„Ghost in the Shell“ – Körper, Seele, Technik

geschrieben von  Freigegeben in: Sci-Fi-Film
Filmplakat (Ausschnitt) Filmplakat (Ausschnitt) Paramount Pictures

Die Realverfilmung des Anime-Klassikers Ghost in the Shell wird erwartet, doch nicht geliefert. Ähnliches Setting, andere Story – das funktioniert überraschend gut.

 

Bei einer westlichen Adaption zu Ghost in the Shell ist eine gewisse Skepsis nicht von der Hand zu weisen. Ähnlich wie bei 47 Ronin besteht die Befürchtung, dass der Stoff aus dem kulturellen Rahmen gerissen und nach westlichen Maßstäben neu befüllt wird. „Snow White and the Huntsman-Regisseur Rupert Sanders durfte sich an dieser Mammut-Aufgabe versuchen und ist dabei nicht gescheitert. Leider ist Ghost in the Shell in der zweiten Boxoffice-Woche als klarer finanzieller Flop zu werten. Der neuen Verfilmung wird einerseits viel Skepsis entgegengebracht und andererseits scheint der Inhalt des Films zu komplex für ein breites Publikum zu sein. Das ist bedauernswert, denn auch wenn Ghost in the Shell nicht ganz das philosophische Niveau der Vorlage erreicht, behandelt er dennoch einen anspruchsvollen Themenkomplex. Man könnte dem Film vorwerfen, den Einstieg in den Diskurs von Cyberpunk, Mensch-Maschine-Verschmelzung und daraus resultierenden ethischen Konsequenzen zu einfach zu gestalten. Andererseits liefert der Film somit einen Einstieg in ein zunehmend reales Themengebiet, was keineswegs schlecht ist.

 

GitS MajorMajor (Scarlett Johansson) ist der erste Mensch, dessen Verstand, Bewusstsein und Seele in einen vollkommen prothetischen (also künstlich geschaffenen) Körper übertragen wurden. Diese Verfilmung wählt einen anderen Ansatz als der bisherige Storykomplex und beginnt mit einer hektischen Notoperation. Anschließend wird das Gehirn der Verunfallten in den neu geschaffenen Körper verpflanzt. Die Verschmelzungssequenz bildet hierbei den Vorspann und wirkt wie eine Ehrerbietung an Mamoru Oshiis Ghost in the Shell von 1995. Der Vorspann ist eine von mehreren ikonischen Sequenzen, die an den Anime erinnern. Der Film von 2017 folgt jedoch einer anderen Erzählung und ergründet dabei den Hintergrund um den Unfall, welcher der körperlichen Transformation von Major zugrunde liegt. Hier wird auf ein gängiges Paradigma des Unterhaltungsfilms zurückgegriffen, wodurch die Erzählung sehr charakterzentrisch durchgeführt wird. Antagonist Kuze (Michael Pitt) ist dabei eine Figur, die zunächst an den Puppet Master aus Oshiis Verfilmung erinnert, sich dann aber doch anders entfaltet.

 

GitS AramakiAntagonistEs ist wichtig, Ghost in the Shell 3D losgelöst von den bisherigen Werken zu betrachten, dann ist es ein gelungener Film. Anders als der Trailer vermuten lässt, handelt es sich nicht um einen stumpfen Actionfilm. Bekannte Nebenfiguren der Spezialeinheit Sektion 9 wie Batou (Pilou Asbæk), Aramaki (‚Beat‘ Takeshi Kitano), Togusa (Chin Han), Ishikawa (Lasarus Ratuere) und auch Saito (Yutaka Izumihara) kommen im Film vor, sind an der Handlung allerdings nur indirekt beteiligt. Gegen Ende manifestiert sich dann die Qualität von Sektion 9 als Team, wenn es darangeht, die zugrundeliegende Verschwörung zu entlarven. Für den Film wurde Hanka Industries als Schaffer von Cyberkörpern und Androiden definiert. Aus diesem Unternehmen stammt ebenfalls Majors Körper, sodass hier einige Handlungsstränge gebündelt werden können. Majors Bezugsperson ist die Ärztin Dr. Ouelet (Juliette Binoche), die wie eine Mutterfigur konzipiert ist. Als mehrere Wissenschaftler von Hanka Industries ermordet werden, gerät auch Dr. Ouelets Leben in Gefahr. Allerdings ist auch Major in der Ziellinie des Mörders, sodass auch sie bedroht ist.

 

Ghost in the Shell ist definitiv anders als die bisherigen Verfilmungen, Mangas, Serienadaptionen, Videospiele und anderen Ausdeutungen des Stoffes, der ursprünglich von Shirow Masamune erdacht wurde. Dabei findet zwar eine Verflachung des philosophischen Diskurses statt, behandelt wird dieser dennoch. Es ist möglich den Film als reines Werk der Unterhaltung zu sehen, dies wird dem Film allerdings nicht gerecht. Durch den Wechsel in eine neue mediale Form entsteht auch immer eine neue Perspektive auf einen Stoff. Dieses Phänomen ist bekannt aus Literatur, Film, Comics und vielen anderen Medien. Die Realverfilmung von Ghost in the Shell erzählt eine Vorgeschichte zum Film von Mamoru Oshii, zumindest eine mögliche. Dass der Soundtrack weitgehend durch neue Musik ersetzt wurde, erscheint logisch, da sich der neue Film nicht mit dem Anime von 1995 vergleichen möchte. Einige Sequenzen greifen ikonische Motive des Originalfilms auf, aber die Sequenzen werden anders mit Inhalt befüllt, eine andere Erzählung findet statt. SPOILER: Wenn nach den letzten Momenten des Films eines der Musikstücke aus dem Anime-Soundtrack eingespielt wird, ist dies ein Gänsehautmoment. Hier wird die Musik als Element der Narration verwendet, denn das Ende dieser Verfilmung beginnt mit Major Kusanagis Sprung vom Hochhausdach, dem Anfang des Anime. Hier findet eine narrative Rückkopplung statt, die nicht zwingend logisch ist, jedoch die Komplexität des Franchise verdeutlicht. SPOILER ENDE

 

GitS Stadt

 

Die audiovisuelle Umsetzung der Erzählwelt ist überaus gelungen. Der Soundtrack ist ein anderer, aber dennoch eine stimmungsvolle Klangkulisse. Die visuelle Realisation von Neo-Tokyo ist beeindruckend gut. Die Stadt ist multikulturell bevölkert, so wie in den Vorlagen. Das innerhalb von Sektion 9 viele Figuren nicht von Japanern gespielt werden, verdeutlicht einen Schritt in Richtung Internationalisierung. Hierbei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die Serie schon immer thematisiert hat, was menschlich ist und was Menschlichkeit bedeutet, wodurch die Figuren ebenfalls gut in einem internationalisierten Szenario funktionieren. Aramaki spricht beispielsweise während des gesamten Films japanisch, was allerdings nicht stört, da alle Charaktere universelle Übersetzer haben. Der Themenkomplex um Mensch-Maschine-Verschmelzung ist auch in diesem Film allgegenwärtig, Rezipierende werden nur nicht so direkt darauf gestoßen, wie es in anderen Adaptionen des Stoffes der Fall ist.

 

Die 3D-Fassung des Films liefert spektakuläre Bilder, was bei konvertiertem 2D-Material selten der Fall ist. Ghost in the Shell wurde für IMAX-Kinos speziell abgemischt und ebenfalls für andere unterschiedliche bestehende Kinosysteme. Die Produktionskosten dürften zum großen Teil durch die überragende technische Qualität des Werkes entstanden sein.

 

Das Figurenensemble funktioniert gut, die Handlung ist glaubhaft und anders als in den bisherigen Verfilmungen, zudem sind die Effekte überwältigend. Dennoch bleibt auch der Verstand des Rezipierenden eingebunden, wenn dieser bereit ist, sich auf den Film einzulassen und die nicht so offensichtlichen philosophischen Elemente zu erkennen. Der Film ist kein Remake, sondern eine neue Perspektive auf den Stoff. Alles in diesem Film deutet auf eine Fortsetzung hin, die jedoch mangels Refinanzierung kaum zustande kommen wird. Ein herausragender Film, der weit mehr ist, als Scarlett Johansson in einem hautengen Kostüm.

 

Trailer zu Ghost in the Shell

 


„Ghost in the Shell”

USA 2017 / 107 Minuten

Paramout Pictures

Kinostart: 30.03.2017

Letzte Änderung am Freitag, 04 August 2017 12:32
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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