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Hörspiele & -bücher

„Das Imperium der Ameisen“ setzt eigene Akzente

Cover (Ausschnitt) Folgenreich | Universal Music Cover (Ausschnitt)

Oliver Dörings Hörspiel-Adaption von H. G. Wells‘ Kurzgeschichte The Empire of the Ants ist eine spannende Abenteuerreise im Geiste des Originals.

Eigentlich ist Lucas Holroyd (Julien Haggége) ein Stadtmensch und liebt Junk Food, Musik für lau, riesige Fernseher, Videospiele und Alkohol. Sein Chef Richard Chambers (Oliver Stritzel) schickt den Biologen, der dem Dschungel ein abgeschirmtes Labor vorzieht, genau dorthin: in den subtropischen Urwald Perus, wo er auf den Spuren seines Kollegen und Vorgängers John Perkins (Boris Tessmann) nach einer ungewöhnlich giftigen Ameisenart forschen soll. Unglücklicherweise ist Perkins verschwunden und mit ihm die bisherigen Forschungsergebnisse. Von Chambers in den unliebsamen Job gedrängt, begibt sich Holroyd also nach Peru und dort auf das Marineschiff „Benjamin Constant“ unter der Leitung des Kapitäns Gerilleau (Carlos Lobo), eines kampferprobten Mannes, der die Gefahren der hiesigen Wildnis kennt. Bald schon, auf der Fahrt tiefer in den feuchten Urwald, treffen Holroyd und Gerilleau auf den Globetrotter Ernest Simpson (Douglas Welbat), der etwas über den Verbleib von Perkins wissen könnte und den beiden zunächst Gerüchte und Legenden über die Ameisen auftischt.

Oliver Dörings Das Imperium der Ameisen basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte des wohlbekannten Science-Fiction-Autors H. G. Wells. Das Hörspiel ist eine unterhaltsame, dialogreiche Abenteuergeschichte, die einen Stadtmenschen, der Sauberkeit und Ordnung favorisiert, mitten in das Herz eines Dschungels schickt. Dieser Konflikt entbehrt bisweilen auch nicht des Humors. Getragen wird die Geschichte dies von einer lebhaften Inszenierung. Ton- und Musikkulisse wecken ein Kopfkino, das den Dschungel und seine Bewohner, die abgelegenen Dörfer und Moskitos vor das innere Auge treten lässt. Die Dialoge sind glaubhaft und spannend wie die gesamte Abenteuerreise, die sich durch unwirtliches Terrain einer Bedrohung entgegen bewegt, die nach und nach entfaltet wird. Der Schrecken, den das Hörspiel beschwört, ist nicht wie bei Wells lakonisch abgehandelt, sodass er in seiner Plötzlichkeit im Leser nachhallen kann, sondern wird dramatisch ausgestaltet. Das bietet sich für ein Hörspiel an und bestärkt das Kopfkino. Die Sprache der Figuren ist bisweilen salopp mit Kraftausdrücken gespickt. Das Imperium der Ameisen ist damit durchweg spannend und gut geschrieben, einmal abgesehen von dem etwas melodramatischen Auftakt, der allerdings auch als dunkle Vorausdeutung fungiert und damit der Spannungserzeugung.

Urangst der Unterwerfung und Vernichtung

In seiner Kurzgeschichte The Empire of Ants baut Wells eine Bedrohung durch eine Spezies auf, die dem Menschen überlegen sein könnte: Nicht nur verfügt eine bisher unbekannte Ameisenart über ein tödliches Gift, sie ist auch noch intelligent, besser organisiert als der Mensch und zahlenmäßig überlegen. Diese Eigenschaften konturieren eine mögliche Dominanz der Ameisen und damit eine Bedrohung für die Menschheit. Wells erschafft buchstäblich ein Horrorszenario, das er allerdings im Vagen, Ahnungsvollen belässt und derart ein Geheimnis daraus macht, welches wiederum durch die Ungewissheit, die damit einhergeht, umso beklemmender wirkt. Es mag sich in dieser konkreten Ausformulierung des Schreckens die soziale Angst spiegeln, die eigene Kultur könnte womöglich anderen Kulturen unterlegen sein und eines Tages durch diese ersetzt werden – eine Angst, die zurzeit offenbar höchst aktuell ist, die ich allerdings für unberechtigt und schlichtweg absurd halte.

Was auch immer hinter der Bedrohung steht, die Wells literarisch inszeniert, es bleibt an ihr ein Schauer, der unberührt ist von politischen Erwägungen verschiedener Zeiten, eine Urangst der Unterwerfung oder sogar der Vernichtung, ein Anti-Narrativ zum Fortschrittsgedanken der Moderne, der über das 20. Jahrhundert ins Stolpern geraten ist: der Mensch, der sich die Welt untertan gemacht hat, ist von den Konsequenzen dieser Handlung eingeholt worden. Das 21. Jahrhundert bedeutet ihm ein radikales Umdenken oder den Untergang.

Widerstreit von Mensch und Natur

Dörings Hörspiel-Adaption berücksichtigt die Weiterentwicklungen der Mentalitätsgeschichte. Aus dem im Original bereits angelegten Widerstreit von Mensch und Natur wird einerseits in Gestalt von Dörings Protagonisten Holroyd ein Konflikt zwischen Stadtmensch und wilder, ungebändigter Natur. Andererseits erhält der Widerstreit von Mensch und Natur ein neues Vorzeichen. Es geht nicht mehr nur um die mögliche Dominanz einer weiterentwickelten Spezies über eine andere, sondern auch um das zerstörerische Wirken des Menschen in der Natur, die sich nun – so eine Deutung, die das Hörspiel nahelegt – in Form einer intelligenten Ameisenart zur Wehr setzt. Statt um Vorherrschaft könnte es sich auch um reine Selbstverteidigung der Natur handeln. In beiden Werken erkennt und äußert der Protagonist emphatisch, dass der Mensch im Angesicht der Natur, die die Welt als überwältigende Macht nach ihren Gesetzen gestaltet, unbedeutend ist.

Wie Dörings Hörspiel-Adaption Die Zeitmaschine nimmt auch Das Imperium der Ameisen seine literarische Vorlage ernst, situiert diese aber neu, arrangiert sie in ihren Einzelteilen anders, aktualisiert sie, entwickelt sie also in eigener Ausdeutung weiter und folgt dem Original doch stellenweise sehr dicht. Während die kurze Erzählung von Wells für die Veröffentlichung in einer Zeitschrift verfasst wurde und daher in vielen Belangen sehr knapp erzählt, kann ein fast einstündiges Hörspiel den Stoff etwas breiter fassen. Das nutzt Döring vor allem, um den Figuren im Sinne einer wirklichkeitsnahen Inszenierung glaubhafte Beweggründe zu verleihen und die Handlung, die dem Plot der Vorlage größtenteils folgt, in der Jetztzeit zu verankern. Zudem ist die Handlung auch erzählerisch stärker motiviert, weshalb Dörings Holroyd nicht einfach nur Engländer wie bei Wells ist, sondern Stadtmensch und Biologe, der für ein profitorientiertes Unternehmen tätig ist.

Expliziter Schrecken statt mysteriöser

Im Gegensatz zu Wells, der die Ameisenspezies, wie gesagt, als etwas Geheimnisvolles darstellt, macht Döring vieles explizit, was beim Original noch im Vagen und Möglichen verbleibt. Das hat Vor- und Nachteile für die Wirkung eines Werks, gibt in jedem Fall aber erzählerische Freiheiten, die Döring auch nutzt, um dem Stoff noch eine interessante Wendung abzuringen (die aber doch im Geiste der Vorlage zu sein scheint). Und letztlich: das Mysteriöse wäre nur noch schwer zu beschwören nach so vielen Medieninhalten, die neben Riesenameisen (zuletzt It Came from the Desert) auch mutierte Insekten aller Art (etwa Stung) und diverse Monster in Szene setzen.

Oliver Dörings Hörspiel Das Imperium der Ameisen ist abenteuerliches Kopfkino, das mit lebhafter Soundkulisse und mit glaubhaften Dialogen und Figuren inszeniert ist – und damit die Adaption eines Science-Fiction-Klassikers, die ihre eigenen Akzente setzt, aber den Geist des Originals trotz angebrachter Modernisierung bewahrt.

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Infokasten

„Das Imperium der Ameisen“

Buch, Schnitt und Regie: Oliver Döring

Produktion: IMAGA – Alex Stelkens & Oliver Döring

Verlag: Folgenreich / Universal Music

Spielzeit: ca. 56  Minuten

Deutschland | 2017

Veröffentlichung: 24.11.2014 (CD / digital)

Letzte Änderung amMittwoch, 29 November 2017 14:54
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Die Normalsten sind die Kränkesten. Und die Kranken sind die Gesündesten. Das klingt geistreich oder vielleicht zugespitzt. Aber es ist mir ganz ernst damit, es ist nicht eine witzige Formel. Der Mensch, der krank ist, der zeigt, daß bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, daß sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und daß sie dadurch, durch diese Friktion, Symptome erzeugen. […] sehr viele Menschen, das heißt, die Normalen, sind so angepaßt, die haben so alles, was ihr eigen ist, verlassen, die sind so entfremdet, so instrumente-, so roboterhaft geworden, daß sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden.“

– Erich Fromm