen

30. Schocktober: „Dressed to Kill“ (1980)

Collage aus Werbematerial Filmconfect, MGM Collage aus Werbematerial

Michael Caine und Angie Dickson sind die Stars in Brian De Palmas Dressed to Kill. Ein Psychothriller über Emanzipation, Lust und Wahnsinn mit Psycho-Referenz.

Aus der Mediengruft: wissenschaftliche Rezension

DTK 1Brian De Palma hat eine ziemlich beachtliche Menge an Regiearbeiten abgeliefert. De Palma war eigentlich nie ein Mainstream-Regisseur, auch wenn einige seiner Filme ein breites Publikum erreichten. Zu den bekanntesten seiner Filme gehören wohl Mission Impossible, Carrie und Mission to Mars sowie seine Version von Scarface. Letzterer mit Al Pachino in der Hauptrolle gilt als Kultfilm und ist ähnlich wie Fight Club in vielen Filmsammlungen zu finden. Gern bedient De Palma sich bei seinen Filmen an Ideen anderer und macht somit nicht nur viele Remakes, sondern zitiert auch gerne. Der vorliegende Fall von 1980 hat dieses Zitat bereits im Titel: Dressed to Kill ist ein mehr als deutlicher Verweis auf Hitchcocks Klassiker Psycho.

DTK 2

Ähnlich wie in Psycho hält die Protagonistin nicht allzu lange durch, bevor sie von einem Mörder mit einer Perücke getötet wird. Allerdings nähert sich De Palma der Thematik anders an, als es Hitchcocks Werk tut. Dressed to Kill thematisiert weibliche Lust, sexuelles Verlangen und Sehnsüchte. Zudem liefert der Film anstößige Szenen, zumindest für ein amerikanisches Publikum. Nacktheit, weibliche Masturbation und ein expliziter Kehlenschnitt sind schon recht happig für etwas mehr als anderthalb Stunden. Dabei ist Dressed to Kill mehr Kunstfilm als gruseliger Psychohorror. Weniger die Geschichte ist das Interessante, sondern vielmehr die Inszenierung der Charaktere und ihre Bestrebungen. Die ersten 25 Minuten kommen weitgehend ohne Dialoge aus, De Palma überlässt dem gewählten Medium die Möglichkeit zu erzählen, zu präsentieren und keine Rahmenhandlung zu erschaffen. Damit ist Dressed to Kill einer der Filme, die die Unterscheidbarkeit von Narration und Monstration sehr deutlich machen.

„Die Monstration schafft durch spezifische Eigenschaften und Indikatoren eine Strukturbildung der Präsentation eines Stoffes. Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Herausstellung inszenierter Elemente in einem Stück. Es umfasst die gesamte Bühne (sowohl medienspezifisch als auch transmedial) und alle strukturbildenden explizit vor-Augen-führenden dramaturgisch motivierten Indikatoren, die für eine Präsentation benötigt werden. Dabei wird die Bühne mindestens in Teilen durch das spezifische Medium definiert. Folglich können verschiedene Formen der Monstration in unterschiedlichen Medieninhalten zum Einsatz kommen. Monstration ist die Grundlage einer Präsentation und stellt somit einen zentralen Strukturaspekt der Inszenierung dar. Ferner können die geschaffenen Strukturen nicht von der Dramaturgie eines Werkes gelöst werden. Deutlich wird dies bei der Adaption von Werken in anderen Medienformen. ‚Durch den Wechsel in eine neue mediale Form entsteht auch immer eine neue Perspektive auf einen Stoff. Dieses Phänomen ist bekannt aus Literatur, Film, Comics und vielen anderen Medien.‘ (Heuer 2017)“ (Heuer 2019)

Im Fall von Dressed to Kill wird die amerikanische Großstadt als ein gefahrvoller Ort präsentiert, in dem viele unterschiedliche Figuren existieren, die nicht narrativ miteinander verbunden werden. Aus diesem Fundus an Möglichkeiten kristallisieren sich über den Verlauf des Films die handlungsführenden Figuren heraus, die dann narrativ miteinander verbunden werden. Das Werk verfügt aber bereits in der rund fünfunddreißigminütigen Eröffnungssequenz über Spannung und dramaturgische Qualitäten, was belegt, dass monstrative Indikatoren ebenso strukturbildend für die Dramaturgie eines Werkes sein können, wie es die erzählte Geschichte eines Werkes, die Narration, ist. In diesem Zusammenhang ist Dressed to Kill ein hervorragendes Beispiel.

DTK 3

Die Geschichte von Dressed to Kill bildet sich erst nach der Eröffnungssequenz heraus. Liz Blake (Nancy Allen) ist die einzige Zeugin an dem brutalen Mord der bis hierhin zentral präsentierten Figur Kate Miller (Angie Dickinson). In den ersten 35 Minuten des Werkes steht Kate im Zentrum. Sie ist sexuell frustriert, von ihrem Ehemann werden ihre Lüste und Bedürfnisse nicht befriedigt. Kate beginnt sich selbst zu befriedigen, mit Vergewaltigungsfantasien. Nach einem Seitensprung mit einem Unbekannten wird sie ermordet. An diesem Punkt wechselt die Perspektive auf Liz, die als Call-Girl ihr Geld verdient. Liz wird für die Polizei zur Verdächtigen und für den Täter potenziell zum nächsten Ziel.  Die Geschichte von Dressed to Kill ist ab diesem Punkt figurenzentriert und von Liz Blakes Charakter getrieben.

DTK 4Dressed to Kill plädiert für Gleichberechtigung von Partnern in einer Beziehung. Verpackt wird dieser Apell in einen spannenden Thriller, der bis zuletzt spannend bleibt. Visuell ist Dressed to Kill deutlich expliziter als viele andere Werke aus dieser Zeit. Besonders dem Diskurs weiblicher Lust gibt De Palma viel Raum. Hier ist es irgendwo auch ein Kampf von Sehnsüchten, Verlangen und selbstbestimmter Sexualität, was Dressed to Kill in diesen Belangen komplexer gestaltet als es Hitchcock bei Psycho getan hat. Der wirklichkeitsnahe Schrecken entwickelt sich hier auch aus der Unterdrückung von Lust und einer zwanghaften Anpassung an das gesellschaftlich Akzeptierte.

Der Anfang steht die Suche einer sexuell unerfüllten Frau nach einer orgastischen Erfahrung. Nachdem diese brutal getötet wird, entwickelt sich eine dünne Geschichte um die einzige Zeugin der Tat, die fortan immer wieder zum Ziel von Angriffen wird. Gerade durch die offensichtliche Referenz zu Psycho hat der Film seinerzeit von sich Reden gemacht. Allerdings geht Dressed to Kill in der Bildsprache deutlich expliziter vor, als es Hitchcock bei Psycho getan hat. Dabei ist ein viel diskutierter, aber nicht ansatzweise so überraschender Film entstanden, wie man annehmen könnte. Dazu sind die Verweise auf Psycho zu präsent im letzten Drittel des Films. Da Dressed to Kill aber nicht von der Erzählung, sondern von dem Präsentierten lebt, ist dies zu verschmerzen.

Literaturverzeichnis

Heuer, Thomas (2017): „Ghost in the Shell“. Körper, Seele, Technik. Hg. v. Mellowdramatix | Phantastik, Horror & Science-Fiction. Online. Online verfügbar unter http://mellowdramatix.de/index.php/matix-blog/film/science-fiction-film/item/918-ghost-in-the-shell-koerper-seele-technik, zuletzt aktualisiert am 06.05.2017, zuletzt geprüft am 30.10.2019.

Heuer, Thomas (2019): Plotting Horror. Horror-Ästhetik in dramaturgischer Perspektive - zwischen Medienspezifik und Transmedialität. Berlin: edoc-Server der HU-Berlin. Online verfügbar unter https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/20726/dissertation_thomas_heuer.pdf?sequence=3&isAllowed=y, zuletzt geprüft am 30.10.2019.

Trailer zu Dressed to Kill

Infokasten

„Dressed to Kill“

Regie: Brian De Palma

Drehbuch: Brian De Palma

Production: MGM

Verleih: Filmconfect (Blu-ray, uncut)

Laufzeit: 105 Minuten (uncut), 104 Minuten (R-Rated, cut)

Erstveröffentlichung: 25.07.1980, USA

USA | 1980

Veröffentlichung: Der Film ist im Handel auf DVD, Blu-ray-Disc und als Video-on-Demand erhältlich.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amMittwoch, 30 Oktober 2019 16:22
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

Schreibe einen Kommentar

Unter anderem auch das . . .

„Phantastik, auch Fantastik, ist ein literarischer Genrebegriff, der in Fachkreisen sehr unterschiedlich definiert wird. Außerwissenschaftlich bezeichnet der Begriff „fantastisch“ alles, was unglaublich, versponnen, wunderbar oder großartig ist. Der Ursprung des Begriffs „phantastische Literatur“ ist ein Übersetzungsfehler: E. T. A. Hoffmanns „Fantasiestücke in Callots Manier“ wurden 1814 als „Contes fantastiques“ ins Französische übersetzt, statt richtigerweise als „Contes de la fantaisie“.“

– Wikipedia