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„The Witcher: Im Glashaus“ von Paul Tobin (Band1)

Cover-Artwork (Ausschnitt) Cover-Artwork (Ausschnitt)

Ein neues Abenteuer des Monsterjägers Geralt von Riva. Im Fokus: Gerald und wenige Charaktere, denen er begegnet, nicht etwa Action-Szenen, wie sie sich ja anböten.

Mit dem Wechsel des Mediums kann eine Geschichte ihren poetischen Kern verlieren. Was in einem Roman funktioniert, muss nicht genauso in einem Comic gelingen. Auch können die für ein Medium typischen Erzählpraktiken die ursprüngliche Wirkung eines Erzählstoffs verdecken. Der Roman etwa eignet sich zur Darstellung innerer Zustände und kann sehr dialogreich sein, während ein Comic vielmehr das Bildhafte, zugleich Ausschnitthafte verkörpert. Wo ein Roman uferlos sein darf, muss der Comic selektiv vorgehen. Diesen medialen Transfer haben Autor Paul Tobin und Zeichner Joe Querio mit dem Comicbuch The Witcher: Im Glashaus blendend hingekriegt. Aus der literarischen Vorlage des polnischen Fantasy-Autors Andrzej Sapkowski haben die beiden das Wesentliche destilliert, um ein neues Abenteuer des Monsterjägers Geralt von Riva zu erzählen. Wie eine von Sapkowskis Kurzgeschichten bietet der Comic eine punktiert actionreiche Handlung mit Witz und Erotik, die von lakonischen, aber rhetorisch gut durchdachten Dialogen angetrieben wird und zuletzt mit einem Plot-Twist aufwartet, der, ohne aufgesetzt zu wirken, die wahren Motivationen der Figuren offenbart.

Im Fokus stehen Geralt und die wenigen, aber interessanten Charaktere, denen er begegnet, nicht etwa Action-Szenen, wie sie sich ja anböten – aufgrund des Protagonisten, der seinen Lebensunterhalt mit dem Töten grässlicher Ungeheuer verdient. Selbst die Monster sind kein Schlachtvieh für schnelle Schwertkämpfe, sondern werden auf ihre unheimliche Art selbst zu entscheidenden Figuren, ohne die das Geschehen nicht seinen Lauf nehmen könnte. Derart also verschlägt es den Hexer in diesem Comic in ein verfluchtes Anwesen, das umringt ist von einem nicht minder gefährlichen Wald. An seiner Seite befindet sich ein Jäger, dessen Frau einst von Bruxa-Vampiren gewandelt wurde. Sie wartet bereits am Balkongeländer auf die zwei Männer, die vor einer ganz anderen Bedrohung flüchten. Von dieser Situation ausgehend, nimmt sich der Comic angenehm viel Zeit, eine vielschichtige Handlung zu entfalten, die leicht zu verstehen ist und dennoch eine zweite Lektüre anbietet. Vielfach erzählen die Bilder nämlich mehrere Dinge zugleich, wovon die Dialogtexte oftmals ablenken.

Über allem schwebt die düstere Atmosphäre des alten Herrenhauses und seiner prunkvollen Kunstglasfenster, deren Motive ein seltsames Eigenleben führen. Auflockerung verschafft hier die Menschlichkeit der Figuren, die keine geborenen Helden sind, sondern zunächst eine sichere Zuflucht für die Nacht, Essen und Wein suchen. Das gibt Anlass für die eine oder andere stimmungsvolle Erzählung, wobei – was erst mit fortschreitender Handlung deutlich wird – keine davon beliebig ist. Letztlich führt alles zum Geheimnis des Anwesens wie auch der Toten und Lebenden gleichermaßen, die darin hausen.

Durchwalkt wird diese Rezeptur mit der Melancholie des Hexers Geralt von Riva, der als Monstertöter ein gefährliches, eher einsames Leben am Rand der Gesellschaft führt. Melancholie ja, aber nicht in lamentierender Form. Die Kürze der Dialoge erlaubt dies nicht, ebenso wenig die humoristische Ironie, die Geralts Resignation und Pessimismus, was das Gute im Menschen anbelangt, stets relativiert. Seine wortkarge Art, die weder bedacht cool noch extra tragisch ist, sondern schlicht pragmatisch, lässt Spielraum für die Imagination all dessen, was ein Mann wie er gesehen haben mag, ein Mann des Schwertes, der entsprechend seiner herausragenden Fähigkeiten immer wieder in den Mittelpunkt komplizierter Konflikte gerät, die er auf Wunsch manch Beteiligter am besten mit der Klinge lösen sollte. Hexer aber töten keine Menschen, selbst wenn diese Scheusale sind.

Querios Illustrationen zeigen einen ernsten, stets gequälten Hexer. Was aus seinen Blicken zu lesen ist, bleibt ungewiss. Genau das, was nicht gesagt wird, untermalen die Zeichnungen und entfalten eine poetische Wirkung, weil aufgrund der Unschärfe des Gemeinten nun der Leser ahnen darf, was sie bedeuten. Poesie fordert zu imaginativer Arbeit auf; man denke hierbei nur an die Wirkungsweise der Metapher. Überhaupt passt der Zeichenstil samt der Koloration in dunklen Grün-, Braun- und Blau-Tönen gut zur Atmosphäre der Geschichte.

Kurzum: Der Comic The Witcher: Im Glashaus ist nicht nur eine lohnenswerte Geschichte für Fans der Hexer-Romane und -Computerspiele, sondern kann generell jedem empfohlen werden, der sich für gut erzählte Fantasy interessiert.

Letzte Änderung amFreitag, 17 November 2017 09:49
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Unbestreitbar führt das Internet auch zu positiven Veränderungen. Das Negative besteht meiner Meinung nach darin, dass das Internet zu Oberflächlichkeit verleitet, zu spontanen Reaktionen, hinter denen kein langes Nachdenken steckt: Ich habe etwas gelesen, und sofort twittere ich dagegen oder darüber, und dann womöglich auch noch in falscher Grammatik.“

 

Helmut Schmidt im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo (2012) im Zeit Magazin Nr. 17 vom 19.04.2012, S. 57