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„Star Trek: Picard“ – Reflexion der Vergänglichkeit

Plaktat (Ausschnitt) Amazon Prime Video Plaktat (Ausschnitt)

In letzter Zeit hat es viele späte Fortsetzungen gegeben: Star Wars, Indiana Jones, Terminator, Halloween sind Beispiele. Die Serie Picard reiht sich hier ein. Doch sie macht etwas anders: sie reflektiert die Vergänglichkeit, die diesen Produktionen anhaftet. Eine Überlegung.

Medienlogbuch (mit Spoilern)

Die Stimmen sind zahlreich, welche die Science-Fiction-Serie Star Trek: Picard verreißen. Ob die Amazon-Prime-Produktion objektiv einen guten oder schlechten Anschluss an bisherige Star-Trek-Seriengrößen darstellt, wie Star Trek: The Next Generation (1987-1994), Stark Trek: Deep Space Nine (1993-1999) oder Star Trek: Voyager (1995-2001) sowie den dazugehörigen Kinofilmen, darunter zuletzt Star Trek: Nemesis (2002), will ich hier gar nicht beurteilen – zumal ich nie so richtig Trekkie gewesen bin. Dennoch hat das Star-Trek-Universum meine Vorstellungen der Science-Fiction stark mitgeprägt und erscheint mir umso wertvoller und reichhaltiger, je älter ich werde. Doch im Vergleich mit der Netflix-Serie Star Trek: Discovery (USA seit 2017) sowie mit den jüngsten Star-Trek-Filmen wie Star Trek (USA 2009), Star Trek: Into Darkness (USA 2013) und Star Trek: Beyond (USA 2016) denke ich, dass Picard durchaus und viel eher den Geist von Star Trek atmet als die zuletzt genannten Werke (freilich muss ich konsequenterweise hinzufügen, dass ich Discovery nicht bis zum Ende ausgehalten habe). Die neue Star-Trek-Serie von Amazon Prime wurde allerdings der modernen Seriendramaturgie angepasst, die episodenübergreifend auf einen finalen Höhepunkt hin konzipiert ist und oftmals viel Wert auf Dramatik und Spektakel legt. Für erzählerische Feinheiten und erzähllogische Stringenz bleibt dabei häufig weniger Zeit, was man entsprechend kritisieren muss, ohne dass ich dies hier im Einzelnen tun werde. Spätestens wer das Ende der Serie kennt, weiß, wovon ich spreche.

Trotz dieser angebrachten Kritik kam während der Sichtung von Picard ein Star-Trek-Gefühl bei mir auf, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum Beispiel ist die Action, wenn auch spektakulärer als früher, noch immer überschaubar – anders als in den neueren Kinofilmen, die zwar gute Unterhaltungsfilme darstellen, Star Trek aber mehr oder minder auf Effektkino reduzieren. Dass die Action trotz moderner Sehgewohnheiten dosiert geblieben ist, erscheint mir nicht unwichtig, da die Konflikte in Star Trek vielfach durch Dialoge statt durch Gewalt gelöst werden, gerade weil im Zusammenhang mit der Entdeckung neuer Welten und Völker häufig moralische Fragestellungen eine Rolle spielen. Dieses besondere Merkmal von Star Trek verkörpert in der neuen Serie insbesondere der titelgebende Protagonist Jean-Luc Picard (Patrick Stewart), der beispielsweise für Offenheit und Neugier im Umgang mit dem Fremden plädiert und Angst in diesem Zusammenhang als einen schlechten Lehrer bezeichnet. Die Gegenposition dazu ist das Verbot und die Vernichtung des Fremdartigen, das in dieser Serie die Androiden sind, also künstliche Intelligenzen, die durch ihre Künstlichkeit dem Organischen überlegen scheinen und deshalb eine Bedrohung für diese darstellen können. Stehen Dialoge und die Bewältigung moralischer oder anderer intellektueller Probleme im Vordergrund, sind Figuren erforderlich, die einen interessanten und gut ausgearbeiteten Charakter aufweisen, weil sie intellektuell, sozial und rhetorisch agieren müssen, statt die Probleme durch ihren Körper und mit Gewalt zu lösen. Das erscheint mir im Falle der Serie Picard mit der neuen Crew gegeben. Schade ist nur, dass deren einzelne Hintergrundgeschichten oft sehr verkürzt erzählt werden und nur da mehr Raum erhalten, wo sie unmittelbar mit der Haupthandlung zu tun haben.

Darüber hinaus liegt das Thema der künstlichen Intelligenz schon seit einigen Jahren in der Luft. In verschiedensten Medien wird es daher immer wieder aufgegriffen, wie in beeindruckender Weise zuletzt unter anderem in dem Roman Maschinen wie ich (Großbritannien 2019) des Autors Ian McEwan, in dem Videospiel Detroit: Become Human (USA 2018, Playstation 4) des Entwicklerstudios Quantic Dream sowie in dem Science-Fiction-Thriller Ex Machina (Großbritannien 2015) von Regisseur und Drehbuchautor Alex Garland. Aber nicht nur der Aktualität wegen halte ich das Thema der künstlichen Intelligenz für gut gewählt, es stellt zudem über die Figur Data (Brent Spiner), die ein Android ist, einen direkten Anschluss zu früheren Erzählsträngen des Star-Trek-Universums her. Gewiss kann man sich jetzt darüber streiten, ob dieser Erzählstrang nicht mit dem Film Star Trek: Nemesis, in dem Data stirbt, abgeschlossen ist. Andererseits bietet der Verweis auf Data als wichtige Figur dieser Erzählwelt und enger Freund des Protagonisten Picard einen spannenden Aufhänger und lässt den Anfang der Serie wie einen Krimi oder Thriller erscheinen, in dem es darum geht, ein Geheimnis zu lüften, das mit einem verstorbenen Freund zu tun hat und das gewissermaßen sein Erbe darstellt.

Tatsächlich interessiere ich mich im Zusammenhang mit Picard weniger dafür, ob diese Serie eine gelungene Star-Trek-Serie darstellt, als vielmehr für ein besonderes Phänomen, das meines Erachtens in allen diesen zeitgenössischen Fortführungen alter Geschichten auftaucht, sei es Star Wars, Indiana Jones, Terminator oder Halloween. Viele weitere Fortführungen könnten hier genannt werden. Das Phänomen aber, für das ich mich interessiere, ist die Vergänglichkeit, die in diesen Fortsetzungen mittransportiert wird. Ob man will oder nicht, in den genannten Fortführungen kommt immer auch eine Vergänglichkeit zum Ausdruck, die nicht zwingend thematisiert wird geschweige denn überhaupt von den Machern reflektiert wurde. Manchmal sind es auch schon die Erzähl- und Figurenkonzepte, die angestaubt wirken – nicht bei Star Trek, das immer sehr fortschrittlich war. Aber spätestens den gealterten Schauspieler*innen ist die Vergänglichkeit ins Gesicht geschrieben und, da sie die Figuren von damals verkörpern, ist auch den Figuren ihre Vergänglichkeit anzusehen. Dadurch entsteht in den Figuren eine Differenz, die es vor Erscheinen der Fortführung nicht gegeben hat. Plötzlich gibt es zwei Versionen der Figuren, eine von damals und eine von heute. Daran wird erkennbar, dass die Zeit nicht stehengeblieben ist. Aber wenn die Figuren von damals in ihrer neuen Version von heute immer noch dasselbe wie damals tun – etwa John Rambo (Sylvester Stallone) in Last Blood (USA 2019), der nach wie vor ein traumatisierter Ex-Soldat ist, der gegen eine invasive Übermacht ankämpft – dann entsteht ein Widerspruch. Man könnte doch meinen, die Figuren hätten sich nach all der Zeit weiterentwickeln müssen. Nun, wäre dem so und täten die Figuren folglich nicht mehr, was sie schon immer getan haben, dann bestünde die Gefahr, dass sie nicht mehr als das zu erkennen sind, was sie früher repräsentiert haben. Machen die Held*innen von früher also heute noch eine gute Figur? Oder hätte man, was vergangen ist, lieber in der Vergangenheit belassen und stattdessen Neues versucht? Wie verhält es sich denn mit einem ergrauten John Rambo? Und mit Indiana Jones (Harrison Ford) in Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull (USA 2008)? Oder mit Luke Skywalker (Mark Hamill) in Star Wars: Episode VIII - The Last Jedi (USA 2017)? Oder mit Sara Connor (Linda Hamilton) in Terminator: Dark Fate (USA 2019)? Oder mit dem ersten Final Girl Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) in Halloween (USA 2018). Oder mit Prinzessin Leia Organa (Carrie Fisher) in Star Wars: Episode VIII - The Last Jedi? Sind all diese Figuren noch das, was sie früher waren? Es geht mir nicht darum, dass Schauspieler*innen alt geworden sind und deshalb ausrangiert werden sollen – bitte nicht! Vielmehr geht es darum, dass auch die Figuren, welche die Schauspieler*innen einst gespielt haben und jetzt wieder spielen, zwingend mitgealtert sein müssen. Niemand spricht Schauspieler*innen das Recht oder die Fähigkeit ab, andere Rollen zu verkörpern, so wie es etwa Arnold Schwarzenegger in dem Zombie-Film Maggie (USA 2015) tut, Nicolas Cage jüngst in Die Farbe aus dem All (USA, Malaysia, Portugal 2019) oder Mark Hamill in Sushi Girl (USA 2012). Wie auch immer man zu derlei späten Fortsetzungen steht, die Vergänglichkeit in diesen Werken ist nicht abzustreiten. Sie ist diesen erzählerischen Fortführungen eingeschrieben und wird allenfalls von der Nostalgie überdeckt.

Wenn irgendeine dieser Fortführungen glaubwürdig sein will, muss sie meines Erachtens ebendiese Vergänglichkeit reflektieren und zeigen, dass die Figuren sich weiterentwickelt haben, ohne dass dabei ihr Wesenskern verlorengeht. Genau das tut die Serie Picard, auch wenn sie ihre Figuren wie andere Fortführungen natürlich das tun lässt, was sie schon immer getan haben. Aber sie verwehrt sich der Vergänglichkeit nicht, sondern greift diese auf, indem sie ihren titelgebenden Protagonisten als eine sterbende Figur inszeniert. Jean-Luc Picard leidet an einer unheilbaren Krankheit, wie sich kurz vor dem Aufbruch zu seinem folglich letzten Abenteuer herausstellt. In den letzten Folgen der ersten Staffel sorgt dieser Umstand für eine zusätzliche Dramatik und mündet in einem surrealen, zugleich symbolisch aufgeladenen Gespräch über Leben und Tod mit dem Androiden Data. Auch andere altbekannte Figuren zeigen deutlich, dass sie sich weiterentwickelt haben, etwa William Ryker (Jonathan Frakes), Deanna Troi (Marina Sirtis) und Seven of Nine (Jeri Ryan). Die Zeit ist an diesen Figuren nicht vorübergegangen. Zugleich haben sie das Beeindruckende ihrer Persönlichkeit nicht eingebüßt, was natürlich auch am gelungenen Schauspiel liegt. Star-Trek-Figuren haben als Schauspielrollen ohnehin einen großen Vorteil. Das Beeindruckende an ihnen liegt in ihrem Charakter und wird nicht, wie bei Action-Helden, vorrangig durch ihren Körper repräsentiert, das heißt: Star-Trek-Figuren können gut altern, was schon die alten Filme mit William Shatner und Leonard Nimoy bewiesen haben.

Leider revidiert Picard den Umgang mit der Vergänglichkeit zuletzt. Zwar lässt die Serie Jean Luc Picard sterben, seine Persönlichkeit jedoch wird in einen Androidenkörper transferiert. Nicht nur wird die moralische Problematik, die dieser Eingriff in Picards Persönlichkeitsrechte aufwirft, nicht mehr von der Serie reflektiert, was umso bedauerlicher ist, da genau das im Sinne von Star Trek gewesen wäre. Auch wird durch Picards Wiedergeburt als Android die Bedeutungsschwere des Todes aufgehoben und ein inszenatorisches Kraftmoment der Erzählung ausgehebelt, ja im Grunde wird das Publikum an der Nase herumgeführt. Es hatte das fiktive Geschehen in der Vorstellung erlebt, es sei Picards letztes großes Abenteuer, was bedeutet, dass es noch einmal in der Nostalgie einer alten Erzählwelt schwelgen durfte, für die aber von vornherein der Abschied bereits klar war. Vor dem Hintergrund des bevorstehenden Todes verändert sich die gesamte Wahrnehmung der Serie. Doch am Ende war alles nur ein Trick, damit es eine zweite Staffel geben kann. Daher darf man sich getrost betrogen fühlen. Denn der Abschied, auf den man sich vorbereitet hat, wurde verwehrt – natürlich geht es hier nur um den Abschied von einer fiktiven Person, einer Figur in einer Serie, aber deswegen ist diese Erfahrungen des Abschieds nicht minder real, sie ist bloß ästhetisch vermittelt, also durch eine gestaltete Erzählung an uns überbracht. Und dieses ästhetische Erlebnis ist schlichtweg gescheitert.

Auch wenn ich Star Trek: Picard unterhaltsam finde und die Serie durchaus ein Star-Trek-Gefühl in mir aufkommen lässt, denke ich dennoch nicht, dass die Amazon-Prime-Produktion mit den alten Serien mithalten kann. Letztlich lebt die Serie von dem Glanz des Star-Trek-Universums, den sie noch einmal aufleben lässt, aber zu dem sie durch die eigene Qualität nichts oder allenfalls wenig beiträgt. Wenigstens die Vergänglichkeit, die solchen späten Fortsetzungen anhaftet, reflektiert diese Serie, was ich ihr zugutehalte. Zuletzt aber verrät sie ebendiese Reflexion durch ihre finale Auflösung.

Infokasten

„Star Trek: Picard“, Staffel 1

Schöpfer: Kirsten Beyer, Michael Chabon, Akiva Goldsman

Laufzeit: 46 Minuten / 1 Staffel à 10 Folgen

Produzent: CBS Television Studios, Roddenberry Entertainment, Secret Hideout

Verleih: Amazon Prime Video

USA | 2020

Veröffentlichung: Von 24. Januar bis 27. März 2020, 1 Folge wöchentlich (Streaming)

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amMontag, 31 Januar 2022 19:31
André Vollmer

Schriftsteller. Forscher. Phantast. Am Meer geboren. Gründer von Mellowdramatix.

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„Thought flows in terms of stories – stories about events, stories about people, and stories about intentions and achievements. The best teachers are the best storytellers. We learn in the form of stories.“

– Frank Smith

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