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Vortragsmanuskript: Verhasst, geächtet und reproduziert? "Camp-Slasher" als Genrefilm

Empfehlung Filmstill Paramount Pictures, Warner Bros. Filmstill

Verhasst, geächtet und reproduziert? Der Camp-Slasher als Genrefilm anhand seiner Blaupause Freitag der 13. Ein Vortrag von Thomas Heuer am Freitag den 13.09.2019 im Traum-Kino, Kiel.

F13 Mondo BeträuerHeute ist Freitag der 13. Was für eine wunderbare Gelegenheit, ein Werk zu zeigen, dass für ein gesamtes Sub-Genre stilprägend ist. Die Rede ist von Sean S. Cunninghams Freitag der 13. (Cunningham 1980) aus dem Jahr 1980. Die Geschichte erscheint zunächst simpel. Eine Gruppe junger Erwachsener arbeitet gemeinsam in dem Ferienlager Crystal Lake irgendwo in den USA. Der Film beginnt mit einer düsteren Präfiguration (Heuer 2019: 118-125), einer expliziten Sequenz, in der jener Schrecken des Camps Crystal Lake bereits angedeutet wird. In dieser Szene ist das Jahr 1958. Nachdem zwei Betreuer beim Vorspiel abgeschlachtet wurden, endet diese Szene. Der Film geht direkt in den Vorspann über. Anschließend findet das Geschehen am Freitag dem 13. Juni statt, in der Gegenwart. Gemeint ist damit selbstverständlich 1980 oder vielleicht auch 1979, als der Film gedreht wurde.

Angesichts der dem Vorspann vorgelagerten Szene weiß das Publikum bereits, dass hier die sonnendurchfluteten Straßen, durch die eine junge Frau mit ihrem Campingrucksack spaziert, das bevorstehende Grauen nicht abwenden können werden. Als sie in einem Diner nach dem Weg fragt, unterstreichen die Reaktionen der Einheimischen, dass ein dunkler Fluch auf dem Camp Crystal Lake zu liegen scheint. Ein Fernfahrer erklärt sich damit einverstanden, die junge Frau bis zur nächsten Kreuzung auf dem Weg zum Camp mitzunehmen. Auf der Fahrt erzählt er ihr erstmals von den Schrecken, die sich im Camp 1958 zugetragen haben. Der Mann warnt die junge Frau davor, diesen Job anzunehmen.

F13 Mondo Koechin

F13 Mondo 1.KillDieses Paradigma der Warnung durch einen Älteren ist ein typisches Motiv in Horrorfilmen und insbesondere in Slashern. Slasher sind ein Sub-Genre des Horrorfilms und haben ihren Ursprung, in verschiedenen Arten von narrativen und visuellen Werken unterschiedlicher Gattungen. Der US-Horrorfilm bringt im Zeitraum von 1978, mit dem Erscheinen von Carpenters Halloween (Carpenter 1978), bis 1982 fast ausschließlich Slasher hervor. Das Konzept der Werke ist simpel: Eine äußere Bedrohung, meist ein Killer, macht Jagd auf eine Gruppe von jungen Erwachsenen, die sexuell aktiv sind und sich nicht an die bestehenden Normen und Regeln des Establishments halten. Am Ende überlebt die Person, die diesem am ähnlichsten ist und besiegt den Killer. Dieser Umstand sorgt dafür, dass der Slasher und auch weitere Sub-Genre-Nachkommen wie der Folterfilm bzw. umgangssprachlich „Torture-Porn“ als reaktionär gelten. Achtet man jedoch während der Rezeption dieser Werke auf die Details im Verhalten der stereotypen Figuren, kann man bemerken, dass diese Filme nicht reaktionär sind, sondern lediglich die Nöte, Wünsche und Bedürfnisse der jungen Generation in der Zeit aufgreifen und zeigen, wie diese von den älteren, rückwärtsgerichteten Menschen in der Gesellschaft unterdrückt werden. Da die Killer meist solch einer Gruppe angehören, ist es so deutbar, dass die junge Generation unterdrückt wird.

F13 Mondo Strip MonopolyEin weiteres Motiv des Slashers ist das Final-Girl (Clover 1996; Dika 1987; Hutchings 2004), oder besser gesagt die Final-Person (vgl. Heuer 2013). In Freitag der 13. handelt es sich in der Tat um ein Final Girl. Die Filmwissenschaftlerin und Feministin Vera Dika behauptet, dass in Slashern die Frauen objektifiziert werden und mehr gequält werden als Männer (Dika 1987). Weitergehend stellt sie die These auf, dass die Frauen, die am Ende übrigbleiben, sich nicht nur moralisch einwandfrei verhalten, sondern auch viele Eigenschaften besitzen, die primär männlichen Figuren zugeordnet werden. Auch hier empfiehlt sich eine nähere Betrachtung des Werkes. In der Unrated-Fassung, jene, die als die intendierte Fassung gilt, sehen wir sehr wohl das spätere Final-Girl gegen ethische Normen verstoßen. Sie raucht Marihuana, nimmt an einer Partie Strip-Monopoly teil und küsst sogar jemanden, was den Schluss zulässt, dass auch zumindest interessiert daran ist, sexuell aktiv zu sein. Speziell letzteres gilt in Slashern als Todesurteil (ebd.). Ich nenne hier bewusst keine Namen der Figuren, damit der Filmgenuss nicht noch mehr eingeschränkt wird und diejenigen, die den Film nicht kennen, zumindest noch eine Weile lang mitfiebern können, wer denn nun am Ende übrigbleibt.

F13 Mondo Joint

Tatsächlich sind es die eben genannten kleinen Abweichungen von der Slasher-Formel, die Freitag der 13. zu einem besonderen Werk machen. Außerdem besitzt der Film einige erstaunliche Parallelen zu einem Werk, dass für mich zentral für den Erfolg von Slashern ist, nämlich Alfred Hitchcocks Psycho (Hitchcock 1960). Dieser Film brachte 1960 erstmals explizite visuelle Gewalt auf die Leinwand (vgl. Kendrick 2009). Der Slasher könnte somit nicht ohne Psycho existieren. Besonders bei einem jungen Publikum kamen die Filme sehr gut an. Interessant ist zudem, dass die Killer aus den Slashern oftmals zu den Ikonen wurden und selbst ganze Fangruppen besitzen, man denke hierbei an Freddy Kruger, Chucky oder auch an Jason Vorhees aus Freitag der 13. Es ist also kein Zufall, dass wir heute hier diesen kleinen Jason verlosen (8-Bit-Pixel Jason Figur von Pop). Das allerdings erst nach meinem Vortrag.

Wenige haben es bewusst realisiert, aber sowohl in der Musik als auch in der Narration ist Freitag der 13. Psycho nicht unähnlich. Die Parallelen werden beispielsweise deutlich, wenn man sich das Hauptthema beider Werke anhört. Allerdings gibt es noch weitere, die ich später in einem gesonderten Text herausarbeiten werde, um hier nicht den Filmgenuss zu schmälern. Nur eine Sache möchte ich zu diesem Gedanken noch anführen. Nach dem Vorspann folgen wir der Erzählung um die junge Frau, die von dem Fernfahrer mitgenommen wird. Sie ist die erste Figur, die nach dem Vorspann stirbt, danach wechselt die Protagonistin auf eine neue Figur. In dieser Hinsicht ähnelt Freitag der 13. narrativ und inszenatorisch dem Hitchcock-Klassiker sehr stark. Auch die Auflösung des Konfliktes am Ende des Werkes besitzt deutliche Parallelen zu Psycho.

F13 Mondo Toetungsspiel

Dennoch ist Freitag der 13. ein sehr eigenständiges Werk, das viele Filme inspirierte, die darauf folgten. In unserer Spezial-Trailershow zum Thema Slasher haben wir eben einige sehr unterschiedliche Auswüchse dieses Genres bewundern dürfen. Die meisten Slasher, so vor allem auch die Fortsetzungen der Genregrößen, besitzen wenig Besonderes mehr und erfüllen stereotype Rollenklischees. Je später der Slasher produziert wurde, desto mehr wird versucht, einen möglichst gelungenen Killer zu etablieren. Dieses Prinzip setzt sich bis in die aktuellen Horrorfilme fort, obwohl sich die Art der Slasher stetig weiterentwickelt hat. Man denke hier beispielsweise an Wolf Creek oder Laid to Rest. Tatsache ist allerdings, dass es besonders im Zeitraum von 1982 bis 1995 viele Slasher gibt, die vollkommen austauschbar sind und weder narrativ noch in der Figurenkonstellation oder überhaupt irgendwelchen Aspekten etwas Besonderes zu bieten haben. Diese wurden nach der Formel produziert, dass es unterhaltend ist, wenn junge Menschen abgeschlachtet werden. Im Independent-Film entwickeln sich stetig neue Ansätze für Horrorwerke, was möglicherweise auch dafür gesorgt hat, dass Horrorfilme aktuell mal wieder etwas aus der Schmuddel-Ecke rausgekommen sind. Freitag der 13. ist übrigens so beliebt, dass es sieben Fortsetzungen, ein Remake und diverse crossreferenzielle Auftritte von Jason Vorhees gibt. Zudem erschien vor einiger Zeit ein gleichnamiges Videospiel.

Sommercamp-Horrorfilme nehmen immer wieder, bewusst oder unbewusst, Bezug auf Freitag der 13. Demnächst erscheint hier bei uns in Deutschland ein Film, der ein Kniefall vor dem Genre und zugleich eine Parodie desselben darstellt und ein wirklich bedeutsamer Film für die Horrorforschung ist: You Might be the Killer. Wenn ein Film fast 40 Jahre nach seinem Erscheinen noch immer so großen Einfluss hat, dann sollte einem klar sein, dass wir hier gleich einen ganz besonderen Film zeigen, der von Kritikern gehasst und von Fans geliebt wird und der die Filmwissenschaft spaltet. Jetzt bleibt mir nur noch übrig, mich für die Aufmerksamkeit zu bedanken und viel Erfolg für die Verlosung zu wünschen und natürlich auch viel Spaß beim Film.

Literatur- und Medienverzeichnis

Carpenter, John (1978): Halloween - Die Nacht des Grauens. Originaltitel: Halloween. Mit Jamie Lee Curtis und Donald Pleasence. Compass International Pictures & Falcon Internation Productions. USA. DVD 16 Jahre (Kino), 18 Jahre (Extended), 1h 31min (Kino) 1h 41min (Extended).

Clover, Carol J. (1996): Men, women, and chain saws. Gender in the modern horror film. Nachdruck. London: BFI Pub.

Cunningham, Sean S. (1980): Freitag, der 13. Originaltitel: Friday the 13th. Mit Betsy Palmer, Adrienne King und Jeannie Taylor. Paramont Pictures und Warner Bros. USA. DVD, 95 Minuten.

Dika, Vera (1987): The Stalker Film, 1978-81. In: Gregory Albert Waller (Hg.): American horrors. Essays on the modern American horror film. Urbana: Univ. of Illinois Press, S. 86–101.

Heuer, Thomas (2013): Folter als Element der Horror-Dramaturgie. Das Foltermotiv als Evolution des modernen Horrorfilms. Berlin: Unveröffentlicht.

Heuer, Thomas (2019): Plotting Horror. Horror-Ästhetik in dramaturgischer Perspektive - zwischen Medienspezifik und Transmedialität. Berlin: edoc-Server der HU-Berlin. Online verfügbar unter https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/20726/dissertation_thomas_heuer.pdf?sequence=3&isAllowed=y, zuletzt geprüft am 06.05.2019.

Hitchcock, Alfred (1960): Psycho. Mit Anthony Perkins, Janet Leigh und Vera Miles. Shamley Productions. USA. Blu-ray-Disc, 109 Minuten.

Hutchings, Peter (2004): The horror film. Harlow, England, New York: Pearson Longman (Inside film).

Kendrick, James (2009): Film violence. History, ideology, genre. London: Wallflower (Short cuts).

Letzte Änderung amMittwoch, 09 Oktober 2019 22:00
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Video games are bad for you? That's what they said about rock and roll.“

– Shigeru Miyamoto, Videospiele-Entwickler