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„Nwain: The Knight Who Wandered Dream“, ein animierter Webcomic

Cover (Ausschnitt) Terrana Cliff Cover (Ausschnitt)

Nwain ist ein besonderes Fundstück: ein animierter Comic, den Terrana Cliff fürs Internet schreibt und illustriert, Seite für Seite. Drei Kapitel hat’s schon.

Nwain 1Der Webcomic Nwain: The Knight Who Wandered Dream folgt der Titelheldin Nwain Nightbeam auf ihren Abenteuern durch eine Fantasy-Welt. Nwain ist eine Ritterin, die mit Schild und Dolch kämpft sowie über eine Handvoll Zaubertricks verfügt. Ihre gefährlichste Waffe allerdings ist ihr Scharfsinn und ihr schlaues Köpfchen. Ihr Reittier und treuer Begleiter Shade ist halb Wolf, halb Rentier. Was genau die Ritterin in der weiten Welt sucht, wird aus dem bisher unvollendeten Comic nicht deutlich. Aber ihr stellen sich allerlei Herausforderungen in den Weg, darunter trügerische Illusionen, die ein Dorf bedrohen, und ein eigensinniger Magier, der sie als sein Champion auf ein Turnier schickt.

Nwain ist ein Webfundstück der besonderen Art, das durch Inhalt und Form zu begeistern weiß. Die Rittergeschichte gibt sich neben der Erzählung von Wagnissen und Gefahren Raum für Fragen der Identität: So begegnet Nwain einem Mädchen, das gern eine Rieseneule werden wollte, aber mitten in der Verwandlung („owlification“) steckengeblieben ist und daher von den Eulen verstoßen wurde. Oder einer magisch erschaffenen Maschinenmaus, deren alleiniger Zweck es ist, zu erforschen, wie man mit einem sozialen Geschlecht lebt. Ihr Erschaffer stammt aus einem Volk ohne Geschlechter. Hingegen die Kultur, aus der Nwain kommt, kennt gleich fünf davon und keines davon ist das Geschlecht ‚Mädchen‘, das die Maschinenmaus für sich gewählt hat.

Die Illustratorin und Autorin von Nwain, Terrana Cliff, wollte mit Nwain Nightbeam eine Frauenfigur schaffen, die sich nicht dadurch auszeichnet, dass sie bloß herumstehe und sexy dabei aussehe. Vielmehr gehe es ihr darum, dass Nwain durch charakterliche Eigenschaften überzeuge, durch Mut und Klugheit etwa. Das ist Terrana Cliff gelungen. Insbesondere Nwains emphatisches Vermögen ist bewundernswert. So versucht die Ritterin etwa das Problem des Eulenmädchens zu lösen, indem sie vorschlägt, dass es mit ihr zu dem Volk der Harpyien kommen solle. Harpyien sind bekanntlich halb Frau, halb Vogel und würden das Eulenmädchen daher, so Nwain, freundlich aufnehmen.

Nwain 2Formal überraschte mich der Comic, weil er zum Teil animiert ist. Nwain ist zwar nicht der erste animierte Comic dieser Erde, aber die Art, wie er diese Technik einsetzt, ist sehr abwechslungsreich und ansprechend. Als Webcomic ist Nwain in eine Website eingebettet, über die man leicht zwischen den einzelnen Comicseiten navigieren kann. Jede Comicseite wird als eigenständige Unterseite präsentiert. Ein Klick in ein Panel aktiviert die Animation – und schon beginnen Figuren und Landschaft sich zu bewegen. In jedem Panel versteckt sich eine Animation, in manchen oft sogar mehrere. Eine Reihe blauer Blasen am unter Rand eines Panels zeigt an, wie viele Animationen noch aktiviert werden können.

Derart ist jede Comicseite, selbst wenn man sie mit den Augen schon überflogen hat, ein kleines Geheimnis, das man lüftet. Die Animationen sind zudem toll eingesetzt. Sie ermöglichen den Figuren kurze Gesten und Gesichtsausdrücke. Sprechblasen werden nacheinander ein- oder ausgeblendet, Wolken oder Nebelschwaden ziehen durch die Panels oder Zeit vergeht, indem der Sonnenstand sich ändert und die eben noch morgendliche Szene in Abendlicht getaucht wird. Wenn plötzlich ein Monster in einem Panel auftaucht oder daraus hervorspringt und fast die gesamte Comicseite ausfüllt, hat das in seiner Plötzlichkeit einen tollen Überraschungseffekt. Ab und an lösen die Klicks einfache ‚Kamerafahrten‘ aus, das heißt: der Inhalt eines Panels ändert sich vollständig. All dies dynamisiert das Medium des Comics, ohne die stillstehenden Bilder ganz aufzugeben. Die Geschichte und Figuren von Nwain gewinnen so erstaunlich an Lebendigkeit. Man muss sagen: Terrana Cliff hat sich alle Mühe gegeben, die Möglichkeit zur Animation innovativ in die Gestaltung der Panelinhalte einfließen zu lassen. So bleibt jede Seite ein Abenteuer. Besondere Highlights sind jene Panels, die eine gesamte Comicseite ausfüllen – aber das schaut man sich besser selbst an.

Über die Zeit hat sich Nwain zeichnerisch weiterentwickelt. Zu Beginn sieht der Comic noch sehr skizzenhaft aus, aber mit steigender Seitenzahl verfeinern sich Stil, Kolorierung und Lettern. Mittlerweile besteht der spendenfinanzierte Comic bereits aus drei Kapiteln mit aktuell über 90 animierten Seiten. Terrana Cliff schreibt im Moment das Folgekapitel. Eine neue Seite wird es im Januar nächsten Jahres geben. Die Illustratorin hat im Übrigen auch Zeichnung und Kolorierung für das Kartenspiel Dragon Dodge angefertigt, das wir ebenfalls besprochen haben.

cover ani3

Infokasten

„Nwain: The Knight Who Wandered Dream“

Geschichte: Terrana Cliff

Illustration: Terrana Cliff

Sprache: Englisch

USA | Seit 2013

Verfügbar unter Nwain.com

Letzte Änderung amDienstag, 05 Dezember 2017 18:32
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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Roland Barthes in S/Z