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Film

„La La Land“ – eine lustvolle Ode an die Liebe, die Kunst und unsere Träume

Kinoplakat (Ausschnitt) Studio Canal Kinoplakat (Ausschnitt)

Das Musical La La Land ist ein wundervoller Film über die Liebe, der in seiner Inszenierung ans Phantastische grenzt. Ein Muss!

Rezension

Das Musical La La Land des Regisseurs und Drehbuchautors Damien Chazelle ist ein vielprämierter Film, der fast sogar den wichtigsten Oscar für die Kategorie „Bester Film“ gewonnen hätte, wie es schien, wäre den Veranstaltern da nicht eine peinlich-skandalöse Verwechslung unterlaufen. Eigentlicher Sieger war das Drama Moonlight, aufgrund vertauschter Gewinnerkärtchen wurde aber fälschlicherweise das Musical genannt. Erst als die Produzenten schon auf der Bühne standen und ihre Dankesrede hielten, konnte das Missgeschick korrigiert werden (Quelle: faz.net, 27.02.2017).

Trotz dieser Panne hat La La Land mit 14 Oscar-Nominierungen und letztlich sechs Siegen, darunter in den Kategorien „Beste Regie“, „Beste Kamera“ und „Beste Filmmusik“, sowie mit zahlreichen Auszeichnungen anderer Filmfeste ordentlich abgeräumt. Nicht zu vergessen die sieben Golden Globes, die der Film gewonnen hat. Für ihre Rolle als Mia, die Schauspielerin werden will, erhielt Emma Stone zudem den Oscar für die beste Hauptdarstellerin. Auch Ryan Gosling, der zwar nominiert war, bei den Oscar-Verleihungen aber leer ausging, macht als leidenschaftlicher Jazz-Pianist in seinen maßgeschneiderten Anzügen eine gute Figur. Beide erhielten einen Golden Globe für ihre herausragende schauspielerische Leistung.

Jetzt erscheint La La Land auf DVD, Blu-Ray und Video on Demand – und weil der Film eine Ode an die Kunst ist, aber auch weil er eine Inszenierung aufweist, die stellenweise ans Phantastische grenzt, werfen wir einen eingehenderen Blick auf diesen großartigen Film.

LaLaLand 4Wenn die angehende Schauspielerin Mia (Emma Stone) sich nicht gerade von einem Casting zum nächsten hangelt, jobbt sie in einem Café auf dem Studiogelände der Warner Bros. in Los Angeles. Doch Mia hat einfach kein Glück. Noch so sehr kann sie sich in ihre angestrebten Rollen werfen, etwas scheint den Casting-Leitern stets nicht zu passen. Schon hier wird der Kontrast zwischen ihrem Idealismus und der schnöden Realität deutlich. LaLaLand 5Immer wieder fallen der Frau die gelangweilten Casting-Leiter ins Wort oder ziehen es vor, auf ihrem Smartphone zu tippen, um sie irgendwann einfach mit fadenscheinigen Argumenten abzufertigen. Derweil läuft Mia winters und im Frühling mehrmals dem Jazz-Pianisten Sebastian (Ryan Gosling) über den Weg, der in einem Restaurant stupide das Klavier-Ambiente klimpern muss oder in einer Cover-Band den Keyboarder mimt, um über die Runden zu kommen. Wie Mia hat Sebastian aber einen Traum, der ihn antreibt: er will eine Jazz-Bar eröffnen, wo er die Songs spielen kann, die er liebt. Nur scheint Jazz in Sachen Beliebtheit auf einem absteigenden Ast zu sein. Im Frühling dann verlieben sich Mia und Sebastian bei einem nächtlichen Besuch im Planetarium. Als sie einander daraufhin in der Verwirklichung ihrer Träume unterstützen und sich die ersten Erfolge einstellen, stehen die Zwei bald vor der Wahl: Karriere oder Liebe?

La La Land ist eine Geschichte über Liebe. Auf das unerwartete, aber sehr gelungene Ende reagierten manche Kinobesucher äußerst stark. Das Märchenhafte dieses stark ästhetisierten Musicals wird hier wieder in der Realität geerdet, ohne jedoch seine euphorisch idealistische Kraft einzubüßen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der Schluss dieses Films ein meisterhaft inszeniertes Finale ist, das zwei Formen der Liebe gegeneinander ausspielt, ohne sie nicht doch beide als Möglichkeit offen zu halten.

LaLaLand 2Es sind der Liebe zwei, insofern es einerseits um die Liebe zur Kunst und in ihrem Fahrwasser um die individuelle Selbstentfaltung geht, andererseits aber auch um die Liebe zweier Menschen. Dass beides oft unvereinbar scheint, ist kein neues, aber ein hochaktuelles Thema in einer Gesellschaft wie der unsrigen, die auf Individualität, Ungebundenheit und Mobilität setzt. Der Konflikt in La La Land ist universell nachvollziehbar und lediglich im Film- und Musikgeschäft der USA konkretisiert. Wie Sebastian LaLaLand 1und Mia haben viele Menschen Träume und Wünsche, für die sie kämpfen, selbst wenn es aussichtslos erscheint. Und ebenso viele Menschen zerreißt es zwischen den Chancen, die ihnen das Leben hinwirft: Gehen oder Bleiben? Sich binden oder losgelöst, ja lose und letztlich allein, aber frei davonsegeln? Nicht umsonst singt Ryan Gosling zur Titelmelodie „City of Stars“ auf einem Steg, der hinaus aufs nächtliche Meer führt: „Is this the start of something wonderful and new? Or one more dream that I cannot make true?“

Derart wird La La Land zu einer äußerst lustvollen Erzählung, die trotz aller dargestellten Widersprüche glücklich machen kann. Gerade wegen der Widersprüche erlaubt La La Land keinen leeren Pathos, aber dennoch Pathos (den guten!): Statt mit kitschiger Sentimentalität ist dieses Musical angefüllt mit Gefühl, das Tiefe und Einsicht offenbart. Die Lust dieser Erzählung erwächst daher gleichermaßen aus der Feier des Idealistischen wie auch aus seiner Problematisierung und Unmöglichkeit. Sie lebt von dem stellvertretenden Streben der Figuren nach künstlerischer Selbstentfaltung und Liebe in einer pragmatisch-kapitalistischen Welt, wo Individuen austauschbar sind und ihre Talente wie auch Leidenschaften zu Dienstleistungen profaniert werden. Das machen Mias Casting-Szenen und Sebastians Nebenjobs sehr deutlich. All dies erzeugt eine erzählerische Reibung, die emotional fesselt, und kann, wenn es einen kathartisch reinigt, glücklich machen (Katharsis, was ist das?).

Getragen wird diese Lust auch von der filmischen Ästhetik, von den wundervollen Bildern, dem Schauspiel, der Musik, den Tanzchoreografien und dem Gesang. Form und Inhalt gehen bei La La Land nahezu perfekt ineinander und schaffen ein ästhetisches Erlebnis sondergleichen – für das man offen sein muss. Als Musical ist der Film zwar ein Vertreter des cinema of attraction (Was ist das?), allerdings nicht in einer überbordenden Weise. Pompöse Tanzszenen gibt es nur wenige und gesungen wird oft, aber nicht unentwegt. Vielmehr sind es immer die Schlüsselszenen, in denen La La Land ganz in seiner ästhetischen Darstellung aufgeht, während es sich sonst gekonnt auf die Erzählung des Geschehens konzentriert.

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Hier berührt der Film das Phantastische, das auf der Ebene des Gezeigten ganz deutlich dem Bild unserer Wirklichkeit widerspricht, und zwar nicht nur, weil in Alltagssituationen plötzlich gesungen und getanzt wird, sondern insbesondere weil die Inszenierung selbst es mit den Naturgesetzen nicht so ernstnimmt und die zwei Verliebten im Planetarium fliegen lässt, sie zu den Sternen schickt und durch Traumwelten tanzen lässt. Einmal treten Mia und Sebastian sogar durch eine Tür hinaus in einen weißen Raum, als hätten sie gerade das Set verlassen und wären nun irgendwo außerhalb der erzählten Welt, die der Film als real markiert hat. Man kann sich zu Recht fragen, ob das Gezeigte auch inhaltlich als Bruch mit den Naturgesetzen zu verstehen ist oder eher, was wahrscheinlicher ist, als eine visuelle Metapher für die Liebe der zwei Hauptfiguren, für die es momenthaft nichts weiter auf Erden gibt als eben den jeweiligen Anderen.

Trotz aller thematischen Universalität ist La La Land ganz klar eine Ode an die Kunst und die Kunstschaffenden, die sich für sie aufopfern – eine Ode im Sinne eines feierlichen Gedichts oder Lieds, das die Schönheit von etwas besingt. Ironisch verspielt ist das Musical daher nicht nur in Bezug auf die Liebesgeschichte, die so viele Anläufe braucht, bis sie überhaupt beginnen will. La La Land ist außerdem in seinen ikonischen Bildern, aber auch in seiner musikalischen Gestaltung eine Hommage an frühere Filmklassiker und Musicals. Im finalen Casting, das alles entscheiden wird, singt Emma Stone davon, weshalb wir die Kunst und ihre Künstler, die in den alltäglichen Pragmatismus nicht hineinpassen wollen, eben doch brauchen: „A bit of madness is key / To give us new colors to see / Who knows where it will lead us? / And that's why they need us“ und „So bring on the rebels / The ripples from pebbles / The painters, and poets, and plays“.

Damien Chazelles La La Land ist ein grandioses Musical voller Lust, Witz und Kritik am Film- und Musikbetrieb, ein großartiges Filmerlebnis über Liebe, Träume und Wünsche, das jeder Filmliebhaber – der es nicht bereits auf der Leinwand gesehen hat – unbedingt im Heimkino nachholen sollte.

Englischer Trailer zu La La Land

Infokasten

„La La Land“

Regie: Damien Chazelle

Drehbuch: Damien Chazelle

Musik: Justin Hurwitz

Laufzeit: 128 Minuten

Produzent: Black Label Media, Gilbert Films, Impostor Pictures u. a.

Verleih: Studio Canal

USA | Hong Kong 2016

Veröffentlichung auf DVD/Blu-Ray: 24.05.2017

Letzte Änderung amFreitag, 25 August 2017 05:39
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Das Wort Kunst bezeichnet [...] im engeren Sinne Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selber sein.“

– Wikipedia