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Film

Weltschmerz und Tragik: „Pig“

Filmplakat (Ausschnitt) Leonine Distribution Filmplakat (Ausschnitt)

Erneut überzeugt Nicolas Cage in einem abseitigen Film. Pig mutet zunächst an wie eine Rachegeschichte, dahinter verbirgt sich allerdings großes Charakterkino.

Rezension

PIG 3Einsiedler Rob (Nicolas Cage) lebt gemeinsam mit seinem Trüffelschwein fernab aller modernen Zivilisation in einer Hütte im Wald. Das Trüffelschwein ist ein anhängliches Tier und besitzt eine enge Bindung zu Rob. Mit den Trüffeln, zu denen das Schwein Rob führt, verdient Rob alles, was er zum Leben benötigt. Er verkauft exklusiv an Amir (Alex Wolff), einen auf den ersten Blick schmierigen jungen Geschäftsmann, der Rob einmal in der Woche besucht, um die Ware abzuholen. Eines Nachts wird jedoch das Trüffelschwein entführt und Rob sieht sich in der Folge damit konfrontiert, sich den Geistern und Dämonen seiner Vergangenheit stellen zu müssen, wenn er sein Schwein zurückhaben möchte.

Die Ausgangslage in Pig liest sich fast wie eine prototypische Rachegeschichte á la John Wick, Revenge for Jolly oder Mandy. Regisseur Michael Sarnoski gelingt es in seinem Spielfilm-Debüt eindrucksvoll den oftmals prototypischen dramaturgischen Verlauf von Werken wie den genannten anzuwenden und in eine neue Richtung zu lenken. Bei Pig stehen die Charaktere im Mittelpunkt, ihre Emotionen und Motivationen. Das gilt nicht nur für Rob, sondern ebenfalls für Amir, dessen schwieriges Verhältnis zu seinem Vater (Adam Arkin) nicht minder relevant für den Verlauf des Films ist. Wo andere Regisseure in Werken dieses Genres Gewalt, Hass und physisches Leid in den Mittelpunkt stellen, inszeniert Sarnoski hier Zuversicht, Liebe und Hoffnung für seine zweifellos tragisch veranlagten Figuren. Pig überzeugt gerade dadurch, dass der Film derart überraschend mit dem Erwartbaren umgeht.

Pig ist allerdings auch einer dieser Filme, die außerhalb von Festivals kaum beachtet werden. Für den Mainstream-Markt scheint es in Rachefilmen derzeit vor allem laut und mit viel Action zu Werke gehen zu müssen. Diesem Trend stellt sich dieser ruhige und emotionale Film strickt entgegen. Pig stellt die Tragik der Figuren ins Zentrum und ebenso die Tragödie, was diesem Genre zugehörige Filme in aller Regel sind, auch wenn man dies oftmals nicht auf den ersten Blick bemerkt. Wo John Wick sich durch Horden von Gegnern kämpft, benötigt Rob lediglich Worte, um einen Menschen vollkommen zu brechen. Gelingt dies nicht, dann sucht er eben einen anderen sozialverträglichen Weg. Gewalt hingegen wird dem Protagonisten in Pig vornehmlich angetan. Es ist beeindruckend zu sehen, wie die Figurenentwicklung von Rob und Amir vonstattengeht, einerseits in ihrer gegenseitigen Beziehung zueinander und andererseits im Zusammenhang des Einflusses von Rob auf Amir und dessen Beziehung zu seinem Vater.

Michael Sarnoski liefert ein starkes Filmdebüt. Pig ist einfühlsames und stark inszeniertes Charakterkino, das gewaltig nachhallt. Auf dem Fantasy Filmfest könnte der Film einen schwierigen Stand haben, da es sich dabei nicht um die typisch untypische Genrekost handelt, die das Publikum oftmals erwartet. Was Pig allerdings keineswegs weniger sehenswert macht.

PIG 2

Infokasten

„Pig“

Regie: Michael Sarnoski

Drehbuch: Vanessa Block, Michael Sarnoski

Produktion: AI-Film, Altitude Film, BlackBox Entertainment, Endeavor Content, Escape Artists, Pulse Films, Saturn Films, Sweet Tomato Films, Valparaiso Pictures

Verleih: Leonine Distribution

Laufzeit: 92 Minuten (uncut)

Großbritannien, USA | 2021

Kinoveröffentlichung: Der Film ist Teil des Programms vom Fantasy Filmfest 2021 und wurde hierzulande bereits auf dem Oldenburg International Film Festival gezeigt.

Veröffentlichung: Ab dem 19. November 2021 auf DVD, Blu-ray und Video-on-Demand im Handel erhältlich.

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Letzte Änderung amSamstag, 16 Oktober 2021 16:57
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Ein Rezensent, siehst du, das ist der Mann, / Der alles weiß, siehst du, und gar nichts kann!“

– Ernst von Wildenbruch in seinem Trauerspiel Christoph Marlow (1884)

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