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Comics

6. Schocktober: „The Exorsister“ – The Simpsons Comics (1996)

Ausschnitt mit künstlerischer Nachbearbeitung um den Vergleich mit dem Filmplakat von Der Exorzist deutlich zu machen. Bong Comics, Fox, mellowdramatix Ausschnitt mit künstlerischer Nachbearbeitung um den Vergleich mit dem Filmplakat von Der Exorzist deutlich zu machen.

Die Halloween-Specials aus Die Simpsons sind besondere Adaptionen bestehender Horrorstoffe. Diese sind allerdings nicht nur in der TV-Serie, sondern auch in Comics zu finden.

Rezension

Der heutige Beitrag stammt aus der zweiten Ausgabe von Bart Simpson’s Treehouse of Horror. Dieser Sonderband der The Simpsons Comics beinhaltet zwei unterschiedliche Simpsons-Adaptionen von Klassikern des Horrorgenres. Zu Beginn ist mit „Sideshow Blob!“ eine Version von Der Blob enthalten, in der zweiten Hälfte des Heftes befindet sich die heute hier behandelte und simpsonifizierte Version von Der Exorzist. „The Exorsister“ thematisiert auf nur wenigen Seiten viele Aspekte und Vorurteile gegenüber Horror, gesellschaftlichen Veränderungen, medial vermittelter Figurenbilder, Emanzipation und Madonna. Vieles davon geschieht beiläufig und wirkt daher subtiler, als die offensichtlichen Diskurse, die durch die Hauptgeschichte aufgemacht werden.

Die Simpsons befinden sich im Wohnzimmer, Homer liegt auf der Couch und schläft, im Fernsehen läuft ein McBain-Film, Bart spielt irgendein brutales Videospiel auf einem Handheld und Lisa tanzt mit Kopfhörern auf den Ohren umher und singt Textpassagen mit. Marge kommt hinzu und zeigt sich besorgt über die Unterhaltungsinhalte, denen sich die Familienmitglieder widmen. Mit Lisa tritt sie in einen Dialog. Lisa hört ein Rap-Album, das feministischen Rap enthält. Marge mag nicht, was Lisa dort hört und zitiert, das CD-Cover schon gar nicht.

S 17

Das zitierte Panel beinhaltet zwei der oben angesprochenen Diskurse. Zum einen ist es ein Diskurs über selbstbestimmtes Leben als eine Frau und somit ein Statement zum Frauenbild in der Gesellschaft. Zugleich greift es auch die Frage nach einem medial vermittelten Bild von Frauen auf, das sich direkt auf die junge Generation auswirkt. Lisa vertritt in diesem Kontext die Position, dass eine Stärkung von Frauen in der Gesellschaft relevant ist und aus diesem Grund das Album genau richtig für sie sei. Marge hingegen vertritt hier die Vorurteile der Gesellschaft, die nur auf die Abbildung der Musikerinnen auf dem CD-Cover reagiert und dieses herabwertend kommentiert. In diesem Zusammenhang vertritt Marge das klassische Bild von Hausfrau und Mutter. Als Mutter ist sie darauf bedacht, dass ihre Kinder keine Klischees und Streotypen zum Vorbild nehmen. Auf der nächsten Seite führt sie weitergehend aus, dass Kinder wesentlich leichter zu beeinflussen seien, als Erwachsene, wodurch diese die Aufgabe haben ihre Kinder zu beschützen. Homer wacht in diesem Moment auf, als im Fernsehen etwas von Bier gesagt wird. Diese Situationskomik untergräbt die Ausführungen von Marge. Insgesamt gibt Homer in diesem Comic kein gutes Bild als Vater ab. Seine Tochter wird im späteren Verlauf von einer dämonischen Macht besessen und alles worum er sich sorgt ist, dass er ungestört fernsehen kann. Marge hingegen opfert sich auf und versucht alles, um ihre Tochter zu retten.

Der Plot des Comics orientiert sich sehr stark an der Geschichte des Films. Da es im ursprünglichen Stoff nur eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter gibt, wird der Fokus in diesem Comic auf die Dualität von Lisa und Marge zentriert. An dem Comic ist nicht die eigentliche Geschichte interessant, sondern die Art wie diese präsentiert und inszeniert wird. Der Plot von Der Exorzist dürfte weitgehend bekannt sein, nur das hier auf Elemente wie die ikonische „Fuck me Jesus“-Sequenz, Auswurf von Körperflüssigkeiten und wirklicher Schreckenspräsentation verzichtet wird. Lisa verändert sich, sie wird vom Geiste Madonnas heimgesucht. Ärzte können Marge nicht helfen und nach einigen Wochen wendet sich eine ausgelaugte und verzweifelte Mutter an den hiesigen Priester und ersucht die Kirche um Hilfe. Das mündet in einem Exorzismus, der ungewöhnlich abläuft und auf jegliche Form von visueller Gewalt verzichtet. Interessanter sind hier die Subtexte des Comics. So findet Ned Flanders beispielsweise seine Kinder im Keller der Simpsons wieder, wo diese mit Bart und Lisa ein Rollenspiel spielen.

S 19

Was Flanders dort erblickt ist heutzutage ein relativ normales Gesellschaftsspiel, das auch als solches akzeptiert und anerkannt ist. Dieses Bild nimmt allerdings Bezug auf eine in den USA ausführlich geführte Debatte: Die „Dungeons & Dragons“-Kontroverse aus den Achtzigern. Eine Gruppe besorgter Eltern schloss sich dort zusammen, um Dungeons & Dragons und weitere Tischrollenspiele verbieten zu lassen. Die Begründung dafür lautete, dass diese Spiele die Kinder verderbe und sie zu gottlosen Menschen mache, beziehungsweise zu Satanisten (Artikel in der Wikipedia). Der Sturmlauf der besorgten Eltern trieb den ursprünglichen Verlag von Dungeons & Dragons in den annähernden Ruin. Dieser Kontext erschließt sich nur denen, die um diese Kontroverse wissen. Da es hierzulande wenig bekannt ist, scheint es hier erwähnenswert. Durch die Figur Ned Flanders, einem strikt Gläubigen, der die Kirche niemals hinterfragen würde, wird dieser Diskurs im Kleinen aufgegriffen und persifliert.

Ein weiterer Diskurs im Werk ist die Einflussnahme der christlichen Kirche auf die Medien in den USA. Dies wird anhand eines Exkurses zur eigentlichen Geschichte eingebettet, in dem Krusty der Clown vor eine Gruppe besorgter Christen tritt und sich ausführlich für den Umgang mit der Spritzwasserflasche in seiner Show entschuldigt. In diesem Panel vertritt Krusty nicht nur die Medien, sondern auch die Freiheit von Medien und den Anspruch auf künstlerische Freiheit. Die Einflussnahme von außerhalb – in diesem Fall durch besorgte Christen – ist, was hier attackiert wird. Insgesamt erscheint die Kirche, dessen Vertreter oftmals aus Sorge um die Kinder Kunst und Medien attackieren, hier der wirkliche Antagonist zu sein. Dies schwingt allerdings nur im Subtext mit, auf einer Metaebene, die sich nur jenen erschließt, denen Diskurse wie die D&D-Kontroverse bekannt sind.

S 25

So belanglos die eigentliche Adaption von Der Exorzist durch The Simpsons auf den ersten Blick erscheint, ist dieser Comic nicht. Es handelt sich dabei um eine subversive Abrechnung mit dem Umgang der Gesellschaft mit Medieninhalten. Die Popkultur wird dämonisiert. Das hier am Ende die Rettung durch einen Vertreter der Kirche ermöglicht wird, ist in diesem Zusammenhang ein interessanter Aspekt. Doch anders als in der Vorlage weicht im Comic das Ende ab und es wird eben nicht alles wieder gut. Der Dämon nimmt Besitz vom Exorzisten, der fröhlich „Like a Virgin“ von Madonna trällernd das Haus der Simpsons verlässt. Dies lässt sich zudem als ein letztes deutliches Statement dafür werten, das Institutionen wie die Kirche – hier stellvertretend für die besorgten Eltern – sich der Moderne mehr öffnen sollte.

Auf nur wenigen Seiten werden in diesem Comic viele Diskurse eröffnet. Gesellschaftskritik, Kritik an der Kirche, Kritik an übervorsichtigen Eltern und Vieles mehr lässt sich in dieser gelungenen Adaption von Der Exorzist finden. „The Exorsister“ ist ein großartiges Beispiel dafür, wie relevant Comics als ernstzunehmendes Medium und auch als Kunst verstanden werden müssen. Der Horror wird hierbei allerdings erst dann erkennbar, wenn man das Werk auf mehreren Ebenen zu deuten weiß.

Cover

Infokasten

„The Exorsister“

Bart Simpson’s Treehouse of Horror #2, S. 16-29

Autor: Peter Bagge

Zeichnungen: Stephanie Gladden

Inks: Tim Bavington

Farben: Nathan Kane

Lettering: Jeannine Crowell, Chris Ungar

Verlag: Bongo Comics

Erstveröffentlichung: Oktober 1996

USA | 1996

Veröffentlichung: Der Comic ist mittlerweile ein Sammelgegenstand, der sich häufiger gebraucht finden lässt. Da es kein #1-Heft ist, wird dieses auch nicht allzu teuer gehandelt.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amSonntag, 06 Oktober 2019 15:06
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Unbestreitbar führt das Internet auch zu positiven Veränderungen. Das Negative besteht meiner Meinung nach darin, dass das Internet zu Oberflächlichkeit verleitet, zu spontanen Reaktionen, hinter denen kein langes Nachdenken steckt: Ich habe etwas gelesen, und sofort twittere ich dagegen oder darüber, und dann womöglich auch noch in falscher Grammatik.“

 

Helmut Schmidt im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo (2012) im Zeit Magazin Nr. 17 vom 19.04.2012, S. 57