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Serie

„Stranger Things“ (Staffel 1) – Mystery mit dem Charme der 80er

Serienplakat (Ausschnitt) Netflix Serienplakat (Ausschnitt)

Stranger Things ist eine der beliebtesten Serien auf Netflix und wird demnächst fortgesetzt. Zeit, einen Blick auf Staffel 1 der Mystery-Geschichte zu werfen.

Rezension

StrTh1 11983. In der Kleinstadt Hawkins in Indiana ist für gewöhnlich alles ruhig – bis eines Nachts plötzlich ein Junge spurlos verschwindet. Ausgerüstet mit Fahrrädern, Taschenlampen und Walkie-Talkies machen sich Mike Wheeler (Finn Wolfhard) und der Rest der nerdigen Außenseiter-Clique auf die Suche nach ihrem vermissten Freund Will Byers (Noah Schnapp). In der nächtlichen Dunkelheit des Waldes treffen sie unverhofft auf ein Mädchen mit kurzgeschorenen Haaren, das nicht viel spricht und offenbar in Ärger verwickelt ist. Einen Namen hat sie auch nicht, lediglich eine Nummer: Eleven (Millie Bobby Brown). Das Mädchen ist bei weitem nicht das einzige, was den Wald bei Nacht durchstreift.

Stranger Things ist eine der erfolgreichsten Netflix-Serien 2016. Entsprechend sehnlich erwarten viele die zweite Staffel, die weltweit am 27. Oktober 2017 startet. Genug Zeit für Mystery-Fans, die acht Folgen der ersten Staffel zu schauen – falls nicht längst geschehen. Die Serie lockt mit dem Charme der 80er. Bereits der Vorspann ist im Look und mit dem Synthesizer-Sound damaliger TV-Serien-Vorspänne aufgemacht. Gleich einer Zeitmaschine entführt Stranger Things den Zuschauer mit zahllosen Referenzen zu Alltagskultur, Horrorfilmen, Literatur oder Musik in eine längst verschwundene Zeit. Da gibt es Tabletop-Rollenspiele à la Dungeons & Dragons und Walkie Talkies, X-Men-Comics, coole Fahrräder, Videokassetten und Röhrenfernseher mit unglaublichen 22 Zoll.

StrTh1 2Aber auch das klassische Bild einer wohlsituierten US-amerikanischen Familie wird bedient: auf der einen Seite der zeitungslesende Vater, der vom Job erschöpft und in Familienangelegenheiten eher unmotiviert ist, auf der anderen die Mutter, die den Haushalt schmeißt und die Kinder zur Ordnung ruft. Konterkariert wird dieses Familienmodell durch die alleinerziehende Joyce Byers (Winona Ryder), deren Sohn Jonathan (Charlie Heaton) auf seinen kleinen Bruder Will aufpassen muss, wenn sie arbeitet. Seit Wills Verschwinden muss Jonathan mit Schuldgefühlen leben, weil er, statt ebenfalls zu arbeiten, wie abgesprochen hätte Zuhause sein sollen. Überhaupt rückt die Serie das Familiendrama stark in den Fokus und zeigt eine zunehmend verzweifelte Mutter, die ihr Kind sucht und angesichts einiger unerklärbarer Umstände um ihren Verstand ringt. Von Beginn an manifestiert sich in Stranger Things eine übernatürliche Bedrohung, die nach und nach konkretisiert wird – welcher Gestalt, wird hier nicht verraten. In irgendeiner Weise hat diese Bedrohung aber mit Will und der mysteriösen Eleven zu tun, derer sich Mike Wheeler und seine Kumpels annehmen. Bald rutschen die Kids ebenfalls in den Schlamassel, in dem ihre neue Freundin steckt.

Die Handlung schlägt durchweg ein ruhiges Erzähltempo ein und balanciert angenehm zwischen Figurenzeichnung, Spannungsmomenten und Investigation. Neben der Inszenierung eines vergangenen Jahrzehnts stehen gleich mehrere Coming-of-Age-Geschichten im Zentrum des Geschehens. Das könnte einen Erfolgsfaktor der Serie ausmachen, da die Thematik rund ums schwierige Erwachsenwerden derzeit sehr angesagt zu sein scheint. Auf dem Fantasy Filmfest 2017 etwa gab es ausgesprochen viele gelungene Filme mit einem Coming-of-Age-Plot, darunter Super Dark Times, A Sicilian Ghost Story, RAW und IT, um nur ein paar zu nennen.

StrTh1 3Die Figuren bieten für jeden etwas. Dank ihrer individuellen Konflikte und Perspektiven laden sie den Zuschauer förmlich dazu ein, sich in die eigene Jugend zurückzuversetzen, seien es Mike und seine Clique, die sich um ihren verschwundenen Freund sorgen, die Beziehungsprobleme von Mikes Schwester Nancy (Natalia Dyer) oder Jonathans Suche nach seinem Bruder Will. Zugleich ermöglichen Figuren wie der Polizist Jim Hooper (David Harbour) oder Joyce Byers eine Projektionsfläche für die erwachsenen Ich-Anteile des Zuschauers. Vielleicht macht dies einen weiteren Teil des Erfolgs aus: dass Stranger Things, eingebettet in einem nostalgischen Setting, gleich drei Lebensphasen anspricht und sie aus unterschiedlichen Figurenperspektiven schildert. Hierzu trägt das bodenständige und glaubhafte Figureninventar bei, das sehr wirklichkeitsnah und daher mitreißend dargestellt ist.

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Stranger Things ist das erste Werk von den Duffer Brüdern, für das sich ein so großes Publikum begeistert. Das verrieten Matt und Ross Duffer, die bei der Serie für Drehbuch und Regie zuständig sind, in einem Interview mit Wired. Der Zuspruch des Publikums gebe ihnen Vertrauen und außerdem die Möglichkeit, in der zweiten Staffel ein wenig mehr von ihren ästhetischen Vorstellungen einzubringen. Das könnte eine explizitere Figurensprache bedeuten: mehr Schimpfwörter für mehr Realismus, so die Idee. Zumindest sind laut den Duffer Brüdern Alternativszenen geschossen worden, in denen die Kinder derbere Ausdrücke verwenden. Im Vorwege soll es dazu Diskussionen mit Netflix gegeben haben, woraufhin die Sprache bereits im Drehbuch entschärft worden sei. Kurz vor Drehbeginn habe die Streaming-Plattform allerdings auf Anfrage der beiden Regisseure den Dreh der besagten Alternativszenen genehmigt. Man darf daher gespannt sein, welcher Sprachstil es schließlich in das Werk schaffen wird.

Wer die erste Staffel von Stranger Things noch nicht gesehen und ein Faible für die 80er hat, aber auch Mystery, Monster, Verschwörungen und Geschichten rund ums Erwachsenwerden mag, dem sei diese bisher relativ kurze, spannend erzählte Serie sehr ans Herz gelegt.

Trailer zu Stranger Things (Staffel 1)

Infokasten

„Stranger Things“ (Staffel 1)

Regie / Drehbuch: Matt Duffer, Ross Duffer (a.k.a. The Duffer Brothers)

Laufzeit: 8 Folgen / 55 Minuten

Produzent: 21 Laps Entertainment, Monkey Massacre

Verleih: Netflix

USA | 2016

Die zweite Staffel zu Stranger Things startet am 27.10.2017 auf dem Streaming Portal Netflix.

Letzte Änderung amSamstag, 28 Oktober 2017 14:01
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Die Normalsten sind die Kränkesten. Und die Kranken sind die Gesündesten. Das klingt geistreich oder vielleicht zugespitzt. Aber es ist mir ganz ernst damit, es ist nicht eine witzige Formel. Der Mensch, der krank ist, der zeigt, daß bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, daß sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und daß sie dadurch, durch diese Friktion, Symptome erzeugen. […] sehr viele Menschen, das heißt, die Normalen, sind so angepaßt, die haben so alles, was ihr eigen ist, verlassen, die sind so entfremdet, so instrumente-, so roboterhaft geworden, daß sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden.“

– Erich Fromm