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Zwischen Füssli und elektronischer Musik: „Der Nachtmahr“

Filmplakat (Ausschnitt) Filmplakat (Ausschnitt)

Ein albtraumhafter Besucher macht einer Siebzehnjährigen das Leben schwer. Der Nachtmahr ist ein phantastischer Film aus Deutschland, der mal laut, mal leise und bewusst unbequem ist.

Tina (Carolyn Genzkow) ist mit zwei Freundinnen auf dem Weg zu einer illegalen Party in einem Berliner Freibad. Dort angelangt wird den jungen Frauen mit lauter elektronischer Musik eingeheizt. Als Adam (Wilson Gonzales Ochsenknecht) auftaucht, wird Tina nervös. Als sie pinkeln geht, bricht sie panisch zusammen, als sie Etwas im Gebüsch sieht. Für Tina ist die Party vorbei, ihre Freundinnen bringen sie ins Auto und machen sich auf den Weg nach Hause. In einer Art Halluzination werden die Zuschauer Zeuge von einer parallelen Erzählung: Tina wird von einem Auto erfasst und von der Straße geschleudert.

nachtmahr4Am nächsten Tag. Tina erwacht in ihrem Bett. Sie hört merkwürdige Geräusche aus der Küche. Panisch rennt sie ins Schlafzimmer ihrer Eltern, die Tina nicht recht ernst zu nehmen scheinen. Als Tina fast verrückt vor Angst ist, betritt sie allein die Küche und sieht eine Kreatur vor dem Kühlschrank sitzen. Von Furcht getrieben rennt Tina schreiend davon, sucht erneut Hilfe bei den Eltern, doch als sie gemeinsam erneut die Küche betreten, ist dort nichts. Tina befindet sich schon länger in psychologischer Betreuung, für die Eltern scheint das Geschehen nichts Neues zu sein. Folgend versucht Tina sich in Partys mit ihren Freunden aus der Elektro-Clique Ablenkung zu schaffen. Dennoch wird Tina von ihrem Nachtmahr verfolgt, der ein wenig an den Alb auf dem Bauch der schlafenden Frau in Johann Heinrich Füsslis gleichnamigen Gemälde erinnert (1781). Tina wird vor die Wahl gestellt: Akzeptiere das Monster oder verfalle dem Wahnsinn.

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In ungewöhnlichen, ans Extreme grenzenden Bildern vermittelt Der Nachtmahr einen einzigartigen visuellen Stil. Die Bilder sind zum Teil mit einer ungewöhnlichen Form aufgezeichnet worden, sodass die Bildgestaltung etwas gewöhnungsbedürftig ist. Krasse Farben, harte Wechsel von Tag und Nacht, Gut und Schlecht, im Spannungsfeld von Unterhaltungskultur und psychischer Erkrankung schafft Regisseur Akiz (Achim Bornhak) einen unbequemen, lauten und heftigen Film, der mit mehrfacher Rezeption besser wird. Vieles verbleibt im Feld des Interpretativen, so wird beispielsweise mehrfach auf zirkuläre Strukturen hingewiesen und am Ende bildet der Film ebenfalls eine zirkuläre Narration ab. Das ist nur eine der vielen Besonderheiten von Der Nachtmahr. Der Film spielt geschickt mit der Frage, ob es hier eine phantastische Erzählung ist, in der dieses Monster tatsächlich wirklich sein kann, oder ob all das nur eine phantastische Metapher für einen zunehmenden psychischen Verfall der Protagonistin spiegelt. Besonderes Lob muss hier den Darstellern ausgesprochen werden, die in ihren Rollen ausnahmslos authentisch wirken.

Füssli NachtmahrChristopher Frayling schreibt über Füsslis Gemälde: „Das Bild war deshalb so faszinierend – und unheimlich –, weil es sich gleichzeitig verschiedener Ebenen bediente. Stuhl und Nachttisch im zeitgenössischen Stil stellen einen Bezug zur damaligen Gegenwart her. Aber im Gegensatz zu den bekannten Traumdarstellungen behandelt das Bild nicht den Traum eines einzelnen Individuums, sondern den Albtraum im allgemeinen [sic.]. Es war nicht ein Albtraum, sondern der Albtraum; keine Vision, sondern eine Empfindung“ (1996, Seite 6). Ein ähnlicher Ansatz kann auch im vorliegenden Film gefunden werden. Denn in dem Werk wird nur augenscheinlich der Albtraum einer psychisch Kranken lebendig, das geschieht auch, ist aber nicht alleinstehend. Es werden andere Ängste aufgegriffen: Angst um ein Kind, Angst vor sozialer Ausgrenzung, Angst vor dem Tod; in der Folge manifestieren sich hier – durch das Phantastische als Metapher – auch reale weltliche Schrecken.

nachtmahr3Der Nachtmahr ist einer dieser wenigen deutschen Indiefilme, die wirklich gut sind. Dieser Film wird zweifellos nicht jedem gefallen, es bedarf eines bewussten Einlassens auf eine ungewöhnliche cineastische Reise. Einziger Kritikpunkt ist die nicht immer optimal im Ton gemischte Sprache, wodurch einige Passagen der Dialoge ungehört verhallen. Am besten funktioniert der Film in einem abgedunkelten Raum, mit Kopfhörer, der Verkaufsversion liegt eine speziell dafür gemischte Filmversion bei. Der Nachtmahr ist kein Unterhaltungsfilm und macht wenig Spaß, dennoch ist es eine Bereicherung diesen Film zu sehen, die eine kathartische Wirkung besitzen kann.

Quellen

Frayling, Christopher (1996): Alpträume. Die Ursprünge des Horrors. Köln: vgs.

Füssli, Johann Heinrich (um 1781) Der Nachtmahr. Bildquelle: http://blog.staedelmuseum.de/wp-content/uploads/2012/10/detroit-503x400.jpg

 Trailer zu Der Nachtmahr

Infokasten

„Der Nachtmahr“

Regie: Akiz

Drehbuch: Akiz

Produzent: OOO-Films, Bon Voyage Films

Laufzeit: 92 Minuten

Verleih: Koch Media

Deutschland 2015

Im Handel auf DVD und Blu-ray-Disc erhältlich.

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 22:21
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Das Recht zur Kritik ist, sozusagen, ein ästhetisches Naturrecht.“

– Hugo Dinger: Dramaturgie als Wissenschaft. Bd. 1. Leipzig 1904, S. 318.