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Film

Reboot nach 6 Filmen: „Wrong Turn: The Foundation“

Filmstill (Ausschnitt) Constantin Film Filmstill (Ausschnitt)

Statt üblicher Slasher-Kost bietet das Reboot von Wrong Turn eine überraschend komplexe Erzählung und spielt dabei geschickt mit den Erwartungen des Publikums.

Rezension

Hintergründe zu Wrong Turn

wrong turn 62003 tauchte mit Wrong turn ein neuer Slasher in den Kinos auf, der durch einige frische Ideen und dichte Atmosphäre überzeugt hat. Wie häufig bei Überraschungserfolgen wurde aus einem Film schnell eine ganze Filmreihe, in der die immer selben Motive und Elemente solange verwendet werden, bis sich damit kein Geld mehr verdienen lässt. Oftmals wird mit den Fortsetzungen zudem der Anteil an visueller Gewalt erhöht. Besonders bei den beiden großen Horrorfilmreihen der frühen 2000er Jahre, Wrong Turn und Saw, lässt sich dieses Phänomen beobachten. Nach dem ersten Wrong Turn ist von den Fortsetzungen nur der sechste Teil ohne Kürzungen an der Altersfreigabe vorbeigekommen. Die Filme verflachen ähnlich wie viele lange Slasher-Reihen zunehmend und irgendwann läuft sich dann jedes Phänomen tot. Das ist der Punkt, an dem das Werk nicht mehr die erwünschte Form von finanziellem Gewinn erzielt. Das passierte bei Wrong Turn 6: Last Resort im Jahr 2014, danach wurde es still um das Franchise. Die Marke Wrong Turn ist allerdings etabliert, somit wundert es wenig, dass die Serie nach sieben Jahren aus der Mottenkiste geholt und neu belebt wird. Das Reboot von Wrong Turn hat abgesehen von dem Namen allerdings nicht viel mit dem ursprünglichen Film zu tun. Der Drehbuchautor ist Alan McElroy, der neben dem Reboot ebenfalls das Skript für den Originalfilm verfasst hat.

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Der Reboot: Wrong Turn: The Foundation

wrong turn 2Wrong Turn: The Foundation beginnt mit einer Überraschung: einer nicht chronologischen Erzählstruktur. Zunächst folgen die Zuschauer*innen keiner Gruppe aus genretypischen, sexuell aktiven jungen Menschen, die zum Ziel einer Bedrohung werden und dann zur Unterhaltung des Publikums nach und nach das Zeitliche segnen. Tatsächlich umschifft der neue Wrong Turn derartige klischeehafte Prototypen weitgehend oder passt diese zumindest an den momentanen Zeitgeist an. Zurück zu der vorgelagerten Erzählung: Ein Mann mit weißen Haaren fährt in seinem SUV über abgelegene Straßen, bis er zu einer kleinen, verschlafenen Stadt gelangt, die einen äußerst konservativen Eindruck vermittelt. Hier fragt der Mann, der sich den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt als Scott (Matthew Modine) vorstellt, nach seiner Tochter Jen (Charlotte Vega), die sich seit sechs Wochen nicht mehr bei ihm gemeldet hat. Die letzte Nachricht von seiner Tochter erhielt Scott aus einem örtlichen Hotel, mit der Information, dass Jen und ihr Partner Darius (Adain Bradley) gemeinsam mit zwei anderen Paaren einen Wochenend-Wander-Urlaub machen wollen. Genau zu diesem Ort macht sich Scott auf den Weg, um Informationen über den Verbleib seiner Tochter in Erfahrung zu bringen. Während Scott nach Hinweisen sucht, erfahren die Zuschauer*innen, was vor sechs Wochen geschah.

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wrong turn 4Was dann in der Rückblende zunächst wie ein klassischer Slasher anmutet, der zu Beginn kurzzeitig an Kitamuras Downrange erinnert, entpuppt sich zunehmend als ein cleverer und durchdachter Horrortrip. Dabei kollidieren verschiedenen Gesellschaftsschichten miteinander, während komplexe Thematiken wie die Gleichheit aller Menschen angerissen werden. Gespickt ist dieser Film mit einigen gut gesetzten Gewaltspitzen, die besonders in den ersten zwei Dritteln der Handlung durch glaubhafte Figurenreaktionen in ihrer Wirkung nochmals verstärkt werden. Dabei wird nach kurzer Zeit deutlich, dass der neueste Wrong Turn sich Zeit lässt, um Spannung und Atmosphäre aufzubauen. Obwohl die meisten Figuren ein offensichtliches Stereotyp vertreten, gibt das Werk zumindest einigen Figuren die Zeit, sich darüber hinaus zu definieren. Neben diesem für Slasher alter Schule, wie die „Wrong Turn“-Reihe es bisher weitgehend gewesen ist, ungewöhnlichen Ansatz der Figurenzeichnung gibt es noch einige weitere inszenatorische Elemente, die mit den Erwartungen der Zuschauer*innen spielen und gelegentlich damit brechen. Auf diese Weise ist Wrong Turn: the Foundation einerseits ein Horrorthriller, der für Horror typische dramaturgische Systeme und Formeln verwendet. Andererseits bleibt er schwer vorhersehbar. Dadurch erschafft das Werk geschickt mehr Spannung, als alle Filme des Franchises es zuvor vermocht haben. Nach dem ersten Drittel verweben sich die beiden Zeitebenen der Erzählung zunehmend, bis hin zu einem düsteren Finale, bei dem abhängig von der Perspektive Utopie und Dystopie sehr dicht beieinander liegen. Zusätzlich lässt sich Wrong Turn: The Foundation selbst den Raum für einen Epilog, der in seiner Gestaltung dann noch eine zweite Überraschung liefert, die vielleicht etwas zu viel ist.

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Fazit

Der Reboot von Wrong Turn hat mit der ursprünglichen Filmreihe abgesehen von der erzählerischen Ausgangslage nicht viel gemein, ist aber überzeugend. Inhaltlich ist vieles anders, Bezüge zu den Vorgängerfilmen werden nicht hergestellt. Ein zeitgemäßer Slasher kann genauso wie diese Neuauflage aussehen, denn dieser Film stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass die Klaviatur der Horrorformel immer noch für Überraschungen gut ist. Wrong Turn: The Foundation ist ein packender Horrorthriller, der als Slasher beginnt und sich zu einem filmischen Albtraum emanzipiert; genau das macht diesen Film so großartig.

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Trailer zu Wrong Turn: The Foundation

Infokasten

„Wrong Turn: The Foundation“ (OT: „Wrong Turn“, AT: „The Foundation“)

Regie: Michael P. Nelson

Drehbuch: Alan B. McElroy

Produzent: Constantin Film

Verleih: Constantin Film (Kino), Universal Pictures Germany (DVD, Blu-ray)

Laufzeit: 109 Minuten (uncut)

USA | 2021

Erstveröffentlichung: 22. Mai 2021 bei Sky.

Veröffentlichung: Ab dem 22. Juli 2021 im Handel erhältlich als DVD, Blu-ray und Video-on Demand.

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Letzte Änderung amMittwoch, 21 Juli 2021 14:28
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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