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Film

„Tale of Tales“ von Matteo Garrone

Kinoposter (Ausschnitt) Kinoposter (Ausschnitt)

Mythische Adaption des Pentamerone von Giambattista Basile, dem ersten großen Märchenerzähler Europas

Drei ineinander verwobene Märchen erzählt Tale of Tales: die Mär der Königin von Longtrellis (Salma Hayek), deren Kinderwunsch über den Tod hinausreicht, die Mär des lüsternen Königs von Strongcliff (Vincent Cassel), der sich unsterblich in den Gesang einer alten Jungfer verliebt, und die Mär der Prinzessin Violet von High Hills (Bebe Cave), die das Land bereisen und einen Ritter heiraten will, deren Vater (Toby Jones) sich aber dummerweise mehr für einen überdimensionierten Floh interessiert, den er anders als sein Töchterchen verhätscheln kann, wie es ihm beliebt. Die Wünsche und Begierden aller werden in dieser Mär der Märe erfüllt, doch nicht immer zu ihrem Glücke, sodass neues Unheil bald die Folge ist.

Il racconto dei racconti, wie diese lose Adaption von Giambattistas Il Pentamerone von ca. 1635 im Original heißt, ist eine Märchenverfilmung, die sich von anderen Filmen dieses Genres abhebt. Zwar nicht in der pompösen Ausstattung und der Starbesetzung, was mit Salma Hayek als verbitterte Königin und Vincent Cassel als Lustmolch von einem König ein Gutes ist. Sehr wohl aber in dem Stil der Erzählung. Tale of Tales greift den alten Märchenton auf, der mit der Disneyfizierung populärer Märchenstoffe in den Hintergrund gerückt ist. Das Befremdliche wird nicht ausgespart, ebenso wenig wie das Sexuelle, Groteske und Blutrünstige, das eine Vielzahl von Märchen auszeichnet. Zugleich bietet der Film eine Psychologisierung der Figuren an, die ihre Taten für ein heutiges Publikum nachvollziehbar werden lässt, doch hält diese sich gekonnt zurück. Sie spricht weniger durch die Dialoge als mehr durch die filmische Darstellung und das Schauspiel zum Zuschauer, der sich mit der parallelen Erzählung dreier Märchen konfrontiert sieht, die zwar in benachbarten Königreichen spielen, sonst jedoch kaum weitere Überschneidungspunkte aufweisen. Das mag zunächst ungewöhnlich sein, tut dem zauberhaften Märchen-Feeling aber keinen Abbruch. Etwas Anderes hält diese Komposition zusammen, die formal in einem Zirkel aus Königstod und Krönung angelegt ist, aus Ende und Beginn zweier Regentschaften. Es ist das gemeinsame Thema der Erfüllung eines Wunsches, der seinen Preis hat.

1Ein Weiser spricht dies selbst aus, als Warnung an die Königin von Longtrellis, die für die durch ein Wunder erzwungene Geburt eines Sohnes das Risiko eingehen müsse, ein anderes Leben zu opfern. Sie sei bereit, das ihre zu geben, erwidert die Königin dem nächtlichen Besucher. Doch ist es schließlich das Leben ihres Gatten, das schwindet. Im Kampf mit einem Seeungeheuer wird der König von Longtrellis tödlich verwundet, die Zutat für die 3Beschwörung der so sehr gewünschten Schwangerschaft aber ist gewonnen: das Herz eines Seeungeheuers, das von einer Jungfrau gekocht und von der Königin verspeist werden muss. Das Glück wie Unglück nimmt damit allerdings erst seinen Lauf.

5Dieses Prinzip des Gleichgewichts durchzieht alle drei Geschichten und lädt sie mit mythischer Kraft auf, mit einer ordnenden Schicksalshaftigkeit, wie man sie aus Märchen kennt, aber selten so intensiv und frei von Kitsch erleben durfte. In ihr liegt eine zumindest fühlbare, wenn auch nicht verifizierbare Wahrheit verborgen, die über den Film hinausreicht. Der Eindruck des Wahren scheint das zu sein, was ein Mythos heute noch bewirken kann: ein ästhetisches Erleben, das berührt. Er ist zudem der Motor der Narration, der bewirkt, dass aus der Erfüllung eines Wunsches, der das eine Unglück beheben mag, auf andere Weise ein neues entsteht.

Tale of Tales ist durch und durch ein Märchenfilm, der das Mythische dieser Gattung atmet, ohne die Macht des Fremdartigen, das uns ängstigt und verstört, vergessen zu haben. Weil es nicht fehlt, ist die Gefahr des Kitsches gebannt, der nur noch geschönte Form ohne Metaphysik und deshalb albern ist. Matteo Garrones wohlkomponierte Adaption dreier Märchen aus Giambattistas Basiles Il Pentamerone ist bizarr, schrecklich und doch so berückend. Eine wahrlich fantastische Mär!

Trailer zu Tales of Tales, dt. Titel Das Märchen der Märchen

Letzte Änderung amDienstag, 05 September 2017 14:18
André Vollmer

Schriftsteller, der Kritiken schreibt. Gründer von Mellowdramatix. Am Meer geboren.

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„Game Art is any art in which digital games played a significant role in the creation, production, and/or display of the artwork.“

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