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Film

„Fireflash“ oder „2019: Nach dem Untergang von New York“

Filmstill (Ausschnitt) Ledick Filmhandel, Dropout Cinema Filmstill (Ausschnitt)

Der italienische Endzeitfilm zeigt sich bei Fireflash von seiner besten Seite. Das Werk ist voller Referenzen und Versatzstücken und bildet daraus etwas Neues.

Aus der Mediengruft: Rezension und Einordnung

FF 32019. Dies ist die Zukunft. Vor acht Jahren sind die Bomben gefallen und haben die Welt verseucht. Einige Menschen sind mutiert, andere verseucht, wieder andere leben zurückgezogen in Enklaven. Die Erde ist in Teilen unbewohnbar. Außerhalb der Städte gibt es nur noch leere Landstriche. Wüsten voller Ruinen bieten die Zuflucht für die Ausgestoßenen oder jene Menschen, die sich nicht dem Regime der Euraker unterwerfen wollen. Zu allem Überfluss hat die Strahlung dafür gesorgt, dass alle Frauen ihre Fruchtbarkeit verloren haben und in der Folge das letzte Kind vor acht Jahren geboren wurde. Die Menschheit strebt somit ihrem Ende entgegen.

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FF 5In diesem dystopischen Szenario ist Fireflash angesiedelt. Der Film erzählt ein modernes Märchen, eine Geschichte über Hoffnung, Liebe und Verrat. Dabei gelingt es, das Abenteuer des Protagonisten Parsifal[1] (Michael Sopkiw) so unterhaltsam in die Endzeitstimmung des Werkes zu integrieren, dass diese dramaturgische Heldenreise kurzweilig wie eine Kurzgeschichte ist. Dabei besitzt die Erzählung einige Parallelen zu Wolfgang von Eschenbachs Versroman Parzival (Eschenbach o. J.), der ursprünglich zwischen 1200 und 1210 entstand. Hierbei geht es um den Ritter Parzival, der auszieht, um den Heiligen Gral zu suchen. In Fireflash sieht das Schicksal für den Protagonisten eine ähnliche Aufgabe vor, denn er wird ausgesendet, um die letzte fruchtbare Frau zu finden und aus dem umkämpften New York zu befreien. Während der heilige Gral ewiges Leben verheißen soll, steht in Fireflash der Fortbestand der gesamten Spezies Mensch auf dem Spiel; oder anders formuliert: die Unsterblichkeit der menschlichen Spezies.

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FF 1Zwischen all der Action und dem Spektakel, das Fireflash seinem Publikum bietet, wird einem darüber hinaus ein philosophischer Diskurs angeboten. Die Welt liegt in Trümmern, zerstört von Menschenhand. Rund um den Globus schlugen Atombomben ein. Der politisch-ideologisch geführte Krieg zwischen zwei verfeindeten Weltmächten setzt sich selbst nach dem Punkt fort, den man als die eigentliche Apokalypse bezeichnen könnte, jenen Tag, an dem die Bomben fielen und die Welt in das Licht tausender Sonnen hüllten. Verantwortlich für diesen Angriff waren die Euraker, ein Staatenbund aus drei Kontinenten (Europa, Asien und Afrika). Die Perspektive der Euraker ist die Befriedung der Welt. Dieser Frieden wird mit Gewalt durchgesetzt und erinnert an ein faschistisches Regime, in dem Menschenleben keinen Wert haben. Die Gegenseite bildet die Panamerikanische Föderation, die mit Replikanten eine biomechanische Militärwaffe geschaffen hat, die wie ein Mensch aussieht, aber eigentlich eine programmierte, bis in den Untergang treue und gewissenlose Kampfmaschine ist. Der Atomschlag diente auch der Auslöschung dieser Kreaturen. Keiner der beiden politischen Opponenten wirkt vertrauenserweckend oder dazu in der Lage, die Menschheit zu retten. In dieser Form stellen beide Perspektiven die Zuspitzung von sozio-kulturellen Politiksystemen dar, die im Endeffekt den Untergang der Menschheit eingeleitet haben. Allein dieser kurze Exkurs verdeutlicht, dass es hier nicht um reine Unterhaltung geht, sondern auch darum, eine Botschaft zu vermitteln. In der ursprünglichen deutschen Fassung fehlt dieser narrative Hintergrund der Euraker und der Föderation fast vollständig. Mittlerweile ist auch hierzulande eine komplette Version des Werkes veröffentlicht worden, in der jene Abschnitte, die ursprünglich nicht übersetzt wurden, nun in englischer Sprache eingefügt und mit Untertiteln versehen wurden. Dieser Umstand wurde zu einem Stilmittel gemacht und führt dazu, dass die Euraker nun in allen Szenen englisch sprechen statt deutsch, was die Andersartigkeit nochmals unterstreicht.

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FF 2Vom Überlebenskampf des einsamen Helden, bis hin zum Finden des „heiligen Grals“ ist Fireflash ein besonderes Werk, das trotz aller Referenzen zum Endzeitfilm der Achtziger sehr eigenständig erscheint. Die verknappte Heldenreise und die visuelle Vermittlung des Zustandes der Welt sind dabei besonders effizient gelungen, auch weil mit dem gearbeitet wurde, was verfügbar war. Heutzutage erkennt man deutlich die Modelle, die in einigen Einstellungen von New York verwendet worden sind, doch auch diese sehen noch immer gut aus.

Fireflash hat nicht die beste Ausstattung, eine leicht trashige Ästhetik und teilweise etwas übertrieben wirkende Kampfsequenzen. Alle diese Punkte könnten Zuschauer an Fireflash kritisieren. Allerdings hat der Film etwas zu sagen, gibt eine Botschaft mit und weiß dabei exzellent zu unterhalten. Die Referenzen zu bestehenden Werken und die Orientierung an der Mythologie der Artussage machen diesen Film zudem zu etwas Besonderem, zu einem einzigartigen Science-Fiction-Märchen.

Am 27.11.2019 um 22:15 Uhr wird der Film im Kino der Traum GmbH in Kiel gezeigt und als Teil der Filmreihe Mondo Grindhouse – Filme für den abseitigen Geschmack von mellowdramatix präsentiert.

Endnoten

In der deutschen Übersetzung trägt die Figur den Namen „Flash“. Dies ist einer der Punkte, an dem die deutsche Fassung eine deutbare Rückkopplung an bestehende Mythologie verhindert. Parzival entstammt dem Diskurs der Artussage, als einer der Ritter der Tafelrunde, der dann zum Gralskönig wird (vgl. Nolte 2001, Eschenbach o. J.).

Quellenverzeichnis

Eschenbach, Wolfram von (o. J.): Parzival. Unter Mitarbeit von Karl Simrock (Übersetzung). Online verfügbar unter: https://bit.ly/2KR4N5f.

Nolte, Laura (2001): Arthuriana. Hg. v. Artuhuriana.de. Laura Nolte. Online verfügbar unter http://www.arthuriana.de/alt/index.html, zuletzt aktualisiert am 09.11.2001, zuletzt geprüft am 24.11.2019.

Trailer zu Fireflash: Der Tag nach dem Ende

Infokasten

„Fireflash: Der Tag nach dem Ende“ (OT: „2019: Dopo la caduta di New York “ IT: „2019: After the fall of New York“)

Regie: Sergio Martino

Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Sergio Martino, Gabriel Rossini

Produktion: Nuova Dania Cinematografica, Medusa Distribuzione, Les Films du Griffon

Verleih: Ledick Filmhandel (DVD, Blu-ray und Digital), Dropout Cinema (Kino)

Laufzeit: 96 Minuten (uncut)

Italien, Frankreich | 1984

Veröffentlichung: Der Film ist als DVD, Blu-ray und als Video-on-Demand im Handel verfügbar.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amMontag, 25 November 2019 14:45
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

1 Kommentar

  • Marco
    Marco Montag, 25. November 2019 17:11 Kommentar-Link

    Moin. Ich wünschte ich hätte Zeit. Dann würde ich mir dieses Kleinod gerne bei Euch ansehen. Toller Post, der Lust auf mehr macht.

    LG
    Marco

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„Ein Rezensent, siehst du, das ist der Mann, / Der alles weiß, siehst du, und gar nichts kann!“

– Ernst von Wildenbruch in seinem Trauerspiel Christoph Marlow (1884)