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„Narbenhaut“ von innovative fiction

Empfehlung Cover zu "Narbenhaut - Ein Instrument der Furcht" Innovative Fiction Cover zu "Narbenhaut - Ein Instrument der Furcht"

Ein Fantasy-Abenteuer mit guten Dialogen und mehrschichtigen Figuren als Hörspiel kostenlos auf YouTube. Gut erzählte Fantasy, die zu begeistern weiß.

Sia Narbenhaut (Nora Jokhosha) verdingt sich deshalb als Jägerin von Mördern und anderen Schurken, für deren Gefangennahme die Stadtwachen gern das eine oder andere Sümmchen locker machen. Nur ist sie dummerweise nicht die einzige Person, die sich über das Kopfgeld ihres neuesten Delinquenten finanzieren will, eines Mörders, der in den Schatten von Kar-Dara umgeht, der Stadt aus Licht und Dornen, und vielleicht längst kein Mensch mehr ist. Denn offenbar tötet er allein durch die Furcht, die er in seinen Opfern weckt. Den Kerl dingfest zu machen, nimmt sich jedenfalls auch Bronn Donnerhorn (Sven Matthias) vor, ein Guak, genauer: ein hünenhafter Nashornmann, mit dem sich Sia wird einigen müssen. Was als offene Feindschaft beginnt, entwickelt sich zur Geschichte eines ungleichen Gespanns, in dem die Kopfgeldjägerin diejenige ist, die von Idealen angetrieben wird, während Bronn eher pragmatisch denkt. Dass sich diese Perspektiven immer wieder gegenseitig relativieren, trägt zum Gelingen der Dialoge und der gefühlten Vielschichtigkeit von Welt und Figuren bei, die kein simples Gut gegen Böse kennen, ein sonst so in die Fantasy eingebranntes, aus vielen Gründen unzeitgemäßes Paradigma. Stattdessen sind es Figuren, die von Zielen und Interessen geleitet werden. Das lässt an Andrzej Sapkowskis Hexer-Romane denken, deren Versoftung die populäre Computerrollenspielserie The Witcher hervorgebracht hat.

Die Dialoge des Hörspiels Narbenhaut – Ein Instrument der Furcht sind keck, wendungsreich und gut geschrieben, oft witzig und pointiert sowie durchweg aus der Welt heraus gedacht, das heißt: die Figuren erklären nichts, was ihnen von Kindesbeinen an bekannt ist. Wo es Erklärungsbedarf gibt, springt ein Erzähler (Gordon Piedesack) ein, der für die Hörspiele von innovative fiction eher untypisch ist, aber sehr gut zu der Fantasy-Welt passt, die zu schildern von den Figuren allein nicht zu leisten wäre, ohne dass es unweigerlich hätte unpassend wirken müssen. Durch die Wahl eines Erzählers werden romanhafte Passagen möglich, die in wohlgewählten Worten das Geschehen umreißen, sodass es sich leicht und mit vielen Details vorstellen lässt, ohne dabei ausufernd zu werden. Die Welt von Narbenhaut hat ein orientalisches Flair und ist sehr lebendig inszeniert, Städte mit engen Gassen und geschäftigen Märkten treten durch die gut gearbeitete Tonkulisse plastisch vor das innere Auge des Hörers. Hut ab vor der Idee, die Hintergrundgeschichte der Welt, das Kommen und Schwinden der Grauen Herrscher, durch einen Geschichtenerzähler fast wie nebenbei in einer Marktszene zu schildern. Das fühlte sich sehr organisch an, keinesfalls der Handlung aufgepfropft aus Gründen eines Erklärungszwanges, wie man das in schlechter Fantasy häufig findet.

Überhaupt hat die erzählte Welt Tiefe, und wenn man dem Autor Dane Rahlmeyer so im Produktionskommentar zuhört, scheint dieser auf eine Fortsetzung nur so zu brennen, eben weil es noch viel zu erzählen gäbe. Das klingt an vielen Stellen der Geschichte an, zum Beispiel, wenn Sias Vergangenheit oder die ihres Gefährten Bronn Donnerhorn bruchstückhaft in Szenen und Dialogen durchschimmert. Da wünscht man sich zügig eine Fortsetzung! Allerdings nicht, weil man bloß von einer Geschichte angefixt worden wäre, die endlos weitererzählt werden könnte, und man, durch Cliffhanger halb wahnsinnig geworden, schlicht wissen will, wie es endet. Nein, es gibt Geschichten, die ihrer ausgezeichneten Erzählweise wegen eine Fortsetzung verdient haben. Narbenhaut – Ein Instrument der Furcht ist eine davon.

 

Das Fantasy-Abenteuer Narbenhaut – Ein Instrument der Furcht

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 17:45
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Ich habe den ganzen Kosmos mit meinem Schädel zerkaut! Ich habe gedacht, bis mir der Speichel floß. Ich war logisch bis zum Koterbrechen. Und als sich der Nebel verzogen hatte, was war dann alles? Worte und das Gehirn.“

Gottfried Benn