log in

Hörspiele & -bücher

„Das McCready Erbe“ – Something is rotten in the state of Louisiana

CD-Cover (Ausschnitt) Rubikon Hörspiele CD-Cover (Ausschnitt)

Folge 1 der Hörspielreihe Fabula Obscura führt den Zuhörer in das sumpfige Louisiana der 1920er, wo ein seltsamer Kult sein Unwesen treibt.

Rezension

Im Jahre 1924 erbt der Engländer William Campbell (Torsten Münchow) eine Plantage im sumpfigen Süden der USA, nahe New Orleans. Der Verwandte von Übersee ist ihm allerdings gänzlich unbekannt und so begibt sich Campbell, traumatisiert von den Wirren des Ersten Weltkrieges, in den US-Bundesstaat Louisiana. Aber nicht nur um das Erbe anzutreten, reist Campbell in die USA. Er will auch auf den Spuren des mysteriösen Onkels McCready (Helmut Winkelmann) wandeln, der es ihm hinterließ. Sich also der Verwaltung der Plantagen annehmend, stellt Campbell bald fest, dass seine Arbeiter nächtliche Rituale veranstalten. Einige Arbeiter unterliegen seltsamen Veränderungen, ja werden feindselig und willenlos. Irgendetwas hat dies mit Campbells Erbonkel zu tun - und den Geheimnissen, die er verwahrte.

Die erste Folge der Hörspielreihe Fabula Obscura ist solide Gruselunterhaltung für zwischendurch, die wenig Zeit verliert und den Zuhörer nach einem spannungsvollen Intro, das die dunklen Geschehnisse auf den McCready-Plantagen vorausahnen lässt, direkt in die straff erzählte Geschichte wirft. Gruselig ist Das McCready Erbe deshalb, weil der Schrecken der verwendeten Motive im Stereotypen und Altbekannten verbleibt, die Grenze zu einer starken emotionalen Involviertheit des Zuhörers nicht durchbrochen wird und das wohldosierte Grauen dem eines Themenparks für schauerliche Attraktionen gleicht. In dieser Weise ist das Hörspiel wie ein Gruselheftchen, das weder besonders überraschend noch gar existenziell sein will, sondern wohliges Gruseln verspricht und dies auch einlösen kann. Erzählt von Wolfang Rüter entfaltet das Hörspiel, das durchweg professionell produziert ist, seine unheimliche Atmosphäre in der nächtlichen Sumpflandschaft Louisianas.

Dass angesichts dieser Ortswahl schwarze Magie, Zombies und Voodoo eine Rolle spielen und entsprechend den Flair der Geschichte prägen, ist kein Geheimnis und wird im Grunde bereits im Intro offengelegt. So zeigt auch die Reihe Fabula Obscura, die auf den Covern ihrer Einzelfolgen angibt, von dem Schriftsteller H. P. Lovecraft inspiriert zu sein, dass der US-amerikanische Autor mittlerweile zu einer Marke geworden ist, mit der Horrorproduktionen um Aufmerksamkeit werben. Denn die Überwindung der Sterblichkeit und die Wiedererweckung der Toten, um sie sich dienstbar zu machen, ist ein widerkehrendes Motiv sowohl in Lovecrafts Werken (etwa in der Erzählung The Case of Charles Dexter Ward) als auch in Adaptionen und Weiterentwicklungen von Lovecrafts Horror (etwa in The Reanimator). Der kosmische Horror, den Lovecraft mit diesen bei ihm als Hybris inszenierten Bestrebungen verbindet, bleibt allerdings oft auf der Strecke. Was der Schriftsteller unter dem versteht, was hier kosmischer Horror genannt wird, sollen die folgenden zwei Zitate aus der Lovecraft-Forschung illustrieren:

„‘Die älteste und stärkste Empfindung der Menschheit ist die Furcht, und die älteste und stärkste Art von Furcht ist die Furcht vor dem Unbekannten‘, schrieb H. P. Lovecraft in Supernatural Horror in Literature. Während jedoch schon eine flüchtige Untersuchung seiner Werke zeigt, daß Lovecraft selbst den Sinn und die Konsequenzen seiner Behauptung voll erfaßte, stellt man mit Erstaunen fest, wie wenig andere mit ihr anzufangen wussten, […] indem sie ihre eigenen jämmerlichen und phantasielosen Pastichen hinzufügten, die sich nahezu unweigerlich durch eine sich in überflüssigen Erklärungen niederschlagenden Naivität auszeichnen.“ (Mosing 1997, S. 162)

„Lovecrafts Fiktionen und im besonderen seine Pseudomythologie […] war keine Reaktion auf seine strenge und karge materialistische Philosophie […] ‚zu seinen stärksten und beharrlichsten Wünschen gehörte es, zeitweilig die Illusion einer seltsamen Aufhebung oder Verletzung der ärgerlichen Beschränkungen von Zeit, Raum und Naturgesetz zu erreichen, die uns auf ewig einkerkern und unsere Wißbegier in Bezug auf die unendlichen kosmischen Stätten jenseits unseres Sehbereichs und unseres analytischen Vermögens unerfüllt lassen.‘“ (Mosing 1997, S. 164)

Das McCready Erbe knüpft in Wahl und Inszenierung seiner Horror-Motive an Althergebrachtes an und schafft so eine wohlige Gruselstimmung, die sich für den Kurzweil einer guten, aber anspruchslosen Unterhaltung eignet.

Quellen
Mosig, Dirk W. (1997): „H. P. Lovecraft: Mythenschöpfer“. In: Franz Rottensteiner (Hg.): H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Phantastische Bibliothek, 344), S. 162–173.

Infokasten

„Fabula Obscura, Folge 1: Das McCready Erbe“

Produktion: Rubikon Hörspiele

Spielzeit: 77 Minuten

Deutschland 2013

Letzte Änderung amFreitag, 25 August 2017 05:49
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

Schreibe einen Kommentar

Unter anderem auch das

„Unbestreitbar führt das Internet auch zu positiven Veränderungen. Das Negative besteht meiner Meinung nach darin, dass das Internet zu Oberflächlichkeit verleitet, zu spontanen Reaktionen, hinter denen kein langes Nachdenken steckt: Ich habe etwas gelesen, und sofort twittere ich dagegen oder darüber, und dann womöglich auch noch in falscher Grammatik.“

 

Helmut Schmidt im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo (2012) im Zeit Magazin Nr. 17 vom 19.04.2012, S. 57