log in

Film

„Passengers“ – Verpatzte Romanze im Weltall

Kinoplakat (Ausschnitt) Sony Pictures Releasing Kinoplakat (Ausschnitt)

Passengers scheitert an einem Thema, das eher in ein Schreckensszenario gehört, und taugt daher nicht einmal zur Feel-Good-Schnulze.

Rezension

Offenbar hat Passengers in den USA bei einigen Zuschauern eine kontroverse Diskussion über die gescheiterte Inszenierung des Films und dem damit einhergehenden Frauenbild losgetreten, weshalb die Rezension im Nachfolgenden auf Spoiler keine Rücksicht nehmen kann. Denn die moralisierende Kritik an Passengers hat unmittelbar mit der misslungenen Auflösung des Konflikts zu tun, die auch dieser Text bemängelt. Der Science-Fiction-Film von Morten Tyldum ist am 08. Mai auf DVD und Blu-Ray erschienen.

Vom Plot her hätte Passengers das Zeug zu einem Schreckensszenario haben können. Der Film bleibt allerdings eine langweilig erzählte Romanze, die das Potenzial ihres zentralen Konflikts nicht ausschöpft, sondern mit Kitsch derart überkleistert, dass selbst denen mulmig wird, die eine Romanze im Weltall sehen wollen. Es geht nicht darum, dass eine Schreckensinzenierung per se besser wäre als eine Geschichte über Liebe. Oft liegen Liebe und Schrecken sogar dicht beieinander, wie die Erzählung von Passengers ironischerweise vor Augen führt. Aber wer die Abgründe des Menschen filmisch inszenieren will, muss die Zuschauer in sie hinabblicken lassen.

Passengers 5Sinnvoll wäre es gewesen, die Motivkomplexe Liebe und Schrecken differenzierter miteinander zu verweben und sich von einem Happy-End zu distanzieren, das den Schrecken einfach wegglättet. Wie gesagt, das haben bei Passengers selbst jene Zuschauer nicht mitgemacht, die gerne den guten Ausgang einer Erzählung sehen, weil sie intuitiv spürten, dass eine bestimmte Form des Schrecklichen nicht durch ein Happy End aufzuheben ist. Wie hier bereits der Wechsel der Perspektive von der Männerfigur Jim Preston (Chris Pratt) hin zur Frauenfigur Aurora Lane (Jennifer Lawrence) geholfen hätte, veranschaulicht dieses Video-Essay (Nerdwriter auf Youtube, Englischwriter auf Youtube, Englisch). Es zeigt auf, dass eine achronische Erzählweise für mehr Spannung und weniger Vorhersehbarkeit gesorgt hätte.

Auf dem Raumschiff Avalon sind Jim und Aurora zwei von 5000 Kolonnisten, die sich auf eine 120 Jahre währende Reise zum Planeten Homestead II begeben haben. Durch einen technischen Defekt wird Jims Kälteschlafkammer 90 Jahre vor der Ankunft deaktiviert und der Mann als einziger Passagier aufgeweckt. Als Jim realisiert, was das für ihn bedeutet, versucht er alles, um dieses Unglück umzukehren. Doch was er auch tut, nichts scheint zu helfen. Ein Jahr verbringt Jim einsam im Weltall und ist kurz davor, sich das Leben zu nehmen, als er Aurora entdeckt und beschließt, sie zu wecken. Dies ist der zentrale Konflikt des Films und der eigentliche Schrecken: dass ein Mensch aus Einsamkeit, Verzweiflung und Selbstsucht einen zweiten in die Verdammnis mitreißt, um sich das Schicksal zu erleichtern.

Passengers 4Was Passengers aus diesem Szenario macht, ist Schema F: Das Pärchen lernt sich kennen, verliebt sich und hat eine gute Zeit, bis – erster Wendepunkt – üblicherweise ein Missverständnis, eine Intrige oder ein Schicksalsschlag sie trennt und ihre Zuneigung sich vorübergehend in Abneigung oder Liebe gar in Hass verkehrt (Aurora entdeckt, wer sie geweckt hat). Passengers 3Bis wiederum – zweiter Wendepunkt – das Missverständnis oder die Intrige aufgeklärt und der Schicksalsschlag überwunden ist, woraufhin das entzweite Pärchen wieder zusammenfindet (das Raumschiff muss vor der völligen Zerstörung bewahrt werden, Jim opfert sich hierfür und überlebt knapp, weil Aurora ihn rettet, sie verzeiht ihm).

Ausgeblendet wird bei diesem schematischen Handlungsaufbau, dass Jim Auroras Leben tatsächlich aus selbstsüchtigen Motiven ruiniert hat und die Intrige direkt von ihm ausgeht, nicht etwa von einem Antagonisten, der im Laufe der Konfliktlösung entlarvt wird. Jim ist unweigerlich schuldig, was in einer Feel-Good-Romanze in diesem Ausmaß nicht geschehen darf. Der zentrale Konflikt lässt sich daher nicht glaubhaft auflösen, indem Aurora Jim schlussendlich verzeiht – fadenscheinig damit begründet, dass er durch sein Opfer fast ums Leben gekommen wäre. Das mag angesichts der emotionalen Ausnahmesituation vielleicht alte Gefühle der Zuneigung bei ihr wecken, wiegt aber unmöglich das Leid auf, das sie erfahren hat.

Die Schwere des Schreckens und seine moralische wie auch emotionale Ambivalenz werden in Passengers kaum spürbar. Zwar hadert Jim lange mit seiner Entscheidung, Aurora zu wecken, und Aurora selbst ist nahe dran, Jim zu töten, als sie sein dunkles Geheimnis erfährt. Doch überzeugen diese charakterlichen Entwicklungen nicht. Ambivalenz bedeutet nicht Hass oder Liebe, sondern eine Zerrissenheit zwischen beiden Emotionen, weil sie nicht länger trennscharf sind. Beide Figuren haben Grund genug, einander zu hassen, aber letztlich sind sie doch aufeinander zurückgeworfen. Wollen sie nicht noch weitere Menschen in die Verdammnis reißen, dann sind sie die letzten Menschen in ihrer Welt. Denkbar wäre daher sogar eine emotionale Bindung, die dem Stockholm-Syndrom gleicht. Denn Jim hat nichts anderes getan, als Aurora zu entführen. Nur kann er sie nie mehr freilassen. Statt den Fokus auf den Fortgang dieser heiklen Beziehung zu richten, wird die existenzielle Problematik, die der Film aufwirft, unter einem actionreichen Finale begraben, das nicht nur willkürlich den zweiten Wendepunkt einleitet, sondern auch einfach annimmt: Wenn alle überleben, wird schon alles wieder gut werden. Die eigentlichen Probleme dürften dann in Wirklichkeit erst beginnen.

Passengers 1

Passengers 2

Hier setzt eine feministische Kritik an, die das Aufwecken von Aurora als Befürwortung einer Vergewaltigungskultur deuten will („the rape culture-promoting plot twist“, Kristy Pucko auf cbr.com), in die sich die Frauenfigur am Ende willentlich einfügt. Die finale Entdeckung, dass eine Kapsel für klinische Operationen auch als Kälteschlafkapsel nutzbar ist, verwirft sie nicht nur als Chance, wieder in den Kälteschlaf zu gelangen, sie nutzt diese außerdem noch, um Jim zu retten. Dass der wiederum etwas Schreckliches getan hat, ist unbestritten, aber innerhalb einer fiktiven Geschichte unproblematisch. Film und Kunst im Allgemeinen können ohne weiteres das Unmoralische thematisieren. Problematisch hingegen kann sein, wie dies im Einzelnen inszeniert wird, hier insbesondere, wie der Konflikt aufgelöst wird und der thematisierte Schrecken unglaubhaft, ja sogar so unangenehm durch platten Kitsch weggebügelt wird, dass eine Mehrheit der Zuschauer unweigerlich Anstoß daran nehmen muss. In diesem Makel ist begründet, weshalb Passengers als Romanze nicht funktioniert. Darüber hinaus stimmt die Beobachtung der zitierten Rezension, dass Jennifer Lawrence als sexueller Schauwert des Films inszeniert wird, ohne dass dies in gleicher Weise für Chris Pratts Rolle gilt. Man denke nur an die Badeszene (die natürlich auch im Trailer enthalten ist).

Die Sci-Fi-Liebesgeschichte Passengers weist gewiss opulente CGI-Effekte und gute Schauspieler auf, versucht sich aber vergeblich an einer Thematik, die mit menschlichen Abgründen zu tun hat und daher unweigerlich ins Schreckliche verweist. Doch hier soll und darf das Schreckliche offenbar nicht sein, nicht in diesem Film, der auf Krampf gut ausgehen will.

Weitere Beiträge zur moralischen Kontroverse um Passengers:

Erika W. Smith: So, Passengers’ Big Twist Is That It Promotes Rape Culture. In: Bust.com (2016).

Duoscope: Kinokritik: Passengers (USA 2016) – Rape-Culture im All. In: Duoscope.blogspot.de (2016).

Andrew Pulver: Passengers review – spaceship romcom scuppered by cosmic creep. In: TheGuardian.com (2016).

LJ Quirk: Let’s Talk About Passengers and Its Weird Sexism. In: Huffingtonpost.com (2016).

Trailer zu Passengers

Infokasten

„Passengers“

Regie: Morten Tyldum

Drehbuch: Jon Spaihts

Laufzeit: 116 Minuten

Produzent: Colombia Pictures u. a.

Verleih: Sony Pictures Releasing

USA | 2016

Veröffentlichung auf DVD / Blu-Ray am 08.05.2017

Letzte Änderung amFreitag, 25 August 2017 05:43
André Vollmer

Schriftsteller, der Kritiken schreibt. Gründer von Mellowdramatix. Am Meer geboren.

Schreibe einen Kommentar

Unter anderem auch das

„Phantastische Literatur: ungenauer, auch missverständlicher Sammelbegriff für ein breites, auch Triviales [...] umfassendes Spektrum von Literatur. Das Phantastische erscheint in der fiktionalen oder imaginativen Literatur als vielschichtiges Phänomen.“

 Literatur Brockhaus