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Romane

„Das Labyrinth des Fauns“ – Die Literaturfassung von del Toros „Pan’s Labyrinth“

Empfehlung Buchcover (Ausschnitt) S. Fischer Verlag Buchcover (Ausschnitt)

Vor langer, langer Zeit, im Jahre 1944, als Märchen und Krieg sich fanden – so ließe sich die Essenz dieses Romans fassen, der mehr ist als nur Buch zum Film.

Rezension und Interpretation

Es ist das Jahr 1944. In Spanien herrscht Bürgerkrieg. Die Halbwaise Ofelia zieht mit ihrer hochschwangeren Mutter zu deren neuem Ehemann Vidal in einen alten, äußerst dichten Wald. Hier, in dieser verwunschenen Natur, halten sich Widerstandskämpfer gegen das nationalistische Regime von General Franco versteckt. Ebendiese Rebellen soll Capitán Vidal gewaltsam ausheben. Sein Stiefkind Ofelia toleriert er vorerst nur, weil ihre Mutter Carmen seinen ungeborenen Sohn in sich trägt und die Frau ihre Tochter bei sich haben will. Das Mädchen ist die einzige Schwäche, die er seiner Frau durchgehen lässt, denkt sich Vidal. Dabei hat der sadistische Capitán, den sogar die eigenen Soldaten fürchten, ganz und gar nicht vor, eine Schneidertochter großzuziehen. Carmen allerdings ist dem Mann in blitzender Gala-Uniform verfallen, vielleicht aus Angst, vielleicht aus Resignation. Sie erinnert Mercedes, Vidals stolze Haushälterin, die insgeheim die Widerstandskämpfer unterstützt, „an ein Mädchen, dem man beigebracht hat, ihrem Vater stets zu gehorchen, und die dasselbe nun für ihren Ehemann tat, indem sie sich klein machte“.

Und so sieht sich Ofelia zunehmend zwischen verschiedenen Fronten gefangen, verloren zwischen Erwachsenen, die sie durch Beobachtung zu verstehen versucht, um zu überleben. Kraft spenden dem Mädchen ihre von der Mutter so ungeliebten Bücher. „Das einzige Stück Zuhause, das Ofelia hatte mitnehmen können, waren ein paar ihrer Bücher. Sie umfasste das Buch auf ihrem Schoß und streichelte den Umschlag.“ Die Geschichten und Märchen in Ofelias Büchern inspirieren sie und verschmelzen schon zu Romanbeginn mit der grausamen Wirklichkeit, unklar, ob sie der weltentfliehenden Fantasie des Mädchens oder den womöglich übernatürlichen Gesetzmäßigkeiten der erzählten Welt entspringen.

Eines Nachts locken insektenartige Feen Ofelia in ein uraltes Labyrinth aus Stein, in dessen Tiefe das Mädchen einen Faun aufweckt – eine gehörnte Kreatur, die ihr erklärt, dass sie die Prinzessin eines unterirdischen Reiches sei und ihre königlichen Eltern sie sehr lange schon suchten:

„Ich bin der Berg, der Wald und die Erde. […] Ich bin“ – er schüttelte seine Glieder mit dem Brummen eines alten Bocks – „ein Faun! Und ich bin, wie ich es immer war und immer sein werde, Euer ergebenster Diener, Eure Hoheit.“

Um ihren königlichen Anspruch jedoch wahrzunehmen, müsse Ofelia – wie in Märchen üblich – drei Prüfungen bestehen, eine grausiger als die andere. Bald zeigt sich: Auch der Faun ist tückisch, vielleicht sogar tückischer als Vidal.

Labyrinth des Faus 2

„Es war einmal ein Wald, im Norden Spaniens, so alt“

Mit Guillermo del Toros Pan’s Labyrinth kam hierzulande 2007 ein Film des Genres Phantastik in die Kinos, der die Essenz der alten Märchenliteratur bildgewaltig auf die Leinwand bringt, eine Essenz, von der bis heute viele phantastische Kompositionen zehren, von nämlich der Ineinanderspiegelung des Wundersamen und des Schrecklichen, weshalb manche phantastische Welt so berückend und zugleich so verstörend wirkt, wie es etwa auch der Film Das Märchen der Märchen belegt, der auf der Märchensammlung Pentameron von Giambattista Basile basiert. Nun, 2019, ist unter dem Titel Das Labyrinth des Fauns eine Literarisierung des oscarprämierten Filmstoffes am Markt erschienen. Entstanden ist sie in einer Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Drehbuchautor Guillermo del Toro und Fantasy-Autorin Cornelia Funke, die unter anderem für ihre Tintenwelt-Trilogie bekannt ist.  Die Romanversion von Pan’s Labyrinth funktioniert eigenständig und bereichert den Stoff. Sie wiederholt also nicht die Filmvorlage und ist daher kein merchandise-artiger Content, der schlicht einen weiteren Medienkanal bedient. Dennoch bewegt sich das Werk dicht an der Filmhandlung entlang. Die sprachliche Vermittlung des Geschehens durch einen übergeordneten Erzähler erlaubt allerdings einen tiefen Einblick in das Innenleben der Figuren, kann aber natürlich mit der visuellen Kraft des Films nicht konkurrieren, auch wenn die Sprache andere Wege der Inszenierung findet, darunter solche, die das Geschehen stärker mit Bedeutungen aufladen, Bedeutungen, wie sie sich beispielsweise aus Hintergrundgeschichten ergeben, etwa aus der zu dem kinderfressenden Bleichen Mann, der seine Augen in den Handflächen trägt. Ihm steht Ofelia in einer ihrer Prüfungen gegenüber.

In Das Labyrinth des Fauns werden die Märchenbezüge zudem auf sprachlicher und intertextueller Ebene hergestellt. Der Roman beginnt daher mit der typischen Märchen-Formel und fährt in mythischer Sprache fort:

Es war einmal ein Wald, im Norden Spaniens, so alt, dass er Geschichten erzählen konnte, die längst vergangen und von den Menschen vergessen waren.

Vergleiche und Bezüge zu Märchenstoffen wie unter anderem Rotkäppchen, Aschenputtel oder Schneewittchen werden zur Charakterisierung der Figuren eingesetzt. So wird die Figur Vidal etwa, wenn die Erzählstimme Ofelia folgt, sprachlich zu einem Wolf und die Haushälterin Mercedes zu einer Prinzessin, „die vorgab, eine Bauerntochter zu sein“.

Aber damit nicht genug, denn zwischen die Kapitel der Hauptgeschichte sind zudem zehn kurze Märchen montiert, die jeweils von einer Illustration eingeleitet werden und so auch ein wenig des visuellen Zaubers aus der Filmvorlage in das Medium Buch überführen. Diese narrativ verknüpften Erzählungen schildern unter anderem die Geschichte des Fauns und weiterer Märchenfiguren, die direkt oder indirekt mit der Hauptgeschichte zu tun haben. Über derartige Figuren, aber auch über Orte und Objekte, die sowohl in den Märchen als auch in der Wirklichkeit des Bürgerkriegs auftauchen, wird ein feines Band zwischen dem Märchenhaften und dem Wirklichkeitsnahen der Erzählwelt gewoben. Einerseits scheint es so, als erzählten die Märchen von einer mythischen Vorzeit, deren Ereignisse bis in die Gegenwart der Romanerzählung reichen. Andererseits könnten diese Episoden auch nur von Ofelia erdachte oder in ihren Büchern gelesene Märchen sein. Denn einmal, auf Bitte ihrer Mutter, erzählt das Mädchen zur Beruhigung ihres ungeborenen Bruders ein solches Märchen. Es ist das einzige innerhalb der Hauptgeschichte und könnte ein Hinweis darauf sein, wie die übrigen Märchen, deren Kontext zur Hauptgeschichte unklar bleibt, zu verstehen sind. Eindeutig ist das aber nicht.

Diese Art der Einbindung kurzer Geschichten im Märchenton ist ein gelungener Kniff, da die Inszenierung auch sonst stark von der Unsicherheit lebt, ob Ofelia sich das Phantastische schlicht ausmalt – als eine Art Verarbeitung der Realität – oder ob sie als Kind den geheimen Zauber der Welt noch erkennen kann, anders als die Erwachsenen, wie schon früh angedeutet wird (sofern man diese Passage wörtlich nehmen will):

Ofelia wusste, dass der Mann, den sie bald „Vater“ würde nennen müssen, böse war. Er hatte das Lächeln des Zyklopen Ojáncanu, und in seinen dunklen Augen nistete die Grausamkeit der Monster Cuegle und Nuberu, Ungeheuer, denen sie in ihren Märchenbüchern begegnet war. Doch ihre Mutter erkannte seine wahre Gestalt nicht. Viele Menschen werden blind, wenn sie älter werden, und vielleicht sah Carmen Cardoso das wölfische Lächeln nicht, weil Capitán Vidal so gutaussehend war […].

Mittels der Märchen-Vergleiche wird hier zudem deutlich gemacht, wie die phantastischen Monstren der Vorzeit aus einer unheimlichen Außenwelt zu Monstren einer nicht minder unheimlichen Innenwelt der Psyche geworden sind. Die Ungeheuer sind nicht mehr die Geschöpfe, die äußerlich monströs wirken, sondern deren Innenleben monströs geworden ist, etwa in Form von Grausamkeit. Das ist ein Wechsel, den beispielsweise auch die Hexer-Romane von Andrzej Sapkowski sowie deren Adaptionen als The-Witcher-Computerspielreihe aufgreifen, in denen ein archaischer Monsterjäger vor die Frage gestellt wird, wer die eigentlichen Monstren sind: seine Beute oder die Menschen, die ihn beauftragen. Auch in dem Comic Monstress finden sich Widerspiegelungen dieser Thematik.

„All die Gestalten des Bösen“

Über die Figuren in Das Labyrinth des Fauns ließe sich einiges sagen – doch nur so viel: Eine weitere Dynamik der Spannung ergibt sich aus der Abhängigkeit aller Figuren von dem Antagonisten Vidal, der seine Macht durch Terror und Gewalt in der alten Mühle, die ihm als Hauptquartier dient, aufrecht erhält. Mercedes und Dr. Ferreiro, die den Widerstandskämpfern verdeckt helfen, müssen unter den Augen ihres Feindes Vidal leben und arbeiten. Ofelia ist über ihre Mutter von Vidal abhängig und sollte sie sterben, stünde es nicht gut um das Kind. Und die Soldaten gehorchen ihrem Capitán ohnehin aufs Wort. Derart zentriert sich das Geschehen um das Böse selbst, das auch klar erkennbar als solches inszeniert wird, aber nicht ohne Grund. Im Gegenteil zeichnet der Roman hier eine faschistische Persönlichkeit mit Motivationen. Vidal ist ein grausamer Narzisst mit Unsterblichkeitsfantasien, der im Schatten seines längst verstorbenen Vaters steht.  Dessen Heldentod fasziniert ihn. Gegenüber den „Vaterlandsverrätern“, wie er die Rebellen schimpft, empfindet Vidal hingegen nichts als Verachtung. Ebenso wie für alles Schwache und Ungeformte. Etwa für Dr. Ferreiro mit dem weichen Gesicht: „Weich, ja. Das war der gute Doktor. Weiche Kleider, weiche Stimme, weiche Augen. Vidal war sicher, dass er ihn so mühelos hätte brechen können wie den Nacken eines Kaninchens“. Erst die Formung von Verhalten und Kleidung – weshalb ihm die geputzte Gala-Uniform so wichtig ist – schafft es Vidal seinen fragilen Charakter zusammenzuhalten. Denn das ist vielleicht das Faszinierende, zugleich Grausigste an dieser Figur. Sie ist von ihrer eigenen Mangelhaftigkeit gequält, weshalb sie einem gottgleichen Ideal zustrebt, dem sie nicht nur sich, sondern mit Gewalt auch alles und jeden anderen unterwirft – ein empfundener Mangel, resultierend aus einer unguten Vater-Sohn-Beziehung, wie sie im Faschismus auf die Gesamtgesellschaft projiziert wird: der unerreichbare Vater an der Spitze, dessen Bild man nachzueifern hat, um zu gefallen.

Labyrinth des Faus 1

„Als bildeten Ofelias Worte eine Spur aus Brotkrumen, die durch die Nacht führte“

Sprachlich ist der Roman schlicht, aber wirkungsvoll gestaltet, da er mit gut platzierten und treffenden Sprachbildern und Vergleichen arbeitet, die einen mythischen Anklang haben oder eine tiefere Einsicht in das menschliche Wesen zu offenbaren scheinen. Der Ton ist getragen und schwer, im Grunde melancholisch, passend zur permanenten Angst, Trauer und Hoffnungslosigkeit der vom Krieg zermürbten Figuren. Oft sind die Sätze eher kurz. Die längeren aber entfalten eine angenehme Rhythmik aus Haupt- und Nebensätzen, ohne extravagant zu werden. Nur hin und wieder finden sich syntaktische Einrückungen, welche die Sprache zusätzlich poetisieren, aber nicht erschweren. „Die Gefangenen, einer alt, der andere deutlich jünger, waren so blass wie der kränklich schmale Mond.“ Oder:

Hinter der Mühle, in dem Wald, der so dunkel und still war wie die Nacht, breitete das Geschöpf, das Ofelia eine Fee nannte, die Flügel aus und folgte dem Klang ihrer Stimme. Als bildeten Ofelias Wort eine Spur aus Brotkrumen, die durch die Nacht führte.

Die kurzen Kapitel enden erzählerisch vielfach mit einem geistreichen Schlusseffekt, der durch bisweilen bedeutungsschwere, aber passende Kapitelnamen bereits angedeutet wird, aber sich ohne die Lektüre nicht entschlüsseln lässt, wie etwa „Eine Rose auf einem dunklen Berg“, „All die Gestalten des Bösen“ oder „Es ist wahrscheinlich nicht wichtig“. Außer man hat die Filmvorlage präsent, die einen ahnen lässt, was die Kapitel erzählen werden.

Abwechslungsreich ist das Spiel mit den Figurenperspektiven. Ermöglicht wird es durch eine übergeordnete Erzählstimme, die sich kapitelweise, manchmal auch passagenweise an eine der Figuren anschmiegt – meist an Ofelia, Mercedes oder Vidal – und in erlebter Rede deren Gedanken, Emotionen und Eindrücke wiedergibt. Jede der Figuren nimmt das Geschehen auf ihre spezielle Art wahr. Den getragenen Ton beeinflusst das nur minimal, aber bisweilen mischt sich je nach Perspektive ein anderes Vokabular in die Schilderungen.Die Sprache der Originalfassung ist Amerikanisch. Die deutsche Übersetzung ist literarisch ansprechend und dieser Weise gelungen.

Fazit: Märchenhaft-düstere Phantastik mit mythischen Anklängen

Der Phantastische Roman Das Labyrinth des Fauns ist eine intermediale Neuformung des Films Pan’s Labyrinth, genauer: dessen Literarisierung, also die Überführung des Stoffes in die Medien Sprache und Buch. Der dennoch eigenständige Roman vermischt ein historisches Setting im spanischen Bürgerkrieg mit Motiven und Erzählformen der europäischen Märchenliteratur. Erzählt werden dabei in Bezug auf die Figur Ofelia zwei Geschichten, die miteinander verschwimmen. Einerseits geht es um Ofelias Überlebenskampf in der brutalen Umgebung eines Soldatenlagers und andererseits um ein Mädchen, das, angeleitet von einem zwielichtigen Faun, für ihren königlichen Anspruch auf den Thron eines unterirdischen Reiches kämpft, ohne recht zu wissen, was das für sie bedeutet. Im Finale schließlich treffen Märchenwelt und Wirklichkeit aufeinander, ohne dass die eine über die andere obsiegt. Was fantasiert und was real ist, bleibt in der Schwebe und entwickelt daraus ein kraftvolles, bewegendes Ende, das zwischen tragischem und gutem Ausgang unentschieden flirrt – je nachdem, wie man es deuten will. In jedem Fall wird mit dem faschistischen Patriarchat abgerechnet, ähnlich wie Tarantino in Django Unchained mit der Sklaverei abrechnet, doch zu einem schweren Preis.

Geeignet ist der Roman trotz drastischer Momente wie Hinrichtung, Folter und Schusswechsel auch für jüngere Leser:innen, deren Lektüre von Erwachsenen begleitet wird. Für Erwachsene wiederum ist dieser Roman eine klare Empfehlung, da das Märchenhafte nicht verharmlost wird, wie es seit den Gebrüdern Grimm häufig der Fall ist, sondern auch schrecklich sein darf – nur deswegen fügt es sich zu dem Bürgerkriegsszenario.

 cover

Infokasten

„Das Labyrinth des Fauns“ (OT: Pan’s Labyrinth – The Labyrinth of the Faun)

Autor: Cornelia Funke, Guillermo Del Toro

Übersetzung: Tobias Schnettler

Illustrationen: Allen Williams

Verlag: Fischer Verlag

318 Seiten, Hardcover mit Umschlag, Erstauflage

Deutsche Erstausgabe (Druck) 2019, Erstausgabe USA 2019

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Letzte Änderung amSonntag, 15 September 2019 11:40
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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Because we don't know when we will die, we get to think of life as an inexhaustible well. Yet everything happens only a certain number of times, and a very small number really. How many more times will you remember a certain afternoon of your childhood, some afternoon that is so deeply a part of your being that you can't even conceive of your life without it? Perhaps four or five times more, perhaps not even that. How many more times will you watch the full moon rise? Perhaps twenty. And yet it all seems limitless.

– Paul Bowles, Autor von The Sheltering Sky