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Serie

Ungewöhnlich einfühlsam: „Mord auf Shetland“

DVD-Cover (Ausschnitt) DVD-Cover (Ausschnitt)

In der britischen Literaturverfilmung ermittelt ein einfühlsamer Kommissar in ländlicher Umgebung. In England schon seit 4 Jahren erfolgreich, nun auch bei uns?

Rezension

Jimmy Perez (Douglas Henshall) ist ein erfahrener Polizist in den besten Jahren. Nach dem Tod seiner Frau zieht er gemeinsam mit Tochter Cassie (Erin Amstrong) zurück nach Shetland. Weder Jimmy noch seine Tochter haben den Tod ihres geliebten Familienmitglieds bisher verarbeitet. Dieser Zustand schwebt über den Figuren im Verlauf der ersten Staffel, was bereits andeutet, dass Mord auf Shetland viel Platz für Figurenzeichnung und charakterisierende Dialoge einräumt. Wo die Serie in England immer in einem Format von 58 Minuten pro Episode ausgestrahlt wird, ist hierzulande eine zusammengefasste Version beider Teile einer Geschichte als ein Film erschienen. Dadurch haben die einzelnen Folgen eine Lauflänge von annährend zwei Stunden, was nicht der Lauflänge einer "normalen" Serienepisode entspricht. In dem kürzlich erschienen DVD-Pack sind insgesamt vier Jimmy Perez 6Filme enthalten (also ursprünglich acht Episoden). Dabei handelt es sich um den Pilotfilm von 2013, der laut Internet Movie Database die erste Staffel ist, sowie um drei weitere Geschichten, die bereits 2014 ausgestrahlt wurden. Wie so oft in Deutschland hat auch Mord auf Shetland als ausländische Krimiserie einen schweren Stand. Entweder sie ist zu unkonventionell, wie beispielsweise Code 37 (mit der expliziten Auseinandersetzung von Sexualstraftaten), zu täterzentriert wie bei Clan oder einfach zu künstlerisch wie im Fall von Blutsbande. Alle genannten Serien sind in ihren Herkunftsländern sehr erfolgreich und gewinnen dort Preise, doch der ARD und dem ZDF sei Dank, haben wir in Deutschland genug Krimis, wie Tatort, Soko Kitzbühl und andere immer nach demselben Rezept produzierte Langeweile. Das mag nicht auf alle Episoden dieser Reihen zutreffen, aber dennoch scheint der Markt für Krimis in Deutschland übersättigt. Trotz allem zeigte die ARD bis Ostern 2017 Mord auf Shetland.

Nacht der Raben Szenenfoto 1

Tote Wasser Szenenfoto 2Die Shetlandinseln sind groß, und wenig besiedelt. Es ist somit möglich, dass jemand vor der eigenen Haustür erschossen wird und dennoch niemand etwas davon bemerkt. Mit solchen Problemen sehen sich Kommissar Perez und seine Assistenten Alison „Tosh“ McIntosh (Alison O’Donnell) und Sandy Wilson (Steven Robertson) konfrontiert. Wo ein Mord ist, da gibt es auch immer eine Geschichte, die dazu geführt hat. Shetland fokussiert genau diese Geschichten hinter den eigentlichen Morden. Die Ermittelnden wollen herausfinden, was geschehen ist, und müssen daher immer eine objektive Position einnehmen, was nicht immer einfach ist. Bereits im Pilotfilm wird die Großmutter von Sandy Wilson ermordet. Der junge Polizist ist zu nah an dem Fall, aber es gibt zu wenige Polizisten auf der Insel, daher kann er nicht vollständig freigestellt werden. Konflikte, die in vielen Krimis gern umschifft werden, stehen hier im Zentrum, was von einer bewusst entschleunigten Erzählform profitiert.

Menschliche Abgründe und teilweise niederste Motive liegen den Morden in dieser Serie zu Grunde, die zwar nicht vollständig in das Profil unseres Magazins passt, aber dennoch einzigartig genug ist, um mit einem Text bedacht zu werden. Derzeit ist Mord auf Shetland hierzulande noch ein Geheimtipp. Die triste Landschaft von Shetland (dort steht kaum ein Baum) und empathische Figuren stehen im Mittelpunkt der ersten Staffel, die jedem Freund von anspruchsvoller und emotional ansprechender Krimikost wärmstens empfohlen wird.

Trailer Mord auf Shetland

Infokasten

„Mord auf Shetland“ (OT: „Shetland“)

Roman: Ann Cleeves

Produzent: BBC Scotland

Verleih: Edel: Motion

Laufzeit: 120 Minuten/Episode

UK 2013 | 2014

Im Handel auf DVD erhältlich.

Letzte Änderung amDonnerstag, 24 August 2017 21:02
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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Marcus Brigstocke