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DLA will künftig auch Games archivieren

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Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach (DLA) will künftig Games archivieren, und zwar solche, die „in hohem Maße Erzählstrukturen“ oder „Sprachkunst“ enthalten.

Lesehinweis, Bericht und Kommentar

Literarische Games archivieren

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach öffnet sich der Digitalität. Künftig möchte das Archiv auch Computer- und Videospiele sammeln, allerdings nur „narrative Spiele, die in hohem Maße sowas enthalten wie Erzählstrukturen, Sprachkunst und dergleichen“, sagt die neue Leiterin Sandra Richter in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Das Fighting Game Street Fighter etwa gehöre nicht in diese Rubrik, dafür aber „literarische Spiele“, Spiele, die sich der Literatur bedienten, oder Spiele, die Erzählstrukturen haben, „die literaturähnlich sind“. Richter nennt Spieletitel wie Ken Folletts Säulen der Erde oder Dan Pinchbeck Dear Esther. Letzteres sei „ein Storytelling-Experiment, wo eine Stimme, ein Erzähler aus Briefen berichtet und zitiert, und Dinge passieren, wo man nicht mehr weiß, ist das ein Computerspiel oder ist das nicht der Fall“, so Richter. Der Archivleiterin zufolge soll ein direkter Bezug zur Literatur bestehen bleiben, da man nur so die Kompetenzen des Archivs nutzen könne. An einer Systematik zur Archivierung von Computer- und Videospielen werde derzeit noch gearbeitet. Gegenüber der Augsburger Allgemeinen sagt die Archivdirektorin:

Seit etwa zwanzig Jahren gibt es Forschung zur Erzählweise von Computerspielen. Diese Forschung hat zutage gefördert, dass diese Spiele Erzählformen besitzen. Adventure Games etwa haben Figuren, einen Plot, ein Setting, sie funktionieren in gewisser Weise wie Literatur. Früher gab es Dramen auf der Bühne, dann kam der Film, jetzt gibt es Computerspiele – das sind Wandlungsformen von Erzählungen. Es handelt sich um die nächste mediale Stufe von Literatur.Sandra Richter in der "Augsburger Allgemeinen"

 

Ab wann ist eine Erzählstruktur literarisch?

Das begrüßenswerte Vorhaben des Deutschen Literaturarchivs, Games zu archivieren, klingt bisher noch sehr vage. Was letztlich gesammelt wird, steht noch nicht abschließend fest. Im Moment gehe es eher um „das Sinnieren über neue Möglichkeiten des Archivs“, sagt Richter dem Deutschlandfunk. Spannend ist in diesem Zusammenhang, wo das Archiv die Trennlinie zwischen narrativ und nicht-narrativ ziehen wird, beziehungsweise was letztlich als nicht ausreichend narrativ durchrutschen wird. Schwierig erscheint mir auch der Begriff des „literarischen Spiels“, denn man kann sich zu Recht fragen, was das sein soll: Adaptionen literarischer Werke oder Stoffe? Games mit literarischen Erzählstrukturen? Aber was ist in der multimedialen Konzeption eines Games, das unter anderem Bild, Ton, gesprochene Sprache und Text miteinander verbindet, noch eindeutig als literarisch abgrenzbar? Wann ist eine Erzählstruktur der Literatur ähnlich, wann dem Film und wann der Serie? Womöglich gibt es eine medienübergreifende Dramaturgie, die nicht mehr einem spezifischen Medium zugeordnet werden kann? Vielleicht haben Games auch eine ganz eigene Erzählweise, die nur teilweise mit vorangegangenen Medien vergleichbar ist, begründet in der Interaktivität des Mediums und der Einbindung der Spieler:innen, die daraus resultiert. Ein erster Ansatz für den Beleg einer solchen umfassenden Mediendramaturgie ist beispielsweise in der Dissertation von Thomas Heuer zu finden, der ebenfalls für Mellowdramatix schreibt (Literaturangabe, siehe unten).

Die Perspektive des Deutschen Literaturarchivs ist dennoch interessant, weil sie versucht, wie mir scheint, eine Entwicklungslinie zwischen Literatur und Games aufzuzeichnen. Nur darf dieses Vorhaben nicht dazu führen, dass ausgewählte Games, die literarisch erscheinen, von einer Perspektive vereinnahmt werden, die sie allein am Medium der Literatur misst. Das könnte zu Fehlbeschreibungen und Missinterpretationen führen. Andererseits: Vielleicht gibt es ja in der Tat deutliche Bezüge zwischen Literatur und Games, die sich klar von anderen Medienbezügen abgrenzen lassen. Die von Richter erwähnten Adventure Games und gerade solche, die allein durch Text wiedergegeben werden, scheinen ein interessanter erster Anhaltspunkt zu sein.

Forschung und Vermittlung von digitaler Literatur

Abgesehen von Computer- und Videospielen sollen auch digitale Formen von Literatur gesammelt werden, wie Netzliteratur, Weblogs oder die Homepages von Autoren. Erwähnenswert ist in diesem Kontext eine weitere Entwicklung das Deutsche Literaturarchiv betreffend, nämlich die Entstehung eines neuen Zentrums zur digitalen Erforschung und Vermittlung von Literaturmaterialien, die ihren Ursprung in digitaler Form haben, sogenannte „Born digital“-Literaturmaterialien, worunter laut Pressemitteilung vom 14. Februar 2019 unter anderem die genannten Textarten fallen (Netzliteratur als Hypertext, literarische Weblogs sowie weitere digitale Archivalien). Für dieses Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart erfolgt, hat Baden-Württemberg zwei Millionen Euro mit einer Laufzeit von vier Jahren bereitgestellt. Methoden zur Erforschung dieses heterogenen Bestandes sollen ebenfalls entwickelt werden. Was die Vermittlung anbelangt, sollen sowohl primäre Quellen – also Literaturdokumente – als auch sekundäre Quellen – Dokumentation, Forschungsdaten und Software – nachhaltig gespeichert und dauerhaft verfügbar sein. Das soll die Nutzung dieser Daten für die Allgemeinheit erleichtern. Bisher sind diese wenigen Spezialisten im Bereich der Literatur vorbehalten. Das Projekt trägt den Namen „Aufbau eines nachhaltigen Datenlebenszyklus für Literaturforschung und -vermittlung“.

 

Literaturhinweise

Thomas Heuer (2019) Plotting Horror. Horror-Ästhetik in dramaturgischer Perspektive – zwischen Medienspezifik und Transmedialität. Dissertation zur Erlangung des Titels doctor philiosphiae. Humboldt-Universtität zu Berlin. Voraussichtliche Veröffentlichung im 1. Quartal 2019. Berlin und Kiel.

Quellen

Augsburger Allgemeine: Sandra Richter: Auch Computerspiele gehören ins Literaturarchiv, 27.02.2019.

Deutschlandfunk: Literaturarchiv Marbach: Der digitale Nachlass als Herausforderung, Sandra Richter im Gespräch mit Timo Grampes, 01.03.2019.

Deutschlandfunk: Neue Leitung beim Literaturarchiv Marbach: „Die Texte der Zukunft ins Archiv holen“, Sandra Richter im Gespräch mit Julius Stucke, 02.01.2019.

Letzte Änderung amMittwoch, 06 März 2019 19:08
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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„Fantasy is escapist, and that is its glory. If a soldier is imprisioned by the enemy, don't we consider it his duty to escape? If we value the freedom of mind and soul, if we're partisans of liberty, then it's our plain duty to escape, and to take as many people with us as we can!“

― J. R. R. Tolkien