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Essays

Horror heute und gestern

Ein Poster aus den 1880ern zu Stevensons "The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde" Wikipedia Ein Poster aus den 1880ern zu Stevensons "The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde"

Halloween ist die Zeit des Gruselns. Nur was heißt es eigentlich, sich zu gruseln? Und woher stammt das, was wir heute Horror nennen? Ich habe zum Stoff, aus dem der Grusel gemacht wird, einen essayistischen Zugang gefunden und beleuchte einen Vorfahren zeitgenössischer Horrorfilme und -literatur: den Schauerroman.

 

Horror heute – Ein essayistischer Zugang

Horror – das ist eigentlich einmal ein lateinisches Wort gewesen. Es bedeutete so viel wie Schauer oder Schauder. Im Englischen meinte es bald Entsetzen, Gräuel oder Schauder. Heute verbinden Menschen mit Horror vor allem das Gruseln, eine Art schauerhaftes, bewusstes Empfinden eines Schreckens, der fern genug ist, um nicht als wirklich bedrohlich empfunden zu werden. Fern genug deshalb, weil er nicht wirklich da ist, sondern durch Medien vorgespielt und inszeniert wird, wie etwa durch Film, Literatur oder Computerspiel. Durch mediale Vermittlung scheint so etwas wie Gruseln überhaupt erst möglich zu werden, da der reale Schrecken, etwa durch Tod, Krieg oder Hunger, doch wohl eher reale Angst und reales Leid evoziert als bloß Grusel. Freiwillig würde sich dem niemand aussetzen wollen. Medial inszeniert scheint jedoch der umgekehrte Fall zu gelten. Trotz all der Schrecklichkeit, die das Gruseln benötigt, scheint es auch etwas Positives, etwas Attraktives an sich zu haben, das es zu einer wertvoller Empfindung macht. Zumindest so wertvoll, dass es sich lohnt dafür ins Kino zu gehen oder eine DVD zu kaufen.

Anders dürfte sich das mit extremen Horror verhalten, wie er sich in Filmen wie Kidnapped, Funny Games oder Cold Fish zeigt. Das realistische Setting und der im Rahmen des Möglichen inszenierte Schrecken treffen den Zuschauer viel unmittelbarer, weil das Grauenhafte in einem fiktiven Abbild seiner Alltagswelt angesiedelt ist. Damit erscheint das geschilderte Grauen deutlich wahrscheinlicher als der diffuse Schrecken des Übernatürlichen, wie er sich etwa in H. P. Lovecrafts dunklen Mythen um furchtbare, unterseeische Götterwesen findet. Die realistischen Spielarten des Horrors dürften das Gefühl des Gruselns bei weitem übertreffen und eine unangenehme Sphäre der Angst erzeugen. Auch diese Art der Unterhaltung hat ihr Publikum, wenn es auch bereits sehr viel kleiner ist als die Grusel-Fraktion.

Was den Reiz solcher Medien ausmacht, lässt sich vielleicht als Gruseln zweiten Grades beschreiben, das auf Konfrontation und Selbsterfahrung abzielt, auf die innerhalb einer sicheren medialen Rahmung stattfindende Begegnung mit dem, was in westlichen Gesellschaften für gewöhnlich unerfahrbar ist. Nicht mehr erfahrbar deshalb, weil die übernatürlichen Schreckensträger durch rationalistische Erklärungen entmachtet wurden ebenso wie natürliche Gräuel durch gesellschaftliche Regeln einer relativen Sicherheit des Bürgers gewichen sind – wobei natürlich gerade diese gesellschaftliche Ordnung durch den Horror oft unterlaufen oder negiert wird, etwa durch Figuren wie den Massenmörder in Slashern oder durch Weltuntergangsszenarien wie in Zombiefilmen. Auf diese Weise wird eine Form des Grauens neu beschworen, die eigentlich getilgt sein sollte.

Nur – woher stammt eigentlich der Horror? Natürlich hat es die Schrecken in der Kunst schon von jeher gegeben, und zwar in vielfacher, sehr unterschiedlicher Ausprägung. In der modernen Literatur Europas allerdings kann ein bestimmter Romantypus ausfindig gemacht werden, der mit dem heutigen Horror verwandt ist. Der literarische Vorfahre des Horrors in Film, Fernsehen, Literatur und Computerspiel ist die über 200 Jahre alte Gattung des Schauerromans.

 

Der Schauerroman. Ein literarischer Ursprung des Horror-Genres

Mitte des 18. Jahrhundert hielt der Horror Einzug in die Literatur der europäischen Moderne und formte seine eigene Gattung, die gothic novel (im Deutschen auch Schauerroman).Ihr Name rührt von ihren einstmaligen Schauplätzen her, 'gotischen' Orten wie Klöstern, Schlössern mit Geheimgängen, unterirdischen Gewölben und Verliesen, finsteren Wäldern und Ruinen. Typisch war der sogenannte gothic villain, „eine hochgebildete, in sich zerrissene und impulsive Gestalt, die sowohl zum Guten wie zum Bösen fähig ist, aufgrund der inneren Zerrissenheit aber immer wieder dem Bösen verfällt“ (Wikipedia). Mit dazu gehörten dunkle Leidenschaften und schauerliche Gräueltaten. Oft mischte sich in die Szenerie das Wirken zunächst unerklärlicher Kräfte, die dem Geschehen die Ästhetik des Unheimlichen verliehen. Noch der Aufklärung verschrieben wurde das Übernatürliche anfangs rational erklärt und damit schlussendlich seiner unheimlichen Aura beraubt. Daher gilt die gothic novel auch als ein Vorbereiter der Kriminal- und Detektivromane, u. a. weiterentwickelt von Edgar Allan Poe. Später dann im 19. Jahrhundert – zur Zeit der Romantiker, einer literarischen Strömung – überwog in den Schauerromanen die Kritik an der Vernunft. Das unerklärliche, übernatürliche Grauen wurde dominant, wodurch motivische Überschneidungspunkte mit dem Genre der Phantastik entstanden. Vor allem jetzt verbreitete sich die Gattung über den ganzen europäischen Kontinent.

Der Schauerroman prägte maßgeblich, was gelegentlich als die schwarze Romantik bezeichnet wird. Hinter diesem Sammelbegriff verbergen sich jene literarischen Motive, die für Romantiker die Nachtseite des Lebens repräsentierten. Denn gerade das, was von der Norm abwich, was sonderbar, grotesk oder übersinnlich anmutete, war damals der geeignete Nährboden für die romantischen Zweifel an der menschlichen ratio. Der Vernunft wurde die Imagination gegenübergestellt, mit der Träume, Erotik und Perversion, Wahnsinn und Besessenheit, Melancholie und Suizid, Nekromantik und Okkultismus, Doppelgänger, Teufel, Vampire und andere Fabelwesen einhergingen.

Horace Walpoles The Castle of Otranto, a Gothic Story (1794) gilt als die erste gothic novel. Besonders populäre Vertreter der Gattung sind Mary Shellys Roman Frankenstein, or the modern Prometheus (1818)und Bram Stokers Dracula (1897), beides Werke, die Kunstschaffende bis in die Gegenwart zu Adaptionen und Anspielungen medienübergreifend inspirieren, sei es Film, Theater, Musical, Literatur oder Computerspiel. Die zwei Motivkomplexe des zum einen von Menschenhand geschaffenen Lebens und zum anderen des blutsüchtigen Wiedergängers sind durch Shelly und Stoker nachhaltig beeinflusst, vielleicht sogar erst durch sie für nachfolgende Jahrhunderte ermöglicht worden. Mit Robert Louis Stevensons The strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde (1886) wird der Übergang zu populärkulturellen Horrorliteratur markiert.

Zur Entwicklung des Schauerromans trug auch die Gräber- oder Kirchhofspoesie bei, deren Verse von Schädeln, Särgen, Grabinschriften und Würmern erzählen. Melancholisch reflektiert diese Lyrik Tod und Leben. Als Antipol zum aufklärerischen Rationalismus erschloss sie neue Gefühlswelten und wurde Teil der Empfindsamkeit in England. Ein bekannter Dichter dieser lyrischen Stilrichtung ist Thomas Gray mit seiner Elegy Written in a Country Churchyard.

Mit der gothic novel kam auch der Begriff des Horrors in die Poetik. Ann Radcliffe differenzierte schon im 18. Jahrhundert zwischen tales of horror und tales of terror. Mit terror meinte die Schriftstellerin eine diffuse, nicht greifbare Angst, während sie horror als das Grauen vor einer schrecklichen Erscheinung verstand, die auch mit Ekel gepaart sein konnte. Der Begriff horror meint bei ihr einen Schrecken, der eher physisch vom Leser erfahren wird, anders als terror, der subtiler vorgehen muss, weil er aus dem Verborgenen wirkt. Gerade weil der populären Horrorliteratur der eher physisch wirkende Schrecken attestiert wurde, kam sie zunächst zu wenig kulturellem Ansehen. Die bloße ästhetische Wirkung, die Affekthascherei, war Kritikern nicht genug. Erst mit Autoren wie H. P. Lovecraft weichte dieses Urteil Anfang des 20. Jahrhunderts langsam auf.

Eine besondere Form des Schauerromans ist der Vampirroman. Im Fokus dieser Texte steht der bluttrinkende Wiedergänger, wie er vor allem in slawischen Sagen vorkommt: der Vampir oder Strigoi, wie er Gebieten Transsylvaniens, der Walachei und Moldawiens üblicherweise genannt wird. Bram Stokers Dracula ist wohl der berühmteste Vampirroman, wenn auch nicht der erste. Neben mythologischen Vorbildern gibt es eine ganz Reihe Vorgänger, so etwa John Polidoris' Erzählung The Vampyre (1819), James Malcom Rymers Varney the Vampyre (1845) oder Sheridan Le Fanus Carmilla (1872). Trotz all der Vorgänger bleibt Dracula der wirkungsmächtigste Vampirroman, dessen Einfluss sich bis auf zeitgenössische Werke wie Ann Rices Interview with the Vampire (1976)oder auf Rollen- und Erzählspiele wie Vampire: The Requiem (ab 2003) nachweisen lässt. Selbst wem Stoker nichts sagt, kennt doch wenigstens die Figur Dracula, die es bis in die Popkultur geschafft hat.

Mit dem Vampirroman geht auch die Diskussion um seine Zeichenhaftigkeit einher. Tabuisierte und gewalttätige Sexualität ist eine beliebte Deutungsweise des Vampirs, die bis heute im Trend ist und auch auf der Hand zu liegen scheint, ist es doch gerade der meist männliche Vampir, der durch seinen Biss die Frau in die Ohnmacht treibt. Einer düsteren Erotik entbehrt dieser Figurentypus jedenfalls nicht. Das lässt sich auch in Stephenie Meyers Twilight-Romanen feststellen. Der Vampir Edward Cullen entsagt seinen Instinkten und wartet mit dem nächtlichen Kuss, bis er seine angeschwärmte Bella Swan geheiratet hat. Auf diese wird der Biss mit dem Geschlechtsakt gleichgesetzt und für die Zurschaustellung einer prüden Sexualmoral verwendet. Was wohl der Graf von Transsylvanien dazu sagen würde?

Quellen: Wikipedia, Metzler Literaturlexikon

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 16:22
André Vollmer

Kein Kritiker. Aber ein Schriftsteller, der ab und an Kritiken schreibt. Am Meer geboren.

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