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Film

15. Schocktober: „The Theatre Bizzare“ (2011)

Filmstill (Ausschnitt) Severin Films Filmstill (Ausschnitt)

2011 ebnete diese filmische Horroranthologie den Weg für eine neuerliche Welle von Horrorkurzfilmsammlungen für das Kino. Die Rückkehr eines klassischen Formats.

Rezension

Wenn eine Supergroup von Horror-Regisseuren gemeinsam einen Episodenfilm macht, dann sind die Erwartungen hoch. Folgendes liefert The Theatre Bizzare im Einzelnen: Douglas Buck The Accident, Buddy Giovinazzo I Love You, David Gregory Sweets, Karim Hussain Vision Stains, Tom Savini Wet Dreams und Richard Stanley The Mother Of Toads sowie Jeremy Kasten Rahmenhandlung (framing segments).

TTB 3In der Rahmenhandlung entdeckt die junge Frau Enola (Virginia Newcomb) ein verlassenes Theater. Dieses Theater ist das Theatre Bizzare, in dem ein puppenartiger Showmaster (Udo Kier) durch ein morbides Programm führt. Dieses enthält insgesamt sechs Kurzfilme, die verschiedene Bereiche des Horrorgenres abdecken und somit auch verschiedene Horrorfans ansprechen. Keiner der sechs Kurzfilme kam beim Fantasy Filmfest Publikum durchweg gut oder schlecht an. Lediglich über The Accident von Douglas Buck hörte man in den Gesprächen nach dem Film nichts Negatives, was aber nicht bedeutet, dass diese Episode allen Zuschauern gefallen hat.

TTB 2Richard Stanleys The Mother of Toads ist die erste Geschichte dieser Sammlung. Dabei geht es um einen jungen Anthropologen und dessen Lebensgefährtin, die auf ihrer Reise in den Pyrenäen auf „ältere Zeichen“ stoßen. Kurze Zeit später hält der junge Mann das Necronomikon (aus den Werken H. P. Lovecrafts) in Händen und das Chaos bricht los. I Love You spielt in Berlin und zeigt den Abgesang auf eine Liebesbeziehung. Dieser Abschnitt lebt von den Darstellern und funktioniert durch diese sehr gut, obwohl die Handlung etwas flach und vorhersehbar wirkt. In Wet Dreams liefert Tom Savini alles, was man an ihm lieben oder hassen kann: Ein Vaginakäfer, der einen Penis abtrennt, Amputationen, viel Blut und eine merkwürdige Art der Erzählung. Dabei ist auch ein Publikum aus Horrorfans geteilter Meinung und kann mit dieser Ladung Trash zum Teil wenig anfangen. The Accident erzählt auf eine beklemmende Art, wie ein Kind lernen muss, dass der Tod in unserer Welt existiert. Ein Unfall steht im Zentrum und wird durch großartige Schauspieler vermittelt. Ein schlichter, aber wirklich sehenswerter Abschnitt, der die Essenz des Todes in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellt und auf diese Weise nahezu philosophisch wirkt. Dadurch hebt The Accident sich auch deutlich von den anderen Filmen ab. Karim Hussains Vision Stains erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die herausgefunden hat, dass im Moment des Todes alle Erinnerungen eines Menschen vor dessen Augen vorüberziehen. Mit einer Spritze kann man nun diese Erinnerungen in einer Flüssigkeit herausziehen und in den eigenen Augapfel injizieren. Der Film hat eine sehr morbide Stimmung und eine ziemlich interessante Idee als Grundlage. Bei Sweets trifft man auf die Episode, die nach dem Film die meiste Ablehnung erfahren hat. Irgendwo zischen Unmengen von Süßigkeiten lebt ein Mann mit seiner Freundin. Sie sitzen sich gegenüber und sie macht ihm klar, dass ihre Beziehung vorbei sei. In Rückblenden erfahren wir, dass alle Dates aus Süßigkeiten und Zuckerexzessen bestanden. Am Ende verändert sich der Erzählraum radikal und die Handlung überrascht.

TTB 1

The Theatre Bizzare bringt eine traditionelle Form des Horrorkinos zurück. Im Genre war es bis in die achtziger Jahre hinein üblich, dass verschiedene Regisseure gemeinschaftlich an einer Anthologie gearbeitet haben. Dabei gibt es verschiedene Varianten, bei denen die einzelnen Segmente und die Rahmenhandlung miteinander verbunden sind oder nicht. Große Klassiker dieser besonderen Form von Horrorkurzfilmkultur sind beispielsweise From Beyond the Grave (1974), The Monster Club (1981) oder auch Die unheimlich verrückte Geisterstunde (Creepshow) (1982). Um diese Art von Filmen wurde es dann relativ lange still, nur gelegentlich gab es einen Vertreter, beispielsweise 2007 mit dem Überraschungserfolg Trick’r’Treat, der allerdings eine in sich geschlossene Gesamthandlung anhand verschiedener narrativer Perspektiven vermittelt und somit nicht direkt aus Kurzfilmen besteht. Auf The Theatre Bizzare folgten viele neue Anthologien des Schreckens, bei denen vornehmlich junge, neue und talentierte Filmschaffende die Möglichkeit erhielten auf sich aufmerksam zu machen, beispielsweise: V/H/S (2012), The ABCs of Death 1 (2012) & 2 (2014), XX (2017) oder auch The Nightmare Cinema (2019), um nur einige wenige zu nennen. Damit hat The Theatre Bizzare nachhaltigen Einfluss darauf gehabt, dass wieder schaurig-schöne, düster-bizarre, atmosphärisch-verstörende Horrorkurzfilme auf der großen Leinwand gezeigt werden oder zumindest wieder einen einfacheren Stand haben, wahrgenommen zu werden.

Das Theatre Bizzare ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Allerdings sind nur wenige wirklich gute neue Ideen zu finden. Dem gegenüber steht eine Vielzahl schwacher Momente. Auch wenn nicht jede Episode vollkommen überzeugen kann, so wird dennoch ein sehr breites Spektrum dessen abgedeckt, was vom Horrorfilm in den vergangenen Jahrzehnten thematisiert wurde. Meine Favoriten sind definitiv Vision Stains und The Accident sowie der Auftritt und die Rolle von Udo Kier. Der Film enthält zudem nicht so viele Horrorsäfte, wie man es aus dem Trailer heraus vermuten könnte. Somit ist der Film auch für Rezipienten mit einem empfindlicheren Gemüt und Magen aushaltbar.

Trailer zu The Theatre Bizzare

Infokasten

„The Theatre Bizzare“

Regie: Douglas Buck („The Accident”), Buddy Giovinazzo („I Love You“), David Gregory („Sweets“), Karim Hussain („Vision Stains“), Jeremy Kasten (framing segments), Tom Savini („Wet Dreams“) und Richard Stanley („The Mother Of Toads“)

Drehbuch: Zach Chassler (framing segments), Richard Stanley, Scarlett Amaris und Emiliano Ranzani („The Mother Of Toads“), Buddy Giovinazzo („I Love You“), John Esposito („Wet Dreams“), Douglas Buck („The Accident”), Karim Hussain („Vision Stains“) und David Gregory („Sweets“) 

Produktion: Severin Films, Metaluna Productions, Nightscape Entertainment und Quota Productions

Verleih: Lighthouse Home Entertainment, Savoy Film

Laufzeit: 114 Minuten (uncut)

USA, Frankreich, Kanada | 2011

Veröffentlichung: Der Film ist auf DVD, Blu-ray-Disc und als Video-on-Demand im Handel erhältlich.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amDienstag, 15 Oktober 2019 18:00
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Das Grauen (seltener: der Graus) ist ein Substantiv der gehobenen Umgangssprache für ein gesteigertes Gefühl der Angst oder des Entsetzens, das meist mit der Wahrnehmung des Unheimlichen oder Übernatürlichen verknüpft ist. Es rührt sprachgeschichtlich vom mhd. grûwen, „Schauder“ her, welcher Begriff auch als Synonym verwendet wird.“

– Wikipedia