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Serie

„Dark“, Mystery-Thriller über das Geheimnis der Zeit

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In der Kleinstadt Winden verschwindet ein Junge. Wie vor 30 Jahren schon. Der Entführer wurde damals nie gefasst. Jetzt droht die Wiederkehr eines Dramas.

Rezension

Sehr ruhig und in dunklen, kalten Farben erzählt die Serie von dem Verschwinden des Jungen Erik Obendorf (Paul Radom) und den Konsequenzen, die dies für das Zusammenleben der Menschen in der Kleinstadt Winden hat, zumal vor wenigen Jahrzehnten schon einmal ein Kind unwiederbringlich verschwunden ist und nun eine Wiederholung der Tragödie droht. Folge für Folge entfaltet die Serie ein glaubwürdiges Figureninventar samt ihren sozialen Verflechtungen, zunächst auf den zwei Zeitebenen 2017 und 1986, sodass die Serie trotz der Schwere des Themas auch Raum für Nostalgie hat. Späterhin tritt eine dritte Zeitebene hinzu, die noch tiefer in die Vergangenheit blickt. Das ist durchaus komplex, aber nicht verwirrend, da die Macher sehr viel Wert darauf gelegt haben, den Zuschauern die Zusammenhänge verständlich vor Augen zu führen.

dark 1Ähnlich wie in einer guten Kriminalgeschichte werden so Einblicke in die dunklen Geheimnisse der Figuren gegeben, in ihre Verfehlungen, Intrigen und seelischen Abgründe. Entsprechend ist der Blick auf ein breites Tableau an Figuren gerichtet, von denen nur schwer eine zur Hauptfigur avanciert. Am ehesten sind dies vielleicht der schüchterne Teenager Jonas (Louis Hofmann), der nach einer Auszeit wieder in die Schule zurückkehrt, sowie der latent gewalttätige Polizist und Familienvater Ulrich Nielsen (Oliver Masucci), der emotional tief in das Verschwinden von Erik Obendorf involviert ist. Damals vor etwa 30 Jahren war es sein Bruder Mads (Valentin Oppermann), der nicht wieder auftauchte.

Neben der vielstimmigen Zeichnung eines Kleinstadt-Milieus, das nur vorgeblich eine Idylle ist, sorgt in dieser Mystery-Serie außerdem ein übernatürliches Geheimnis für Spannung. Es hat mit einer Höhle im Wald und einem ominösen Regenmantel-Mann zu tun, der die stadtnahen Wälder durchstreift. Vor dem Hintergrund, dass in dem abseitigen Städtchen abermals ein Kind spurlos verschwunden ist, rollt die Serie die philosophische Frage auf, ob der Mensch einen freien Willen hat oder letztlich, wie man annehmen könnte, Teil eines Geflechts aus Ursache und Wirkung ist, dem er nicht entkommen kann. Die Inszenierung des Geschehens auf drei Zeitebenen spielt hierbei eine entscheidende Rolle; sie veranschaulicht die kausalen Zusammenhänge, die erst über die Zeit hinweg sichtbar werden.

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dark 2Auf den ersten Blick schwimmt die Mystery-Serie Dark aus dem Herbst 2017 im Fahrwasser populärer Serien und Filme wie der Mystery-Serie Stranger Things oder der Neuverfilmung von Stephen Kings Roman IT. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings deutlich: Die erste deutschsprachige Serie, die der Streaming-Dienst Netflix produziert hat, ist durchweg eigenständig und lediglich motivisch mit den genannten Medieninhalten verwandt. Etwa trägt die Figur Jonas einen gelben Regenmantel, der doch sehr an den aus IT denken lässt, an ein Kleidungsstück also, das bereits ikonisch geworden ist und zum Beispiel auch in dem Videospiel Little Nightmares aufgegeriffen wird. Dark inszeniert zudem eine übernatürliche Bedrohung, die in regelmäßigen Zeitabständen wiederkehrt, wie in der Stephen-King-Verfilmung. Ebenso die Tatsache, dass Dark mehrere Zeitebenen aufgreift und zwischen diesen springt, stellt eine Verbindung zu IT her (zumindest zu der TV-Verfilmung aus den 90ern und der Romanvorlage selbst). Dass in Dark außerdem eine Zeitebene in den 80ern situiert ist, lässt einerseits an Andy Muschiettis Neuverfilmung von IT denken, andererseits an die Serie Stranger Things, die ebenfalls in diesem Jahrzehnt spielt und deren ästhetische Wirkung zu einem Großteil auf die momentan aktuelle Nostalgie-Faszination setzt. Die Auflösung des Geschehens aber sowie der Fokus auf die menschlichen Abgründe aus dem eher realistischen Blickwinkel eines Krimis machen Dark letztlich doch eigenständig.

Dennoch, die Vermutung, dass hier ein Hype nutzbar gemacht werden sollte, ist nicht unplausibel, zumal die Serie in zeitlicher Nähe zu IT und Stranger Things gestartet ist und sich sowohl in den USA als auch weltweit großer Beliebtheit erfreute. Netflix hat sogar eine zweite Staffel bewilligt, was auch narrativ sinnvoll ist, da das ungeheuerliche Ausmaß des Geheimnisvollen und Übernatürlichen, das sich in Dark nach und nach entfaltet, zuletzt nur angedeutet wird. Die erste Staffel lässt die Zuschauer also mit einem enormen, aber sehr gelungenen Cliffhanger zurück. In der zweiten Staffel muss die Serie sodann ohne motivische Anleihen bei bereits erfolgreichen Medieninhalten auskommen und ihre Eigenständigkeit ausbauen, um weiterhin überzeugen zu können.

Die Mystery-Serie Dark ist in Anbetracht des deutschen Serienmarktes eine Perle, die zwischenmenschliche Beziehungen in den Vordergrund rückt, in ihre Abgründe hinableuchtet und danach fragt, wie diese sich über das Vergehen von Zeit hinweg weiterentwickeln.

Trailer zu Dark

Infokasten

„Dark“, Staffel 1

Schöpfer: Baran bo Odar, Jantje Friese

Laufzeit: 60 Minuten / 10 Folgen à 1 Staffel

Produzent: Netflix, Wiedemann & Berg Television

Verleih: Netflix

Deutschland | 2017

Letzte Änderung amMontag, 05 März 2018 10:16
André Vollmer

Kein Kritiker. Aber ein Schriftsteller, der ab und an Kritiken schreibt. Am Meer geboren.

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„Jahre waren es, da lebte ich nur im Echo meiner Schreie, hungernd und auf den Klippen des Nichts. […] Bis mich die Seuche der Erkenntnis schlug: es geht nirgends etwas vor; es geschieht alles nur in meinem Gehirn. Nun gab es nichts mehr, das mich trug.“

 Gottfried Benn