log in

Romane

„Der Heilige zwischen den Welten“ – Radikale Körperlichkeit, radikale Vergänglichkeit

Empfehlung Buchcover (Ausschnitt) homculus verlag Buchcover (Ausschnitt)

Anhand der Schicksale von fünf Figuren entwirft Flavius Ardelean einen dunkelphantastischen Weltenkosmos mit bizarren Kreaturen.

Rezension

Was wäre, wenn es mehr als nur eine Welt gäbe? Wenn sie durch eine dünne Membran voneinander getrennt wären, die durchstoßen werden könnte? Danko Ferus weiß, dass dem so ist, weil er in einer fremden Welt gestrandet ist, der Mehr’Welt, wo ihn die fremdartigen Mehr’Menschen zu einem der ihren machen wollen.

Palma hingegen weiß nichts von der Möglichkeit fremder Welten. Sie trauert um ihren verstorbenen Geliebten Bartholomäus, der im Garten hinter dem Haus beerdigt liegt. Nachts, wenn sie den Trennungsschmerz nicht mehr aushält, legt sie sich auf sein kaltes Grab. Dann fühlt sie sich ihm nahe. Eine morbide Hoffnung auf Wiedervereinigung keimt in ihr, als Bartholomäus‘ Skelett eines Nachts zu ihr ins Bett steigt.

Kaum einer versteht sein Handwerk so gut wie Ulrik. Wenn der junge Schreiner Holz bearbeitet, scheint es zum Leben zu erwachen und selbst die unglaublichsten Konstruktionen nehmen Gestalt an. Als die Herrscher von Pforta sein Ausnahmetalent entdecken, wird er in die Werkhallen des berühmten Ingenieurs Al-Fabre beordert, um der Umsetzung des Großen Plans zu dienen.

Karina ist eine Tochter aus reichem Hause, die zu den Heiligen Frauen in den Rosa Turm berufen wird, um dort als Teil eines Todeskultes zu einer religiösen Soldatin ausgebildet zu werden. Durch eine Laune des Schicksals ist sie Ulrik begegnet und hat sich in ihn verliebt. Doch die Bestimmungen der beiden stehen der jungen Liebe im Wege.

Der Heilige Taush hätte sterben müssen. Ein mönchischer Kult schreibt seinem Wirken zwischen den Welten allerdings eine bedeutende Rolle zu und hat ihm einen neuen Körper verliehen. Taush aber hat Angst. Er weiß nicht, wie er seiner Bestimmung gerecht werden soll.   

Dunkelphantastischer Weltenbau

Der Roman Der Heilige zwischen den Welten des rumänischen Autors und Übersetzers Flavius Ardelean ist ein sprachmächtiger Vertreter der Dunklen Phantastik, erstmals 2017 in Rumänisch erschienen, 2021 von Eva Ruth Wemme ins Deutsche übertragen und von dem Homunculus Verlag für den deutschen Buchmarkt veröffentlicht. Die Erzählung über den Widerstreit phantastisch-bizarrer Welten – darunter der Mehr’Welt, Un’Welt, Zwischen’Welt und einigen mehr – wird begleitet von den düsteren Illustrationen der Künstlerin Ecaterina Gabriela, die für sich genommen bereits Dimensionen mit dunkler Suggestionskraft entfalten. Der Roman gliedert sich in vier Teile, die wiederum in Kapitel unterteilt sind, jedes davon angekündigt durch eine Illustration. Zwischen diese Teile sowie anfangs und zum Schluss sind kursiv gedruckte Texte montiert, die in mythischen Erzählungen von den Ursprüngen der Welten berichten, teils aber auch über die Entstehung der dargebrachten Mythen reflektieren oder Varianten dessen liefern, was im Haupttext erzählt wird, sodass unsicher ist, was eigentlich wahr ist beziehungsweise was sich wirklich zugetragen hat, selten aber so weitererzählt wird.

Wie bereits angeklungen, konstruiert der Roman mehrere Welten, die miteinander im Konflikt liegen, und er tut dies mit dem Sprachregister des hohen Stils, mit Sprachbildern und Metaphern, die Räume einerseits in das Seelenleben der Protagonist*innen öffnen, andererseits in die phantastischen Wirkzusammenhänge der Welten. Das ist bisweilen abgefahren, oft aber auch treffend und sehr eingänglich. Immer wieder spürt man deutlich die Anwesenheit der Erzählstimme, die den Horizont des Geschehens weitet und es einordnet, kommentiert, Vorausdeutungen macht, Deutungen anbietet. In diesen Passagen, in denen das Erzählen geweitet ist, können große Zeitträume zu wenigen Sätzen zusammenschrumpfen. Doch schon im nächsten Moment kann sich das Erzählen wieder zusammenschnüren, dann springt es ins Dramatische und lockert das Epische mit lebensnahen Dialogen und weltlichen Problemen auf. Der Roman folgt keiner klassischen Spannungsdramaturgie, sondern schildert seine fremdartigen Anderswelten multiperspektivisch entlang der Schicksale seiner Figuren, die am Ende zu einer großen Schlacht der Welten zusammenlaufen. Auf dem Weg dahin scheut die Erzählung nicht, ihre Figuren schaurigen oder wundersamen Metamorphosen zu unterziehen. Lange Zeit ist nicht klar, wohin die Geschichten gehen werden oder in welchem Zusammenhang die Figuren stehen. Wer diese Rezension gelesen hat, verfügt in dieser Hinsicht schon über einen Anhaltspunkt und wird im Folgenden noch mehr erfahren. Wer das nicht möchte, sollte an dieser Stelle innehalten und nur so viel zur Kenntnis nehmen: Dieser Roman ist eine Abenteuerreise jenseits dessen, was man für gewöhnlich mit Fantasy oder Dark Fantasy verbindet: ein großer Weltenentwurf, der ins Düsterste menschlicher Körperlichkeit absteigt und mit vielen monströs wirkenden Figuren aufwartet.

Etwas kitzelte Danko Ferus, etwas fand seinen Weg unter sein Leinenhemd. Die Kühle des Steins unter ihm brachte ihn dazu aufzustehen, die warme Brise, die seinen Körper umspülte, ließ ihn noch bleiben. […] Danko erinnerte sich an einiges, nicht an viel: Stücke seines kürzlichen Lebens, dieses Stumpfes von Leben, das ihn zum Träger eines abgeschnittenen Pferdekopfes gemacht hatte. Mit geschlossenen Augen in der warmen Dunkelheit, in der kalten Dunkelheit, berührte Danko Ferus den Pferdekopf in seinen Armen – die Finger stießen an Würmer, die wohl schuldlos schuldig waren an dem Gewimmel unter dem Hemd und die das weiche, glitschige, klebrige Fleisch durchpflügten und Büschel kurzen Haars ausrissen.
Radikale Körperlichkeit: Gestank, Verwesung, Leichenberge

Bei der Vielzahl von Welten, die sich in Der Heilige zwischen den Welten andeuten, liegt der Schwerpunkt auf der Mehr’Welt, die eine mittelalterliche Welt bedroht, in sie eindringen und sie korrumpieren will, eine Welt, die einfach nur Welt heißt, weil es eine Welt ist, wie wir sie kennen, oder besser: wie wir sie uns vorstellen, eine Welt des Ländlichen mit Dörfern und kleinen ummauerten Städten, in der es jedoch auch das Phantastische gibt, wie sich bald zeigt. Die Menschen der Mehr’Welt – die Mehr’Menschen – leben auf den ersten Blick in einer ähnlichen Welt, doch schon der zweite Blick offenbart einen menschennegierenden Todeskult, um den sich das Leben dort zentriert. In der grandios ausufernden Beschreibung dieses Kultes entfaltet sich ein Panoptikum aus bizarren Kreaturen, Institutionen und Lebensmodellen, die um die Transformation des Lebens in sein Gegenteil kreisen. Ein Beispiel sind junge Mädchen, die anstreben, Heilige Frauen zu werden, und dafür Torturen über sich ergehen lassen, die schlussendlich in der Zersetzung ihrer Körper zu Flüssigkeiten münden, um derart in ein neues Sein überzutreten. Die Schilderungen von Gestank, Verwesung und aufgetürmten Leichenbergen, die ihrer religiösen Führerin dargebracht werden, sind atemraubend. Körperflüssigkeiten aller Art spielen eine Rolle, insbesondere aber der Kot, mit dem sich Tore zwischen den Welten auftun lassen. Das ist Body-Horror pur und will Ekel evozieren, hat aber im Gesamtzusammenhang des Romans auch symbolische Bedeutung. Bezeichnenderweise nennen Mehr’Menschen ihre Seele oder ihren Geist deswegen auch Ekel.

Dem Schrecken der Mehr’Welt, die auf der Zersetzung des Körperlichen fußt, ist ein Mönchskult in der bedrohten Welt entgegengesetzt, dessen Anhänger kraft geflüsterter Worte Leben erschaffen und durch ihre Erzählungen die Risse zwischen den Welten kitten, um die Mehr’Welt in Schach zu halten. Der Roman bietet abschließend eine Deutung an, die rückwirkend erlaubt, in all dem Kämpfen und Sterben der beiden Welten einen Sinn zu finden, allerdings einen Sinn der Sinnlosigkeit, der sich aus einem Blick auf das große Ganze aller Welten ergibt, als kurze Passage dargebracht, die wie der gesamte Roman Mythos mit Körperlichkeit verbindet und Ewigkeit mit Vergänglichkeit kontrastiert. Ein Vorgeschmack darauf liefert das Motto des Romans, das eingangs aufgerufen wird: „Mundus vult decipi ergo deciptur“, was Latein ist für „Die Welt will betrogen werden, also werde sie betrogen“.

Karina öffnete die Augen, das Schwarz war dasselbe. Doch etwas kroch darin herum, sie hatte bereits in den Tagen, die sie damals im Karzer verbracht hatte, entdeckt, dass sich in der Finsternis ihrer Seele etwas rührte, aber der- oder diejenige in der Dunkelheit des jetzigen Kerkers war etwas ganz anderes. […] Es war zu ihr gekommen. Sie hörte den zersetzten Körper, wie er durch das Dunkel kroch, der Bauch oder der Rücken schabte ekelhaft durch den Dreck, der faulige Atem schlug ihr in Wellen aus ozeanischen Fernen entgegen.
Liebe als Kontrapunkt des Grauens

Stellenweise ist Der Heilige zwischen den Welten so düster und lebensverneinend, in seiner Ausgestaltung des Abscheulichen so faszinierend grotesk und nihilistisch, dass nur die eingestreuten Lichtblitze der Liebe am Leben erhalten. Liebe ist ein wichtiges Kraftmoment in diesem Roman. Sie erscheint wie ein letzter schwacher Schein der Hoffnung angesichts einer Inszenierung radikaler Körperlichkeit und, was daraus folgt: Krankheit, Verfall, Sterben, Tod, Verwesung, Auflösung. Und die Liebe selbst ist ambivalent, ist zerrissen zwischen Glück und Leid, das sie bringt, zwischen der Euphorie des Zusammenseins und dem Schmerz der Trennung, des Verlustes. Trotz all der Grauen, die der Roman schildert und die hier nur angerissen wurden, schafft er Raum für Empathie, Raum für das Leiden und Lieben der Figuren, für ihre Wünsche, Träume, Sehnsüchte. Dadurch wird der überbordende Schrecken nie schal und leer, sondern bleibt kraftvoll. Dennoch, aufgrund dieser gewagten Schrecklichkeit, aber auch wegen der labyrinthischen Unmenge von phantastischen Konzepten, die Gedanken und Gefühle während der Lektüre nur so mit sich reißen, verdient sich Der Heilige zwischen den Welten das Schlagwort Extreme Literatur – denn dieser Roman ist im positiven Sinne jenseits von allem, was man gewohnt ist, also ein echtes Leseabenteuer und wie jedes gute Abenteuer ist es keine leichte Kost, sondern bedarf der aktiven Einlassung und Konzentration.

Palma erhob sich und sah ihren Mann an, wie er sich aus dem Schatten löste und auf sie zukam. Ihr Herz, das wütend schlug, schien zugleich stehen zu bleiben. Eigentlich schien alles stehen zu bleiben, der Raum schien aus der Zeit gerissen, aus der fließenden Zeit – Palma war bei Bartholomäus, und als sie ihn neben sich im Bett empfing, wurde sie BartholomäusPalma. Sie spürte die Kühle der Knochen, roch Erde und Schimmel in den Falten seiner Kutte; Bartholmäus umarmte sie und Palmas Brüste pressten sich an den fleischlosen Brustkorb des Skeletts, ihre Brustwarzen traten zwischen die Rippen, als zielten sie auf ein Herz, das nicht mehr an seinem Platz war.

Des Rumänischen bin ich nicht mächtig, aber angesichts der sprachgewaltigen Erzählung von Der Heilige zwischen den Welten gehe ich davon aus, dass die Übertragung ins Deutsche eine Herausforderung gewesen sein muss. Die Übersetzerin Eva Ruth Wemme hat großartige Arbeit geleistet. Die Sprache, die sie für ihre Übersetzung gefunden hat, funktioniert einwandfrei. Die wenigen Fehler in Bezug auf die Schreibung von das und dass zu Beginn des Romans sind zu vernachlässigen. Man sollte meinen, Rechtschreibung sei nicht der Rede wert, quasi eine Selbstverständlichkeit, doch allzu oft mangelt es daran bei Veröffentlichungen von Übersetzungen abseitiger, aber durchaus lesenswerter Literatur. Zusammengenommen mit der tollen Aufmachung – von Bindung, über Auswahl der Schriftarten bis hin Platzierung der Illustrationen – hat der Homunculus Verlag also eine Arbeit geleistet, die sich sehen lässt. Ein weiterer Roman von Flavius Ardelean ist bei dem Verlag erschienen, Der Heilige mit der roten Schnur, der mit dem vorliegenden Werk in Verbindung steht. Der Autor ist am 24. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse und liest aus der Übersetzung von Der Heilige zwischen den Welten.

Fazit: Dunkelste Phantastik, die erschütternde Vergänglichkeit inszeniert

Der Heilige zwischen den Welten ist ein Vertreter der Dunklen Phantastik, dessen Sprache reich an Sprachbildern für seelische und fremdartige phantastische Zusammenhänge ist. Weltenbau und Mythenbildung werden an eine radikale Körperlichkeit gebunden, sodass die menschliche Existenz wie ein langer Leidensweg erscheint und zugleich nur ein kurzer Moment in der Ewigkeit ist. Das ist ein düsterer Blick auf das Menschsein, wäre da nicht die Liebe, die zu einem Kontrapunkt eines Grauens wird, das dieser Roman übermächtig in Szene setzt, doch selbst sie – die Liebe – könnte am Ende nur ein weiterer Aspekt einer großen Täuschung sein.

 

Heiliger zwischen den welten cover

 

Infokasten

„Der Heilige zwischen den Welten“ (OT: Bășica Lumii și a ne’Lumii)

Autor: Flavius Ardelean (flaviusardelean.com)

Übersetzung: Eva Ruth Wemme

Illustrationen: Ecaterina Gabriela (ecaterinagabriela.com)

Verlag: Homunculus Verlag

496 Seiten, Hardcover mit 21 Illustrationen

Deutsche Erstausgabe (Druck/Digital) 2021

Rumänien | 2017 (Originalausgabe) 

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amDienstag, 26 Oktober 2021 08:20
André Vollmer

Schriftsteller. Forscher. Phantast. Am Meer geboren. Gründer von Mellowdramatix.

Schreibe einen Kommentar

Unter anderem auch das . . .

Because we don't know when we will die, we get to think of life as an inexhaustible well. Yet everything happens only a certain number of times, and a very small number really. How many more times will you remember a certain afternoon of your childhood, some afternoon that is so deeply a part of your being that you can't even conceive of your life without it? Perhaps four or five times more, perhaps not even that. How many more times will you watch the full moon rise? Perhaps twenty. And yet it all seems limitless.

– Paul Bowles, Autor von The Sheltering Sky

Cookie-Einstellungen