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Literaturwissenschaft: Ein Blick auf Harry Potter

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Harry Potter und die (geheime) Wissenschaft der Literatur

Passend zum Start des vorletzten Harry-Potter-Films konnte ich zwei Ringvorlesungen der Kieler Universität über den Fantasy-Siebenteiler von J. K. Rowling auftreiben. Im Fundus der Website www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de lassen sich die Aufzeichnungen diverser literaturwissenschaftlicher Vorlesungen finden, u. a. auch zu phantastischen Themen. Jan-Oliver Decker hielt 2008 einen Vortrag über das Ende der Heptalogie, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“, 2005 war es Daniela Langer, die über den Anfang derselben referierte, „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Diesen zufälligen Gegensatz kann ich wunderbar weiter verwenden. Langers Erörterungen nämlich kann aus meiner Sicht jeder interessierte Fan ohne Weiteres gut nachvollziehen, während man meinen könnte, in Deckers Diagrammen und Folien löse sich der Roman völlig auf. Letzteren Vortrag derart zu reduzieren, würde ihm allerdings Unrecht tun. Anders als Langer setzt Decker lediglich reichlich literaturwissenschaftliches Wissen voraus und greift auf Fachausdrücke zurück, ohne sie zu erläutern. Dadurch wird es zwar schwieriger ihm zu folgen, nicht aber uninteressant oder weniger wissenswert. Beide Vorlesungen kann ich nur empfehlen.

In Daniela Langers Vortrag erfahrt ihr anhand des ersten Bandes der Harry-Potter-Reihe, wie J. K. Rowling die Erzählstruktur ihrer Romane arrangiert hat. Neben jeweils einer abgeschlossenen Handlungseinheit pro Roman, die sich über ein Schuljahr in Hogwarts erstreckt und Züge einer Kriminalgeschichte aufweist, stehen Handlungsfäden, die Rowling romanübergreifend weiterspinnt. Was sich dabei in einem Roman als bloß detaillierte Beschreibung der erzählten Welt ausgibt, wird in Nachfolgeromanen neu aufgegriffen und funktionalisiert, also für den Fortgang der Handlung bedeutsam. Als wichtige Themen der Romane präsentiert die Forscherin u. a. die Toleranz gegenüber dem Andersartigen und die Problematisierung von Abnormalität. So ist Harry in der Welt der Nichtzauberer, den Muggels, ein Außenseiter und kann erst aufatmen, sobald er nach Hogwarts kommt. Doch auch dort ist die Ausgrenzung des Anderen nicht unbekannt. Draco Malfoy errichtet eine neue Opposition unter den Schülern, indem er zwischen reinen Zauberern unterscheidet und solchen, deren Eltern Muggels sind. „Schlammblüter“ nennt er sie verächtlich.

Jan-Oliver Decker geht abstrahierender vor und versucht die Ereignisse der Handlung in eine Struktur zu gießen. Die künstlerische Vorgehensweise und thematische Auswahl rückt dabei weniger in den Vordergrund als die Ermittlung der moralischen Werte, die in der Welt von Harry Potter Geltung haben. Er sieht dabei in der Figur des Harry Potter ein christologisches Erlösermotiv, das durch Selbstaufopferung das Kollektiv vor dem Bösen errettet. Die Konstellation der magischen Verbindungen zwischen dem Auserwählten Harry und dem Antagonisten Voldemort ist dergestalt, dass letztere nur durch den Tod des ersteren überwunden werden kann. In diesem Kontext betont Decker die Pseudo-Selbstbestimmtheit von Harry, der nur durch das Wissen anderer von dieser magischen Konstellation erfährt und deshalb entsprechend von außen zu seiner aufopfernden Tat bewegt wird.

Diese und andere Themen behandeln die Vorlesungen, die in ihrer Gänze hier nicht dargestellt werden sollen. Zu finden sind sie auf www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de unter der Rubrik „Ringvorlesungen“. Daniela Langers Vorlesung ist Teil der Reihe „Die Lieblingsbücher der Deutschen“ und Jan-Oliver Deckers Vortrag ist unter „Die Klassiker des 21. Jahrhunderts“ zu finden.

Beide Forscher greifen auf die Phantastik-Theorie von Marianne Wünsch zurück, über die ihr bei Interesse mehr in ihrem Werk „Die Fantastische Literatur der frühen Moderne“ erfahren könnt. Gebündelt finden sich ihre Thesen außerdem im Artikel zur Phantastik in Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft.

 

Zum Nachschlagen

Wünsch, Marianne: Die Fantastische Literatur der frühen Moderne (1890-1930). Definition - Denkgeschichtlicher Kontext - Strukturen. München 1991.

Wünsch, Marianne: Phantastische Literatur [Art.] In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. von Jan-Dirk Müller und Georg Braungart. Bd. 3. 3. Aufl. Berlin/New York 1997, S. 71–74.

Letzte Änderung amFreitag, 18 August 2017 11:10
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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It is said, that once a gentleman asked Madame du Deffand (1697 – 1784) if she believed in ghosts. ‘No,’ she replied, ‘but I am afraid of them.’