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Film

Fantasy Filmfest Tag 7: fremde Welten, Kurzfilmrolle und der Festival-Headliner

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Heute im Programm: After Blue, die Kurzfilmrolle „Get Shorty“, John and The Hole, The sadness und Teddy.

Veranstaltungsbericht und Kurzkritiken

Plötzlich ist schon der vorletzte Tag des Festivals. Die Zeit vergeht immer deutlich schneller, als man vorher denkt. Mit After Blue, dem neuen Film von Bertrand Mandico, eröffnet ein dystopischer Science-Fiction-Film den Tag. Anschließend sorgt die Kurzfilmrolle „Get Shorty“ für kurzweilige bis nachdenkliche Genrebeiträge und einiges, das in keine Schublade passt. Der poetische John and the Hole entführt in die tiefen Abgründe der menschlichen Seele, während das Erwachsenwerden und die Abnabelung von der Familie während dieses Prozesses thematisiert wird. Auf der besten Spielposition des Festivals – Samstagabend 20:15 Uhr – läuft mit The Sadness der offensichtliche Festival-Headliner, da zu diesem Zeitpunkt potenziell die meisten Besucher ins Kino kommen können. Zum Abschluss des Tages gibt es mit Teddy einen weiteren Coming-of-Age-Titel im Programm, der die Schrecken des Erwachsenwerdens an die Transformation zu einem Werwolf koppelt.

After Blue

After BlueAuf einer neuen Erde existieren nur noch weibliche Menschen, denn die Männer unserer Spezies sind aufgrund einer biologischen Körperreaktion ausgestorben. Reproduktion funktioniert nur noch durch eingelagerte Spermien von der ursprünglichen Erde. Die neue Erde trägt den Namen After Blue. Die Gesellschaft hat die Regeln für die Welt so festgelegt, dass die Fehler der Menschheit – Umweltverschmutzung, Raubbau, Überfischung – dort nicht wiederholt werden können. Auf dieser Welt lebt Roxy (Paula Luna), die von allen außer ihrer Mutter Zora (Elina Löwensohn) Toxic (giftig) genannt wird. Roxy erzählt die Geschichte, die zu dem geführt hat, was am Ende des Films sein wird. Aber aufgepasst: nach dem Abspann kommt noch was.

Kenner*innen von Bertrand Mandicos Filmen werden bereits in den ersten Minuten von After Blue die phantastisch-expressionistische Ästhetik wiederfinden, die Mandicos Werke besitzen. In etwas mehr als zwei Stunden inszeniert der französische Regisseur eine Heldinnenreise in einem Genremix aus Western, Science-Fiction und Märchen. Der Soundtrack trägt zur intensiven Stimmung des Werkes ebenso bei wie die Formen und Farben in den andersweltlichen Sets. After Blue ist ein großartiger Film voller Feingefühl und Details, die es reizvoll machen, das Werk mehrfach anzusehen. Wer die Chance hat, diesen Film im Kino zu sehen, sollte sie nutzen.

Infozeile: „After Blue”, R: Bertrand Mandico, Frankreich 2021, derzeit kein dt. Verleih

Get Shorty“

Die Kurzfilmrolle in diesem Jahr umfasst insgesamt zehn Titel. Die humoristischen Beiträge Mr. James is Dead, Shiny New Wolrd und Night of the Living Dicks sind alle hochwertig produziert und allesamt als parodistische Werke angelegt. Mit Koreatown Ghost Story und The Tenant sind zwei Beiträge im Geisterfilm angesiedelt. Survivers – der Schreibfehler ist im Namen intendiert und im Werk rückgekoppelt – erzählt von drei Menschen am Ende der Welt. Aria hingegen leistet einen Beitrag zum Diskurs der Smart-Homes und überrascht mit einem cleveren Twist. Bubble erzählt von einer besonderen Beziehung zwischen einer Frau und ihrem Mann. Mit Heart of Gold (Stop-Motion) und May the World not Carry You (Malerei) sind zudem zwei Animationsfilme im Kurzfilmprogramm enthalten.

Drei Werke bleiben besonders in Erinnerung: Heart of Gold, Night of the Living Dicks und Bubble. In Heart of Gold tauscht eine Frau ihre Körperteile gegen Gold ein, um ihrem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen. Night of the Living Dicks ist ein bunter Genremix und ein LGBTQ+-Beitrag mit einer starken Inszenierung von Geschlecht als Schrecken und Erlösung. Bubble kommt fast vollständig ohne gesprochene Worte aus. Die Beziehung der Hauptfiguren wirkt zunächst normal, entpuppt sich dann jedoch als eine besondere Form geteilter Lust. Der Film ist visuell und vor allem auditiv sehr eindrucksvoll geraten.

Infozeile: „Aria“, R: C. Poole, UK 2021; „Bubble“, R: H. Wang, China 2020; „Heart of Gold“, R: S. Filliot, Frankreich 2020; „Korean Ghost Story“, R: M. Park & T. Tenenbaum, USA 2020; „May the World not Carry you“, R: R. Las, Polen 2019; „Mr. James is Dead“, R: J. Aries & D. Irving, Kanada 2020; „Night of the Living Dicks“, R: I. Rautsi, Finnland 2021; „Shiny New World“ R: J. van Gorkum, Niederlande 2021; „Survivers“, R: C. Gómez-Trigo, Spanien 2020; „The Tenant“, R: L. Paulinio & Á. Torres, Spanien 2021.

John and the Hole

jjohn and the holeDer Junge John (Charlie Shotwell) redet nicht viel. Hin und wieder stellt er Fragen, die seine Eltern merkwürdig finden. Aber sie denken sich nichts dabei. John lebt eben in seiner Welt. Als er im Wald einen halb zugeschütteten Schacht entdeckt, der zu einem verlassenen Bunker gehört, kommt ihm eine perfide Idee. Wer einmal in dieses quadratische Loch hineingefallen ist, kommt die glatten Betonwände nie wieder ohne fremde Hilfe hinauf. Eine gute Möglichkeit, um die Menschen loszuwerden, die ständig irgendetwas von John verlangen: seine Familie.

Der ruhig erzählte John and the Hole inszeniert eine beklemmende soziale Andersartigkeit. Ein Junge sperrt seine Familie in ein Loch und erklärt ihnen sein Verhalten nicht einmal. Er schweigt, beobachtet sie vom Rand der Grube, taucht tagelang nicht auf, derweilen Vater (Michael C. Hall), Mutter (Jennifer Ehle) und Schwester (Taissa Farmiga) Hunger und Durst leiden. Den ganzen Film über steht die Frage im Raum, warum John tut, was er tut. Eine erstaunliche Aktion reiht sich an die nächste, manche davon auch erschreckend. Was geht in ihm vor? Eine zweite Erzählebene eröffnet Einblick in die die Kindheit des Mädchens Lily (Samantha LeBretton). Auch dort spielt soziale Andersartigkeit eine entscheidende Rolle. Derart wird der Film ein psychologisches Rätsel, auf das keine klaren Antworten gegeben werden, zumindest aber Hinweise.

John and the Hole ist ein spannender Psycho-Thriller und zugleich das psychologische Porträt eines Jungen, der ein Leben ohne Familie ausprobiert, so wie es sich in der Hitze der Wut manches Kind gewünscht haben mag.

Infozeile: „John and the Hole“, R: Pascual Sisto, USA 2021, Koch Films

The Sadness

The SadnessDer Film mit der potenziell größten Reichweite lockt viele Besucher*innen in das Kino. Beim Festival war der Saal in diesem Jahr zuvor nicht so gut gefüllt wie hier. Mit The Sadness bekommt das Publikum einen der heftigsten Filme der letzten Jahre dargeboten, gemessen am Festival-Programm seit 2010. Der Film ist brutal, exzessiv und unbarmherzig in der Inszenierung von Gewaltsequenzen, die zum Teil auch sexualisierte Gewalt beinhalten. Da mehrere Personen während der Vorführung das Kino verlassen haben, soll dies eine entsprechende Warnung sein.

In Taipeh bricht die Hölle los, nachdem ein global verbreitetes Virus erneut mutiert. Die Infizierten verlieren jegliche Form von Hemmungen und Beherrschung ihrer Triebe. In der Folge beginnen die Infizierten andere Menschen zu jagen, zu töten, zu quälen und/oder zu vergewaltigen. Das stellt allerdings lediglich die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs dar. In dieser Situation folgen die Zuschauer*innen einem jungen Paar, das getrennt voneinander versucht, in diesem Ausnahmezustand zu überleben, sich wiederzufinden und nicht infiziert zu werden.

Nun kann man meinen, dass The Sadness an George Romeros The Crazies (1973) erinnert, und liegt damit auch nicht vollkommen falsch. Allerdings ist The Sadness gnadenlos heftig und brutal, da die Figuren zunehmend jegliche Ambivalenz ablegen. Ab einem gewissen Punkt beginnen auch die Nichtinfizierten sich ausschließlich darum zu sorgen, wie sie ihr eigenes Überleben sichern können. Währenddessen haben die Infizierten bereits damit begonnen sich ungehemmt und losgelöst von Konventionen zu paaren. Wie gesagt, visuell ist The Sadness äußerst explizit. Dennoch oder vielleicht auch grade wegen dieser überbordenden Inszenierung von Gewalt und Sex besitzt The Sadness eine kathartische Wirkung. Der Film ist zudem ein ernstes Werk, das nicht zynisch, sondern kompromisslos zeigt, was geschieht, wenn Menschen alle gelernten Konventionen ablegen. In der Summe ist The Sadness ein Highlight des extremen Horrorfilms, dass in seiner Formung Bekanntes so intensiv, im Zeitgeist angesiedelt und heftig inszeniert, wie kein Werk es zuvor getan hat.

Infozeile: „The Sadness“, R: Rob Jabbaz, Taiwan 2021, derzeit kein dt. Verleih

Teddy

Teddy 2Teddy (Anthony Bajon) ist ein Waisenkind und musste früh lernen, für sich selbst zu sorgen. Mittlerweile wohnt Teddy bei entfernten Verwandten in der französischen Provinz. Das kleine Dorf wird in letzter Zeit von einem Wolf heimgesucht, der gelegentlich Nutztiere reißt. Teddy ist fasziniert von dem Wolf oder zumindest interessiert daran herauszufinden, ob von dem Tier eine Gefahr ausgeht. Teddy ist ein Außenseiter, der von bodenständigen Zielen in der Zukunft träumt, beispielsweise von einem kleinen Häuschen in dem Dorf, in das er gemeinsam mit seiner Freundin Rebecca (Christine Gautier) ziehen will, sobald sie ihren Schulabschluss gemacht hat. Teddy selbst hat das nicht geschafft und arbeitet in einem Massagesalon, wo seine Chefin ihm das Leben schwer macht.

Der einfühlsame Teddy inszeniert eine komplizierte Geschichte des Erwachsenwerdens auf dem Land, wo jeder jeden kennt und sich Gerüchte schnell verbreiten und hartnäckig halten. Der Protagonist wird als eine tragische Figur angelegt, die in einer überzeichneten und dadurch partiell äußerst schwarzhumorigen Kleinstadtironie angesiedelt ist. Teddy ist eine phantastische Tragikomödie, die in letzter Konsequenz jedes Lachen im Halse erstickt.

Infozeile: „Teddy“, R: Ludovic und Zoran Boukherma, Frankreich, 2020, Tiberius Film

Letzte Änderung amSamstag, 23 Oktober 2021 21:48
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Die Normalsten sind die Kränkesten. Und die Kranken sind die Gesündesten. Das klingt geistreich oder vielleicht zugespitzt. Aber es ist mir ganz ernst damit, es ist nicht eine witzige Formel. Der Mensch, der krank ist, der zeigt, daß bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, daß sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und daß sie dadurch, durch diese Friktion, Symptome erzeugen. […] sehr viele Menschen, das heißt, die Normalen, sind so angepaßt, die haben so alles, was ihr eigen ist, verlassen, die sind so entfremdet, so instrumente-, so roboterhaft geworden, daß sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden.“

– Erich Fromm

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