log in

Film

Vampire, Bier und Baumaschinen: „Boys From County Hell“

Eugene und Francie am "Grab des Vampirs" (Werbematerial, Ausschnitt) splendid film Eugene und Francie am "Grab des Vampirs" (Werbematerial, Ausschnitt)

Boys From County Hell ist ein irischer Vampir-Horrorfilm irgendwo zwischen Tradition und Moderne, gespickt mit Gesellschaftskritik und komischen Momenten.

Rezension

Eugene Moffat (Jack Rowan) hat das Haus seiner verstorbenen Mutter geerbt. Während sein Vater Francie (Nigel O`Neil) nach dem frühen Tod seiner Frau einen anderen Ort zum Leben gefunden hat, hängt Eugene in dem Haus am Rand seiner Geburtsstadt Six Mile Hill fest. Die meiste Zeit seines Lebens verbringt er allerdings mit seinen Freunden William (Fra Fee) und SP (Michael Hough) im lokalen Pub „Stoker“. Da er chronisch pleite ist, braucht er immer Geld. Allzu oft verirren sich jedoch keine Touristen mehr in die Stadt, die laut Aussage ihrer Einwohner die Vorlage für den berühmten Vampir aus Bram Stokers Roman Dracula beherbergt. Auf einem Feld gibt es eine gestapelte Steinformation, auf deren Spitze ein Schädel thront. Die Legende besagt, dass es sich um das Grab eines Vampirs handelt, ebenjenen Vampirs, auf den Dracula zurückgeht. Als ein Touristen-Pärchen in die Stadt kommt, führen Eugene und William dieses dort hin – gegen eine angemessene Bezahlung, versteht sich – und erzählen von den städtischen Mythen. Auf diese Weise bindet der Film die grundlegenden Informationen für das Funktionieren seiner Dramaturgie geschickt in die Figurenzeichnung und Charakterisierung seiner Hauptfigur ein.

BoysFrancie Moffat ist mittlerweile ein großer und erfolgreicher Bauunternehmer, der damit beauftragt wird, die Umgehungsstraße direkt über das „Grab des Vampirs“ zu bauen. Da dieses dafür abgerissen werden muss, sind die Stadtbewohner nicht gut auf Francie zu sprechen. Er drückt die Leitung für das Bauvorhaben kurzerhand Eugene aufs Auge, der auf das Geld angewiesen ist, egal wie sehr es ihm widerstrebt, das Grabmal abzureißen. Boys From County Hell verbindet zwei Zeitebenen miteinander und macht bereits zu Beginn des Films deutlich, dass Six Mile Hill irgendwann von einer blutdürstigen Kreatur heimgesucht wird. Dann springt der Film zwei Monate zurück, legt den angesprochenen Grundstein für die Dramaturgie und kehrt dann zurück zu dem Zeitpunkt, kurz bevor das Grab abgerissen wird.

Boys From County Hell lebt von zweierlei: zum einen von dem gelungenen Figurenensemble, das neben der externen Bedrohung durch den Vampir ebenfalls durch realweltliche Konflikte miteinander verbunden ist, und zum anderen von einer ungewöhnlichen Inszenierung des Vampir-Motivs. Vampire sind hier nicht zwingend darauf aus, sich zu multiplizieren oder ihren Opfern das Blut aus den Adern zu saugen, nachdem sie ihnen die Kehle aufgerissen haben. In dieser Inszenierung sucht sich das Blut einen Weg aus den Lebenden zu dem Vampir, sobald dieser nah genug ist. Dadurch schafft Boys From County Hell partiell eine besonders düstere Atmosphäre. Zusätzlich besitzt das Werk Situationskomik und Wortwitz in den Dialogen, was den Film abrundet.

Das Fantasy Filmfest bringt erneut eine filmische Perle des Streamingdienstes Shudder, der in Deutschland nicht vollumfänglich verfügbar ist, auf die große Leinwand. Boys From County Hell ist eine der großen Überraschungen des diesjährigen Fantasy Filmfestes und hat das Potenzial zum Kultfilm. Aber auch wenn das nicht gelingt, ist der Film ein exzellenter Vertreter des zeitgenössischen Vampir-Films.

Boys 2

Infokasten

„Boys from County Hell“

Regie: Chris Baugh

Drehbuch: Chris Baugh, Brendan Mullin

Produktion: Six Mile Hill Productions, Blinder Films, Endeavor Content, Screen Ireland, Northern Ireland Screen, Automatik FX, Egg Studios, Inevitable Pictures

Verleih: Splendid Film

Laufzeit: 88 Minuten (uncut)

Irland, Großbritannien | 2020

Veröffentlichung: Der Film ist Teil des Programms vom Fantasy Filmfest 2021. Ein Veröffentlichungstermin für das Heimkino steht zum Zeitpunkt der Textveröffentlichung noch nicht fest.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amSamstag, 16 Oktober 2021 16:33
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

Schreibe einen Kommentar

Unter anderem auch das . . .

„Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten.“

 

aus Immanuel Kants Träume eines Geistersehers

Cookie-Einstellungen