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„Voice from the Stone: Ruf aus dem Jenseits“ ist ein klassischer Geisterfilm der Extraklasse

Filmplakat (Ausschnitt) Ascot Elite Filmplakat (Ausschnitt)

Dieser kunstvolle Mysteryfilm erinnert an Kult-Geisterfilme wie The Others und Schloß des Schreckens. In der Hauptrolle spielt eine überzeugende Emilia Clarke.

Voice5Als Kritiker und Journalist informiert man sich immer wieder darüber, wie ein Werk angenommen wird. Manchmal sind die negativen Kritiken zu Werken nachvollziehbar, oftmals jedoch eine Folge aus der subjektiven Einschätzungen der Rezensenten. Weicht ein Film von der Norm ab, dann wird dieser entweder gefeiert (La La Land, Swiss Army Man) oder zerrissen (Girl on the Train, Alien: Covenant, Sweet, Sweet Lonely Girl). Mit dem Hintergrund als Filmwissenschaftler sieht man Werke oftmals anders. Als jemand, der selbst Filme macht, ist der Zugang zu diesem Medium vermutlich einfacher, als für all jene Menschen, die sich heutzutage hinstellen und sich für Kritiker halten, nur weil sie meinen, einen beschreibenden Eindruck von Filmen vermitteln zu können und diese dann mit ihrer persönlichen Meinung zu mischen. Das Ergebnis dieser simplen Formel scheint eine Rezension zu sein, ist jedoch oftmals nicht mehr, als ein hin geklatschter Erguss persönlicher Meinungen, die ein Fehlen weitreichender Kenntnis von Medium, Stoff oder Genre deutlich machen. Voice from the Stone von Eric D. Howell ist ebenso ein Film, der entweder zerrissen oder gefeiert wird. Zunächst ist es ein Werk, bei dem es notwendig ist, sich darauf einzulassen. Ein Century-Piece, angesiedelt in der Toskana der 1950er. Zudem hat das Werk keine großen Stars, wenn auch mit Emilia Clarke eine Darstellerin aus dem Serienerfolg Game of Thrones die Hauptrolle verkörpert. Zusätzlich ist in diesem Film die langsame und stimmungsvolle Inszenierung verantwortlich für die intensive emotionale Wirkung. Ist man nicht willens, einem ruhigen Film die Chance zu geben, seine – oftmals einzigartige – Atmosphäre zu entfalten, dann kann dieser Film nur scheitern. Damit schafft Voice from the Stone eine Hürde, die in unserer Zeit ewiger Statusupdates und immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen für viele unüberbrückbar erscheint.

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Voice1Nach dem Tod seiner Mutter (Caterina Murino) spricht der junge Jakob (Edward Dring) kein Wort mehr. Das geht nun schon über mehr als sieben Monate so und beginnt den Vater Klaus (Marton Csokas) verrückt zu machen. Doch auch dieser hat den Tod seiner Gattin noch nicht so recht verarbeitet. Der Bildhauer und Maler schafft es nicht mehr, seine Kunstwerke zu vollenden. Die Kinderpflegerin Verena (Emilia Clarke) hat schon vielen kranken Kindern wieder auf die Beine geholfen, oder besser gesagt, dazu beigetragen, dass die Kinder ihre Krankheit überwinden konnten. Nach einem Engagement zieht Verena weiter und hofft, dass die Kinder sie schnellstmöglich wieder vergessen, damit diese nicht an ihre Krankheit erinnert werden. So will es wohl das Schicksal, dass Verena eines Tages die neue Pflegerin von Jakob wird. Doch an dem Jungen scheint etwas Unnatürliches zu haften. Zunächst gibt sich Verena kämpferisch und versucht einen Zugang zu Jakob zu schaffen, doch dieser reagiert ablehnend und wird gelegentlich gefährlich. Immer wieder sitzt der Verstummte mit einem Ohr an die Wand gedrückt und scheint dort etwas zu hören, die Stimme seiner Mutter. Zwischen Verzweiflung, Faszination und Obsession wird Verena immer tiefer in die Situation hineingezogen. Bis sie beginnt, die Stimme selbst zu hören.

Voice4Der Schrecken manifestiert sich in diesem Werk in dem, was im Kopf verweilt. Der Zuschauer hat die Möglichkeit vieles zu interpretieren, zu hinterfragen, mitzudenken und bekommt gelegentlich mehr Wissen offenbart, als es der Protagonistin zu haben vergönnt ist. Dadurch hat der Handlungsort von Beginn an etwas Bedrückendes, zeitweise gar Bedrohliches an sich, das sich auf ein scheinbar unschuldiges Kind konzentriert und sich dadurch offenbart. Als Verena und Klaus beginnen, sich näherzukommen, manifestiert sich das, was in den Wänden schlummert.

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Wie bereits einleitend erwähnt, verlangt Voice from the Stone dem Zuschauenden viel ab. Einige Kritiker empfinden den Film als zu lang und weniger gruselig als erwartet. Dass die eigenen Erwartungen nicht erfüllt werden, liegt jedoch oftmals daran, dass man mit subjektiven Annahmen an ein Werk herangeht. Tut man dies nicht, so gewinnt jeder Film. Ich empfehle dieses Werk zu genießen, sich darauf zu konzentrieren und idealerweise darin zu verlieren. Dann, aber auch nur dann, kann dieser Film komplett überzeugen.

Voice from the Stone ist ein unkonventioneller Geisterfilm, der eine Rückbesinnung auf das entschleunigte Inszenieren ist, wie es in den letzten Jahren im Genre kaum vorkommt. Der Film ist am ehesten vergleichbar mit The Others oder Schloß des Schreckens, die beide großartig sind und dabei durch ihre Intensität überzeugen. Eben dies tut auch Voice from the Stone.

 Trailer zu Voice from the Stone

Infokasten

„Voice from the Stone: Ruf aus dem Jenseits“ (OT: „Voice from the Stone“)

Regie: Eric D. Howell

Drehbuch: Andrew Shaw, Silvio Raffo (Romanvorlage)

Produzent: Zanuck Independent, Code 39 Films

Laufzeit: 94 Minuten

Verleih: Ascot Elite

USA | Italien 2017

Ab dem 30.06.2017 im Handel auf DVD, Blu-ray und Video on Demand (VoD)

Letzte Änderung amSamstag, 02 September 2017 08:29
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Das Recht zur Kritik ist, sozusagen, ein ästhetisches Naturrecht.“

– Hugo Dinger: Dramaturgie als Wissenschaft. Bd. 1. Leipzig 1904, S. 318.