log in

Comics

„The Witcher: Fluch der Krähen“: Band 3 macht alles anders

Cover (Ausschnitt) Panini Cover (Ausschnitt)

Der Comic erzählt eine spannende Coming-of-Age-Geschichte mit Bezügen zu den Anfängen von The Witcher. Im Fokus: die Figuren Geralt, Yennefer und Ciri.

Rezension und Diskussion

In dem dritten Band der Comicreihe zu The Witcher reisen der Hexer Geralt und seine Ziehtochter sowie Schülerin Ciri durch das Land und gehen ihrer Arbeit als Monsterjäger nach – bis sie die Großstadt Nowigrad erreichen, wo die Zauberin und Geliebte Geralts Yennefer die Zwei in einer dringlichen Angelegenheit aufsucht. Aber damit nicht genug: Auf Geralt und Ciri wartet dort bereits ein gefährlicher Auftrag, der selbst einen Hexer an die Grenzen seiner Fähigkeiten bringt. Die selbstbewusste Ciri allerdings will es auf eigene Faust versuchen.

Das Geschehen aus Fluch der Krähen trägt sich in einer düsteren Fantasy-Welt zu, die von dem  Computerspiele-Entwickler CD Projekt Red geschaffen wurde und auf den Romanen von Andrzej Sapkowski basiert. Der Comic orientiert sich auch gestalterisch an der Ausdeutung der Romanvorlage durch das Entwicklerstudio, insbesondere an dem Computerspiel The Witcher 3: Wild Hunt, dem letzten Teil der Spieleserie. Vor diesem Hintergrund entwickelt Fluch der Krähen eine spannende, sehr dialogreiche und offene, episodenreiche Handlung, die sich erst nach und nach zusammenfügt. Daher passt sie inhaltlich gut zu dem dritten Teil der Spieleserie, die dem Spieler ebenfalls episodisches Erzählen bietet, hier allerdings in Form einer offenen Spielwelt. Die Handlung von Fluch der Krähen scheint zeitlich nach der Spielhandlung angesiedelt zu sein, in der es darum geht, als Hexer Geralt Ciri überhaupt erst ausfindig zu machen.

Intrigen, Humor und erotische Anspielungen

Bild1Sei es bei Sapkowski oder bei CD Projekt Red, typisch für die Erzählweise der Hexergeschichten ist deren Hang zu überraschenden Wendungen und unerwarteten Intrigen, gespickt mit Humor und erotischen Anspielungen. Das gilt auch für den Comic Fluch der Krähen, der zudem auf die allererste Kurzgeschichte über den Hexer Geralt referiert, die Sapkowski publiziert hat: Der Hexer aus dem Erzählband Der letzte Wunsch (OT: Ostatnie Zyczenie). Inhaltlich bestimmt diese Kurzgeschichte den Vorspann des ersten „The Witcher“-Titels und wird von dem Spiel zudem weitererzählt. Somit ist der Inhalt dieser Erzählung auch unmittelbar Teil der Handlung, die von den Computerspielen präsentiert wird. In Fluch der Krähen sind daher die Rückblenden, die diese intrigenreiche Episode in Geralts Leben aufrollen, im Look des ersten Spiels gehalten, während die erzählte Gegenwart des Comics sich am Stil des dritten Teils orientiert – eine schöne Hommage. Zusammenfassend betrachtet, widmet sich Fluch der Krähen den Beziehungen der drei Figuren Geralt, Yennefer und Ciri. Hierbei nimmt der Comic teils feministische Perspektiven ein. Immerhin ist Ciri eine starke Frauenfigur in einer mittelalterlichen, von Männern dominierten Welt. Der Comic wirft daher auch einen Blick auf ihr seelisches Innenleben.

Während die ersten zwei Bände der Comic-Reihe noch zwischen Romanvorlage und Computerspiel-Adaption ihren Platz finden, ist Fluch der Krähen klar an der Interpretation der Spieleentwickler CD Projekt Red orientiert, genauer: an The Witcher 3. Im Glashaus (Band 1) erzählt eine Geschichte, die in beiden Welten spielen könnte, während Fuchskinder (Band 2) sich unmittelbar bei Teilen der literarischen Vorlage bedient und sie als Comic wiedergibt. Schon in diesen beiden Werken ist der Bezug zu den Computerspielen nicht allein durch den gemeinsamen Schriftzug gegeben, der das Franchise nach außen hin repräsentiert. Auch inhaltliche Gestaltungsmerkmale deuten diese Verbindung an, etwa das Erscheinungsbild gewisser Monster oder magische Fähigkeiten, über die Geralt in den Spielen verfügt, die aber in den Romanen nicht explizit erwähnt werden.

Stärkere Produktbindung – Band 3 bricht mit der Reihe

Bild2Die Comics Im Glashaus und Fuchskinder können Fans der Romane und Fans der Computerspiele gleichermaßen ansprechen. Das gilt nicht mehr uneingeschränkt für Fluch der Krähen. Auch wenn der Comic für sich genommen eine verständliche Geschichte präsentiert, so ist er doch darauf angelegt, dass die Leser The Witcher 3 gespielt haben. Die Figuren, ihre Beziehung zueinander sowie ihr Erscheinungsbild sind exakt dem Computerspiel entnommen. Das stellt eine gewaltige Zäsur in der Comicreihe dar, die von einem Wechsel des Zeichners und Koloristen unterstrichen wird. Zuvor war für die Illustration Joe Querio verantwortlich, jetzt haben sich Piotr Kowalski (Zeichnungen) und Brad Simpson (Kolorierung) diese Aufgabe geteilt. Auch Paul Tobin ist nicht mehr für die Story alleinverantwortlich, sondern wird von den Autoren des Computerspiels unterstützt (womit auf dem Cover offensiv Werbung gemacht wird; im englischsprachigen Original: „From the story team that brought you The Witcher 3: Wild Hunt“).

Storytechnisch findet damit ein enormer Zeitsprung zwischen Band 2 und Band 3 statt, sofern man die Kontinuität zwischen Romanvorlage und Computerspielen akzeptiert. Hingegen marketingtechnisch wird von Sapkowskis Werken abgerückt und das eigene Produkt in den Fokus gestellt. Im Grunde wirkt es so, als wollte man mit Fluch der Krähen eine neue Reihe beginnen, statt eine bestehende fortzusetzen. Jedenfalls wird der Comic durch diese Entscheidung ganz klar stärker an die Kernmarke gebunden und rückt damit in das unschöne Licht eines Merchandising-Produktes, ähnlich wie etwa der „The Witcher“-Comic Killing Monsters, der die Vorgeschichte zu The Witcher 3: Wild Hunt erzählt und genau dort endet, wo der Story-Trailer des Computerspiels beginnt. Killing Monsters war dem Spiel beigelegt.

Der Comic Fluch der Krähen fokussiert die Figuren Geralt, Yennefer und Ciri in einer spannenden Coming-of-Age-Geschichte, die sich Raum für die Figurenzeichnung gibt, mit guten Dialogen aufwartet und immer wieder episodische Ausflüge in den Hexer-Alltag unternimmt. Schön hierbei ist, dass der Comic, dessen Handlung nach allen Romanen und Computerspielen stattfindet,  erzählerisch den Kreis schließt, in dem er die allererste Kurzgeschichte über den Hexer Geralt aufgreift und ihr eine neue Wendung abgewinnt.

cover

Infokasten

„The Witcher: Der Fluch der Krähen“, Band 3 (OT: The Witcher Volume 3: Curse of Crows)

Geschichte: Paul Tobin, Borys Pugacz-Muraszkiewicz, Karolina Stachyra, Travis Currit (Dialoge)

Zeichnungen: Piotr Kowalski

Kolorierung: Brad Simpson

Text: Nate Piekos of Blambot

Sprache: Deutsch

Verlag: Panini

USA 2017

128 Seiten, Softcover, Vollfarbe

Für diese Rezension wurde das englischsprachige Original gelesen. Daher die Auszüge in Englisch.

Letzte Änderung amDienstag, 21 November 2017 10:34
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

Schreibe einen Kommentar

Unter anderem auch das

„Thought flows in terms of stories – stories about events, stories about people, and stories about intentions and achievements. The best teachers are the best storytellers. We learn in the form of stories.“

– Frank Smith