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Erzählungen

„Der Revolver“ – Einblicke in eine dunkle Faszination

Cover (Ausschnitt) Diogenes Verlag Cover (Ausschnitt)

Nishikawa ist ruhelos und gelangweilt. Erst als er zufällig einen Revolver findet, fühlt er wieder Glück. Das Tötungsinstrument wird für ihn zum dunklen Faszinosum.

Rezension

Eintönig und langweilig, so empfindet der Student Nishikawa sein Leben, für das er wenig Interesse aufbringen kann – bis er eines Nachts, als er ziellos in Tokyo umherirrt, einen Revolver in der Faust eines toten Mannes findet und sein Glück kaum fassen kann. Die Schönheit und Präsenz der Waffe berauschen ihn vom ersten Moment an. „Ich hatte das Gefühl, als könnte ich im tiefen, dunklen Glanz des Metalls versinken.“ Statt den Leichenfund zu melden, nimmt Nishikawa den Revolver mit nach Hause und errichtet ihm einen behelfsmäßigen Schrein. Tiefe Zufriedenheit erfüllt den sonst so ruhelosen Studenten beim Anblick der auf Papiertüchern gebetteten Waffe. In den nächsten Tagen wird Nishikawa seinen unerwarteten Fund obsessiv polieren und bewundern, über seinen Zweck und seine Möglichkeiten sinnieren, bis einzig und allein der Revolver seine Gedanken beherrscht und zu seinem neuen Lebenssinn wird. Zugleich gibt ihm das „Geschenk des Himmels“ die Kontrolle über sein sinnlos mäanderndes Leben zurück. „Es fühlte sich an, als würde der Revolver mir helfen, aus meiner verschlossenen Welt auszubrechen, als würde er mich dahin führen, wo alles möglich war.“ Spätestens aber, als die Polizei auf Nishikawa aufmerksam wird, deutet sich an, in welch ein Verhängnis er geraten ist.

Ich kniete nieder, um mir den Gegenstand genauer anzusehen, hob ihn mit einem kraftlosen Arm auf, bis dicht vor meine Augen. Auf einmal spürte ich, wie mich ein überwältigendes Glücksgefühl durchflutete. Zugleich fand ich es unheimlich, dass nur schon der Anblick mich in solche Hochstimmung versetzte. Es war, als würde ich zerrissen.

Obsession als Ausweg aus der Sinnlosigkeit

Hierzulande ist der der japanische Autor Fuminori Nakamura für die Romane Der Dieb (2017) und Die Maske (2019) bekannt. Beide Werke handeln von randständigen Figuren mit seelischen Verletzungen. Auch sein literarisches Debüt Der Revolver, 2019 auf dem deutschen Buchmarkt veröffentlicht, tut dies. Aus der Ich-Perspektive des Studenten Nishikawa schildert Nakamura die Obsession eines Verlorenen für einen Gegenstand, der zum Töten gemacht wurde. „Mein Revolver glänzte so sehr, dass es eigentlich gar nicht nötig war, aber durch den Akt des Polierens, davon war ich überzeugt, würde unsere Beziehung tiefer und enger werden.“ In kontemplativen, fast schon essayistischen Passagen gelingt es Nakamura, der Leserschaft Nishikawas obsessives Verhältnis zu dem Revolver auf fesselnde Weise glaubhaft näherzubringen. Ausflüge in Nishikawas Studentenleben brechen diese intensiven Betrachtungen auf und zeichnen das studentische Milieu, in dem Langeweile, Lustlosigkeit und Sinnverlust regieren. Nishikawa, wenn auch ein Extrembeispiel, ist da kein Einzelfall. Seine Welt ist geprägt durch eine radikale Indifferenz gegenüber allen Werten, sprich: alles ist ihm gleichgültig, sogar er sich selbst, womöglich begründet in einem Kindheitstrauma, das die Erzählung nach und nach auslotet, ohne allzu explizit zu werden. Was bleibt, wenn alles nichts wert ist: das individuelle Streben nach Lusterfüllung. In mancher Hinsicht ist Nishikawa ein egoistischer, manipulativer Hedonist, der sein wahres Ich hinter einer Maske aus sozialer Konformität verbirgt. Aber dann wieder leidet er selbst unter dem omnipräsenten Sinnverlust, zumal das Gewöhnliche keinen Reiz mehr auf ihn ausübt.

Harmlos beginnt Nishikawas Obsession mit der Bewunderung der Ästhetik und Effizienz des Revolvers, als wäre dieser nicht nur Werkzeug, sondern auch Kunstwerk. „Der Revolver war unverändert schön. Atemberaubend schön. Das Mädchen, mit dem ich geschlafen hatte, konnte da nicht mithalten.“ Waffenbesitz ist in Japan streng verboten, aber nicht allein die Gefahr des Verbotenen macht den Reiz aus, ebenso sind es die Möglichkeiten, die in dem Gegenstand liegen und sich zunehmend aufdrängen. „Jemanden einschüchtern oder auch beschützen. Jemand anderen oder mich selbst töten, kinderleicht. Unabhängig davon, ob ich es irgendwann tun würde oder nicht – wichtig war, dass ich die Möglichkeit in der Hand hatte, erfüllt vom kribbelnden Gefühl der Verlockung.“ Der Bruch mit den Normen – das Außergewöhnliche, das der Revolver verkörpert – verspricht noch einen Reiz, der die Gleichförmigkeit des Alltags aufzubrechen vermag. Das gibt Nishikawa zunächst neuen Auftrieb. „Offenbar fand ich plötzlich Gefallen daran, Dinge zu tun, die normale Menschen jeden Tag taten.“ Doch, was zunächst wie Selbstermächtigung wirkt, wird bald Ohnmacht gegenüber den neuen Optionen, die allzu verlockend sind. Denn, wer einen Revolver besitzt, sollte ihn auch abfeuern, nicht wahr? „So lief es immer, wenn ich meiner Zweifel überdrüssig wurde: Ich entschied mich für die Variante, die vielleicht eine Überraschung versprach.“ Die Eskalation der Lusterfüllung nimmt ihren Lauf. Das Ende steht deswegen aber noch nicht fest, auch wenn es wie ein Damoklesschwert über der Handlung schwebt. Eine aus dramaturgischer Perspektive klassische Wendung – überraschend ausgeführt – sorgt für eine Intensivierung des Schlusses.

Indifferenz als Einfallstor des Bösen

Nakamura vermeidet es, seinen Ich-Erzähler schlicht als Sadisten zu inszenieren, der Mittel und Macht zum Ausleben seiner Neigungen erlangt hat. Das Böse, zu dem Nishikawa verleitet wird, hat diffizilere Ursachen. Stattdessen entwirft der Autor seinen Protagonisten als komplexen Charakter, dessen Beweggründe lange unklar bleiben und oft irritieren oder überraschen. Das erlaubt der Leserschaft trotz aller Unsympathie die Identifikation mit dem Ich-Erzähler.

Ich habe keine besondere Vorliebe für Grausamkeiten. Es macht mir nichts aus, Filme zu gucken, in dem ein Monster die Eingeweide eines Menschen frisst, doch erregt oder berauscht hat es mich nie. Auch liegt es mir fern, mich am Anblick einer sich vor Schmerz windenden Frau zu ergötzen. Was mich fesselt und fasziniert, ist vielmehr der Reiz des Außergewöhnlichen, den man bei solchen Szenen empfindet. Nicht das blutige Gemetzel selbst, sondern das Gefühl, das beim Zuschauen entsteht.

Nakamura schildert Nishikawa als Verlorenen, der keinen festen Halt im Leben hat; vielleicht wird der Ich-Erzähler deswegen, wegen ebendieser Haltlosigkeit, anfällig für das Böse, das vermittels Revolver Besitz von ihm ergreift wie ein böser Geist. Die Indifferenz sich selbst und allem gegenüber lässt ihn schutzlos vor den Versuchungen der Grenzüberschreitung zurück, die der einzige Ausweg aus der belanglosen Monotonie erscheint. Kein Mitgefühl, keine Werte halten ihn, lediglich die Konsequenzen seines Handelns für sich selbst sorgen ihn. Ganz egal ist er sich also nicht.

Die Macht, die der Revolver auf den Studenten ausübt, und dessen personifizierende Wahrnehmung der Waffe verleihen ihr Dämonisches und rücken Nakamuras Erzählung in die Nachbarschaft des Phantastischen bzw. des übernatürlichen Horrors. Sie verbleibt thematisch aber im Unheimlichen und Bizarren, weil ihre Inszenierung in den Grenzen des Möglichen und Psychologisch-Erklärbarem stattfindet. Das Unheimliche, so meine Lesart, entsteht vornehmlich daraus, dass die Fremdbestimmung von Nishikawas (inneren) Seelenzusammenhängen durch einen (äußeren) unbelebten Gegenstand mit unserer Vorstellung von uns selbst als autonomes und selbstbestimmtes Ich in Konflikt gerät.

Fazit: Fesselnder Abstieg in seelische Abgründe

Fuminori Nakamura schildert in seinem literarischen Debüt Der Revolver aus der Ich-Perspektive des Studenten Ishikawa, wie sich ebendieser angesichts eines allgemeinen Sinnverlustes und der daraus resultierenden Gleichförmig- und Bedeutungslosigkeit des Lebens in die Obsession für einen Revolver verliert. In der Hoffnung auf Errettung aus der Eintönigkeit durch den Reiz des Außergewöhnlichen treibt ihn die dunkle Faszination für das Tötungswerkzeug bis zum Äußersten. Nakamura blickt in einen seelischen Abgrund, der erschreckend und zugleich so fesselnd ist, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

der revolver cover

Infokasten

„Der Revolver“ (OT: Ju)

Autor: Fuminori Nakamura

Übersetzung: Thomas Eggenberg (aus dem Japanischen)

Verlag: Diogenes

185 Seiten, Hardcover mit Umschlag, Deutsche Erstauflage 2019

Erstausgabe Japan 2003 

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Letzte Änderung amSonntag, 27 März 2022 09:46
André Vollmer

Schriftsteller. Forscher. Phantast. Am Meer geboren. Gründer von Mellowdramatix.

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– Shigeru Miyamoto, Videospiele-Entwickler

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