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Film

„American Satan“, das verlorene Meisterwerk?

Empfehlung Filmstill (Ausschnitt) Sumerian Records, Miramax Filmstill (Ausschnitt)

Eine amerikanische Independent-Filmproduktion thematisiert Faust im Kontext der Erfolgsgeschichte der Metalband The Relentless. Phantastischer Horror, Musik und exzellent besetzt.

Rezension

AS4Johnny Faust (Andy Biersack) und Leo Donovan (Ben Bruce) machen schon seit einigen Jahren gemeinsam Musik. Leo lebt in England und ist ein begnadeter Gitarrist, während Johnny in den USA lebt und ein stimmliches Ausnahmetalent ist. Die beiden glauben an ihr Können und ihre Musik. Leos Freund Ricky (John Bradley) ist Promoter und Produzent von The Relentless, so nennt sich diese Band, die aus jungen Musikern besteht, die einen großen Traum haben, doch dann mit der brutalen Wirklichkeit des Showbusiness konfrontiert werden. Nachdem sich ein komplettes Line-up gefunden hat – Leo und Ricky haben Drummer Dylan (Sebastian Gregory) aus England mitgebracht, Johnnys Schulkamerad Vic (Booboo Stewart) übernimmt die zweite Gitarre und Ricky hat Kontakt zur in LA ansässigen Bassistin Lily (Jesse Sullivan) – beginnt die wahre Herausforderung. Die jungen Männer hausen gemeinsam in einem Van, schlagen sich durch und leben von der Hand in den Mund. Ihr Talent ist unbestreitbar, doch wie es so oft im Leben ist, reicht Talent allein nicht aus. Erst als die Band Hilfe vom zwielichtigen Mr. Capricorn (Malcom McDowell) annimmt, wendet sich das Blatt. Doch wie in der literarischen Vorlage von Goethes Faust I hat der Erfolg einen hohen Preis.

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Ästhetische und inszenatorische Besonderheiten

AS2American Satan besitzt etwas Pures, eine Rauheit und Authentizität, die für Filmproduktionen dieser Tage eher ungewöhnlich wirkt. Regisseur Ash Avildsen kombiniert die ästhetische Qualität seiner Musikvideos mit einer mythischen Erzählung, bei der einige junge Musiker einen Pakt mit dem Teufel eingehen, um zu internationalen Rockstars zu werden. Sich an Faust zu orientieren mag nicht sehr originell wirken, dazu sind die ersten Verweise auf die Inspirationsquelle sehr offenkundig gewählt. Eine der Hauptfiguren trägt den Namen Johnny Faust, seine langjährige Freundin – der er trotz allem Erfolg und aller damit einhergehenden Verlockungen verspricht, die Treue zu halten – trägt den Namen Gretchen (Olivia Culpo). Wie diese klassische Erzählung allerdings aufgegriffen und inszeniert wird, wie dabei einer ganzen Generation von hoffnungslosen jungen Menschen ein Gesicht gegeben wird und dadurch, wie dies in der Gesellschaft innerhalb der filmischen Wirklichkeit rückgekoppelt wird, ist exzellent. Wie hier Erfolg gnadenlos dekonstruiert wird und das phantastische Element immer wieder nach den Bandmitgliedern und ihrem Umfeld greift, während die Figuren den Verlockungen des Erfolgs erliegen und all das zu einem zunehmend ausweglosen Szenario wird, in dem der „Freie Wille“ des Menschen nur noch als eine Illusion erscheint, ist unvergleichlich und macht den Film zu einem Meisterwerk einer ganz eigenen Qualität.

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AS17Über den Verlauf des Films werden die Bandmitglieder zu Marionetten, Puppen, die von anderen gelenkt werden. Einmal gibt es das Label, bei dem die Band unter Vertrag steht und alles daransetzt, aus der in die Band getätigten Investition größtmöglichen Gewinn zu erwirtschaften. Dann gibt es die Verlockungen des Showgeschäfts, hier viele Drogen und frei ausgelebte Sexualität, die zunehmend zu einer Kette werden, während einige der Figuren immer tiefer in den Abgrund stürzen, im Glauben daran, diese Ketten seien ihre Anker in der Wirklichkeit. Dabei ist es nichts als die Flucht aus dieser. Und dann gibt es noch das phantastische, übernatürliche Element innerhalb dieser Erzählung, das den Teufel selbst zur Figur erhebt, die wahre Allmacht besitzt und im Grunde mit dem Leid der Band spielt, während diese glaubt, Erfolg zu haben. Hier wird durch das Phantastische als eine Metapher ein gesellschaftskritischer Diskurs eröffnet, der grundlegende philosophische Fragen aufwirft. Was darf ein Mensch tun? Was ist Menschlichkeit? Existiert das Böse in jedem Menschen? Derartige Komplexe werden angerissen und durchaus interessant thematisiert. Besonders das Spannungsfeld, in dem sich Johnny Faust bewegt, mit Mr. Capricorn und dem Erfolg auf der einen Seite und Gretchen, der puren Unschuld und Reinheit des Guten, auf der anderen Seite, liefert in diesem Zusammenhang sehr viele Denkanstöße. Ungeachtet davon, ob man die Musik in dem Film mag oder nicht, kann man hier somit einiges mitnehmen.

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Verleihsituation und Auswirkungen

AS6American Satan ist allerdings ein Film für die große Leinwand und einen dunklen Kinosaal mit einem druckvollen Soundsystem. Der Film wurde auch als solcher produziert, dürfte durch das thematisierte Milieu und die in dem Werk verwendete Musik eine recht breite Zielgruppe ansprechen. Zusätzlich liefert der Film deutliche Indikatoren als intensiver Horrorfilm zu funktionieren und spricht zudem eine Zielgruppe an, die sich für das Übernatürliche interessiert, aber nicht so, wie es im Mainstream inszeniert und thematisiert wird. Inhaltlich und qualitativ ist American Satan zusätzlich ein Werk, das am ehesten mit den emotional tiefgehenden Texten eines Chester Bennington und dessen Erfolg mit Linkin Park in ihrer Frühphase verglichen werden kann. Es könnte der Film einer ganzen Generation junger Menschen sein, die bereits in der Schulzeit vermittelt bekommen, dass sie wertlos seien und keine Zukunft haben werden. So wie Chester Benningtons Texte in den frühen 2000er Jahren einen Einfluss auf die junge Generation hatten, so finden sich in American Satan besonders die Menschen wieder, die Ausgrenzung und Mobbing erfahren haben. Anhand all dieser Faktoren verwundert es sehr stark, dass der Film kaum im Kino zu sehen war.

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AS7Der Film American Satan hat keinen deutschen Verleih. Der Film existiert ausschließlich in der Originalfassung, für manche Sprachen gibt es Untertitel. American Satan in Deutschland auf legalem Weg zu rezipieren ist schwierig. Denn auf DVD oder Blu-ray gibt es den Film nicht. Die gängigen Streamingdienste bieten den Film ebenfalls nicht an, es gibt eben keine nationale Lizenz für den Filmverleih. Aus diesem Grund findet sich der Film auch beispielsweise nicht bei Amazon in Deutschland. Eine Option stellen jene Streaming-Angebote dar, die Filme mit internationalen Lizenzen verleihen. Beispielsweise Google Play, iTunes oder youTube sowie der Filmstore von Microsoft. Eine Disc-Veröffentlichung gibt es ausschließlich für die USA (DVD Code 1 NTSC, Blu-ray Region A). Tatsächlich existiert jedoch ein Trailer mit deutschen Untertiteln für American Satan. In den USA hatte der Film einen limitierten Kinostart, spielte allerdings nicht einmal 250.000 US-Dollar ein. Gemessen an der Produktionsqualität und dem Ensemble von Schauspielern wie Malcom McDowell, Denise Richards oder auch Mark Boone Junior dürfte dies als ultimativer finanzieller Flop gewertet werden. Produziert wurde der Film von dem Musik Label Sumerian Records und Andy Gould, der zuvor jeden Film von Rob Zombie finanzierte.

Musiker als Schauspieler und Johnny Fausts Gesangstimme

AS8American Satan ist zum Teil auch ein Musical und hat mit Andy Biersack als Sänger Johnny Faust einen stimmgewaltigen Darsteller besetzt. Andy Biersack ist der Sänger der Black Veil Brides und somit ein etablierter Sänger. In dem Film werden die Gesangspassagen allerdings nicht von Andy Biersack selbst gesungen, sondern von Remington Leith, dem Sänger von Palaye Royale. Warum das so ist, war lange Zeit unklar. In einem Video-Interview von Andy Biersack und Ben Bruce mit Paige Owens von Alternative Press (ab 27:18), erklärt Andy Biersack, dass seine Stimme zum Produktionszeitpunkt durch seinen Plattenvertrag mit Black Veil Brides an Universal Music gebunden war. Es hätte die Produktionskosten erheblich gesteigert, wenn Andy Biersack selbst gesungen hätte. Kennt man als Zuschauender die Singstimme von Andy Biersack, dann ist es durchaus ein Moment der Verwunderung, wenn man plötzlich eine andere Stimme hört. Ben Bruce, der Gitarrist von Asking Alexandria, verkörpert in American Satan das Bandmitglied Leo. Ash Avildsen hat die Figuren Johnny und Leo an die beiden Musiker Andy Biersack und Ben Bruce angelegt und sie bereits frühzeitig in den Entwicklungsprozess des Werkes eingebunden (ebd. ab 03:00).

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Fazit

AS14Selten begegnet einem ein Werk wie American Satan, das gleichermaßen intensiv und einzigartig ist. Der Film wirkt wie ein Herzensprojekt und beweist, wie fließend die Übergänge verschiedener Kunstformen sind. Wenn hier beispielsweise in einem der düstersten Momente der Inszenierung eine Coverversion von Korns Freak on a leash den finalen Absturz eines Charakters begleitet, dann ist das weder Musik noch Film noch ein Hybrid, es ist nichts weniger als der Beleg dafür, dass Film auch heutzutage noch ein lebendes, ästhetisches Medium ist, das von Künstlern geformt wird. American Satan lebt von dieser Lebendigkeit des Künstlerischen. Der Film wird in diesem Jahr mit der Serie Paradise City fortgesetzt, was sich sehr organisch anfühlt. American Satan ist für sich genommen ein absolutes Ausnahmewerk, bei dem schleierhaft bleibt, warum der Film hierzulande derart wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Es ist ein Werk wie ein Rausch, ein Genuss vom ersten bis zum letzten Moment und bietet noch sehr viel mehr als das, was hier bereits umrissen wird. American Satan ist einer der unterschätztesten Filme der letzten Dekade und in meinen Augen ein Meisterwerk, das beim Publikum und innerhalb der Gesellschaft polarisieren wird. Sollte American Satan jemals aus seinem Schattendasein entfliehen können.

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Trailer zu American Satan

Infokasten

„American Satan“

Regie: Ash Avildsen

Drehbuch: Ash Avildsen, Matty Beckerman

Literaturvorlage: Faust. Der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe

Produktion: Sumerian Records und Andy Gould

Verleih: Miramax (weltweite Vertriebsrechte)

Erstveröffentlichung: 10.08.2017, Ocenside International Film Festival, USA

USA | 2017

Veröffentlichung: Siehe Informationen im Text.

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Letzte Änderung amFreitag, 26 Juni 2020 09:57
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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