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Musik-Allerei

„Lang Lebe der Tod“, der Ausnahmerapper Casper ist zurück

Empfehlung Werbematerial (Ausschnitt) Beat the Ritch/Sony Music Werbematerial (Ausschnitt)

Zeit für moderne Poesie aus Deutschland. Das neue Album von Casper ist da und lädt zu einer lyrisch-musikalischen Reise in die Kulturkritik. Philosophie heute!

Rezension und Einordnung

Wortkünstler, Poet, Rapper. Es gibt viele Bezeichnungen für Benjamin Griffey alias Casper. Keine wird dem flirrenden Künstler gänzlich gerecht, der zwischen allen Stühlen platznimmt. Zumindest wäre es ein Fehler, die Musik von Casper in eine Schublade zu stecken. Schon die vorherigen Alben waren abwechslungsreich, intensiv und einzigartig – dieser Linie bleibt auch das neueste Werk treu. Irgendwie spiegeln die Texte des Wortschmieds Befürchtungen und Gefühle einer ganzen Generation. Dabei wird es oftmals so persönlich, dass beim Hören das Gefühl entsteht, einen tiefen Einblick in die Seele des Künstlers zu bekommen. Casper selbst thematisiert, was ihn beschäftigt, von Depression („Deborah“) über die Abstumpfung der Gesellschaft („Lang Lebe der Tod“) bis hin zum unreflektierten Umgang mit Medien („Morgellon“) und den Schattenseiten seines Erfolgs („Wo die Wilden Maden Graben“).

Schon mit der ersten Single „Lang Lebe der Tod“, die vor mehr als einem Jahr erschien, hat Casper der Gesellschaft einen Schlag in die Fresse gegeben und kritisiert die zunehmende Abstumpfung einer Unterhaltungskultur – sowohl bei den Machern als auch bei den Rezipienten. Ein ähnlicher Ansatz findet sich in „Lass sie Gehen“, auch wenn hierbei eine spürbar persönlichere Note im Mittelpunkt steht. Casper grenzt sich in diesem Song gleichermaßen von der Popkultur und der Rap-Szene ab, kokettiert jedoch damit, das er Teil dieser ist. In „Alles ist Erleuchtet“ wird das neue Verständnis von Stars in der populären Wahrnehmung überspitzt thematisiert, dass Youtube-Stars selbst das größte Leid nutzen würden, um daraus einen persönlichen Gewinn zu erwirtschaften. Das Album ist in diesen Stücken konsequent und vermittelt in den Texten ein dystopisches Gesamtbild der Kultur. „Morgellon“ zeichnet den Gedankengang eines Verschwörungstheoretikers nach, oder zumindest wie dieser sein könnte. „Ich les das, was Du nicht liest“, heißt es, dann gibt es unter anderem Kritik am Chemtrail-Mythos und der 9/11-Verschwörung. Der Text ist intelligent und spiegelt die Verblendung eines Geistes – wobei Casper selbst zum Erzähler einer fiktiven Figur wird. Hier manifestiert sich der Schrecken, der in unserer Gesellschaft schlummern kann, bewaffnet für den jüngsten Tag – jeder ist ein Feind. Das Stück erinnert ein wenig an „Fenster“ von Kraftklub, allerdings nur von der Thematik, nicht von der Musik.

Musikalisch ist Lang Lebe der Tod abwechslungsreich. Von Up-Tempo bis zu treibenden Beats und langsamen Rhythmen wird die Musik eingesetzt, um die Botschaft der Texte zu unterstreichen. Casper macht keine Musik, die man einfach mal nebenbei hören kann und bist dabei dennoch tanzbar. Umso erstaunlicher der Megaerfolg von „So Perfekt“, der wie kaum ein anderer Track des Künstlers den Nerv der Zeit getroffen hat. Wo das vorherige Album Hinterland oftmals fröhlichere Klänge und Texte bietet, findet in „Deborah“ abermals eine Auseinandersetzung mit einer Depression statt, die an „Kontrolle/Schlaf“ vom Nummer-Eins-Album XOXO erinnert. Anschließend wird in „Meine Kündigung“ in ruhigen Tönen ein abschließender Monolog für das Leben gesprochen. Hier macht Casper seine eigene Rolle im System klar „ich bin kein Held, den ihr braucht“. Deutlich wird eine Zerrissenheit zwischen Erfolg und Leben. Dies wird auch in „Wo die Wilden Maden Graben“ angesprochen, in dem der Künstler thematisiert, dass ihm kein Privatleben mehr vergönnt zu sein scheint – auch hier nicht in schöner Lyrik, sondern in stringenter Poetik kommt Casper direkt auf den Punkt. Die verschlungenen und lyrischen Werke sind jene, die sehr nah am Künstler zu sein scheinen. Das opulente Schlussstück „Flackern, Flimmern“ ist ein bezeichnendes Beispiel hierfür. Es thematisiert auch die Angst von Angehörigen und Freunden, wenn jemand verschwunden ist. Doch sowohl in Musik als auch im Text werden hier positive Akzente gesetzt – was die Ambivalenz des Albums auf die Spitze bringt und dann nach einem Moment absoluter Stille zu einem kraftvollen Schlussakkord wird.

Zwei der besten Tracks auf dem Album sind die bereits zuvor veröffentlichten Singles „Sirenen“ und „Keine Angst“. „Sirenen“ zeichnet ein Untergangszenario, thematisiert Gewalt und mediatisierte Gewalt, in einigen Passagen wird aber auch die Subkultur von Reichsbürgern attackiert, wenngleich dies nicht explizit angesprochen wird. Die Menschheit wird sich schon selbst richten, das ist wohl die Katharsis des Stückes, also liefert Casper „hier den Soundtrack zum Untergang. Also tanz auf dem Pulverfass“. „Alles was war, ist morgen vielleicht schon egal“, so lautet eine Textzeile aus „Keine Angst“. Es ist der wohl hoffnungsvollste Track auf dem Album, der einem jeden deutlich machen kann, dass man nicht dazu gezwungen ist, so zu sein, wie man ist und Schmied des eigenen Schicksals ist. Das wahrscheinlich positivste Stück auf diesem düsteren Album, aber selbst dieses besitzt auch einen nihilistischen Beigeschmack, der ein weiteres Qualitätsmerkmal von Caspers Poesie markiert.

Lang Lebe der Tod wurde für 2016 angekündigt und ist nun endlich erschienen. Das Album geht dorthin, wo es wehtut, aber eben auch dem Künstler selbst. Ein einmaliges Album, das einen gesellschaftskritischen Ansatz wählt. Casper will kein Heilsbringer sein, kein Prediger, kein Messias, kein Popstar – all das ist er auch nicht, Casper ist das, was man heute nur noch selten findet, ein eigenständiger, komplexer Charakter, der mit seinen Worten und Gedanken viele Menschen erreicht. Casper ist ein Philosoph und Wortkünstler, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Lang Lebe der Tod ist unterhaltsame Poesie, schwarze Romantik, Gesellschaftskritik und ein verdammt gutes Album.

Video "Lang Lebe der Tod"

Video "Sirenen"

 Video "Keine Angst"

Infokasten

„Lang Lebe der Tod“

Künstler: Casper

Texte: Casper

Musik: Diverse

Features: Blixa Bargeld, Dagobert, Sizarr (Lang Lebe der Tod), Drangsal (Keine Angst), Ahzumjot & Portugal, the Man (Lass sie Gehen)

Verlag: Beat the Rich, Sony Music

Laufzeit: 41 Minuten

Ab dem 01.09.2017 im Handel auf CD, Vinyl und digital.

Letzte Änderung amSonntag, 03 September 2017 15:03
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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„Mit Hilfe der Askese soll es manchen Buddhisten gelingen, eine ganze Landschaft aus einer Saubohne herauszulesen. Das hätten die ersten, die Erzählungen analysierten, gerne gekonnt: alle Erzählungen der Welt (sie sind Legion) aus einer einzigen Struktur herauszulesen.“

Roland Barthes in S/Z