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Film

„Mindgamers“ – Phantastische Parabel über Vielweltentheorie

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Mindgamers ist ein komplexer Sci-Fi-Thriller über ein Studententeam, das die Kopplung menschlicher Gehirne zu einem neuronalen Netzwerk wagt. Phantastik par excellence!

Rezension

Ein Team aus brillianten Studenten und zugleich individualistischen Querulanten forscht an der kabellosen Verschaltung menschlicher Bewusstseine, um motorische Fähigkeiten technologisch übertragbar zu machen. Was den Genies der Elite-Akademie allerdings fehlt, ist die Rechenkraft eines Supercomputers, um die erforderlichen Datenmengen zu verarbeiten – bis der egozentrische Forscher Kreutz (Sam Neill) das Institut besucht und ihnen einen Quantencomputer zur Verfügung stellt. Im darauf folgenden Rausch neuer Errungenschaften beschließen die jungen Forscher die Vernetzung von Gehirnen an sich selbst und ihren Mitstudenten auszutesten.

Über Mindgamers von Regisseur Andrew Goth sollte man nicht zu viel wissen, bevor man ihn schaut, dann kann der Sci-Fi-Thriller überraschen und berauschen. Wissen sollte man aber, daß bei allem Thrill, den das Genre verspricht, mit diesem Film ein komplexes Gedankenspiel vorliegt, das sich in zunehmend phantastischen Bildern Ausdruck verleiht und die Handlung, die auf einem vorgeblich realistischen Fundament aufsetzt, aus den Angeln hebt. Mit seinem durchkomponierten Erzählstil, bei dem keine Sekunde zu viel ist, und seiner ausgefeilten Bildästhetik will Mindgamers den Zuschauer zu dem Gedankenexperiment geradezu verführen, zu einem philosophischen Cocktail aus transhumanistischen und quantentheoretischen Themen, die von der Verschmelzung von Mensch und Maschine über die menschliche Evolution durch eine solche Technologie bis hin zur Vielweltentheorie reicht. Und weil in diesem Gemisch auch Motive wie Liebe, Freundschaft und Rache entscheidende Komponenten sind, wird der Cocktail nicht giftig für die Narration und hält den Rausch aufrecht.

Mindgamers 1Erzeugt wird der Rausch, so man es zulässt, durch die Themen einerseits, weil sie natürlich auch Ängste ansprechen, andererseits durch die verschachtelte Erzählweise, die durch ihre Einschübe an das Traumhafte grenzt, den roten Faden aber dennoch nicht aus den Augen verliert. Untermalt wird dies mit dem teils ruhigen, teils wummernden Soundtrack von Ben Bowler, zu dem in verstörender Choreografie die miteinander verschalteten Körper tanzen. Bowlers Musik taucht die ohnehin kühlen Farbentöne in eine mysteriöse, oft bedrohliche Atmosphäre und rhythmisiert den Film stellenweise, sodass manche Szenen ganz auf das Zusammenspiel von Bild und Musik abzielen, auf Dialog und Umgebungston daher verzichten. Überhaupt ist es ein treffender Einfall, den Gleichklang aneinander gekoppelter Bewusstseine durch die synchronen Bewegungen ihrer Körper auszudrücken und dadurch visuell fassbar zu machen.

Mindgamers 3Trotz ihrer individualistischen Art bleiben die Figuren fern, weil sie in diesem Gedankenspiel weniger psychologisch-realistische Charaktere als vielmehr Träger von Ideen und damit Teil eines größeren Ganzen sind, dessen allumfassender Plan sich nach und nach offenbart: Was wäre, wenn die Vielweltentheorie nicht bloß eine Interpretation der Quantenmechanik, sondern Wirklichkeit wäre? Analog zu den kühlen Farben herrscht in den Dialogen oft zwischenmenschliche Kälte, die wiederum von der Herzlichkeit des Studententeams aufgefangen wird. Aller Konkurrenz zum Trotz begreifen sie sich als Freunde, die sich gegen den Rest der Welt zur Wehr setzen. Verstärkt wurde der Eindruck emotionaler Kälte sicherlich durch die deutsche Synchronisierung, die gegenüber dem Original an emotionaler Klangfarbe verliert.

Mindgamers ist Phantastik par excellence, weil er den Zuschauer aus seiner vertrauten Realität in ein erzählerisches Phantasma hebt, in dem sich wiederum das Wirkliche spiegelt, aber nicht die bekannte Wirklichkeit des Alltags, sondern eine versteckte oder zumindest eine mögliche. Das ist nicht esoterisch zu verstehen, sondern beruht auf der Beobachtung, dass die Realität oft anders funktioniert, als es dem gesunden Menschenverstand erscheint. Über dessen Tellerrand blickt die Phantastik und kann mit dem scheitern, was sie dahinter zu sehen und zu schildern versucht. Aber wie dem auch sei, meist bewirkt dieser Blick eine inspirierende und packende Geschichte, wie es bei Mindgamers der Fall ist.

Trailer zu Mindgamers

Infokasten

„Mindgamers“

Andrew Goth (Regie)

USA 2015 / 97 Minuten Laufzeit

Warner Bros. Pictures

Kinostart: 06.04.2017

Letzte Änderung amFreitag, 25 August 2017 05:51
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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