log in

Film

„Lloronas Fluch“, ein weiterer Dämon in Hollywood

Filmausschnitt (Ausschnitt) New Line Cinema Filmausschnitt (Ausschnitt)

Nach der Deutschlandpremiere von Lloronas Fluch stehen zwei Dinge fest: 1. Der Film gehört zum Conjouring-Universum und 2. die Storyworld stagniert auf hohem Niveau.

Rezension mit wissenschaftlichem Exkurs

LF 2Man sollte bei Lloronas Fluch nicht erwarten, dass es kein amerikanischer Mainstream-Horrorfilm im aktuellen Zeitgeist ist. Im Klartext bedeutet dies, dass der Film nach der erfolgreichen dramaturgischen Formel produziert wurde, die bereits bei anderen Horrorfilmen seit 2010 funktioniert hat.[i] Dabei sind es lediglich Nuancen, die diesen Film von anderen unterscheiden. Das heißt allerdings nicht, dass es sich bei Lloranas Fluch um einen schlechten Film handelt.

Die Sozialarbeiterin Anna (Linda Cardellini) wird damit beauftragt herauszufinden, warum die Kinder ihrer ehemaligen Nachbarin Patricia (Patricia Velasquez) nicht mehr zur Schule gehen. In der Wohnung angelangt findet Anna die beiden Jungen in einem Schrank eingesperrt. Alles ist mit rituell anmutenden Symbolen bemalt, Kerzen dienen als einzige Lichtquelle und überall hängen Objekte mit kleinen Glocken von der Decke. Die filmische Bildästhetik ist düster gehalten und die Inszenierung zielt darauf ab, eine gewisse Form von bedrohlicher Atmosphäre zu generieren, doch das unterbindet das Werk aus sich heraus, da zu Beginn viel mehr auf Jump-Scares gesetzt wird als auf eine bedrückende Grundstimmung. Das wechselt allerdings ab der Mitte des Werkes, wenn Annas Familie von einer geisterhaften Erscheinung im Brautkleid heimgesucht wird – von LLorona.

Je enger das Szenario wird, desto intensiver wird auch der Film. Hierbei sind in dem Werk Sequenzen zu entdecken, die vollständig auf extradiegetische Musik verzichten und auch einen Erleichterung verschaffenden Schock-Moment nicht so positionieren, wie man es vermuten würde. Damit ist Lloronas Fluch ein wunderbarer Beleg dafür, dass Genrefilme die ihnen zugrunde liegende Formel auch nutzen können, um mit den Erwartungen der Rezipierenden zu spielen.[ii] Dieses Spiel mit den Erwartungen gelingt hier passagenweise sehr gut. Der Film hat einige kleinere Schwächen, aber das ist zu verschmerzen, außerdem ist es eine Kritik auf hohem Niveau, zumal es sich hierbei um ein Erstlingswerk handelt.

LF 3

Sohn und Tochter nach der ersten Begegnung mit Llorona.

Besonders gelungen ist die Figurenkonstellation von Anna und ihren Kindern. Nach dem Tod von Vater und Ehemann ist die kleine Familie in einer schwierigen Situation. Die Kinder scheinen sich ein wenig von der Mutter zu entfremden, beziehungsweise vermissen den Vater als schutzbietenden Elternteil. Schutzbietend insofern, als der Vater Polizist war und besonders der Sohn Chris (Roman Christou) zu seinem Vater aufgesehen hat. Der Tochter (Jaynee-Lynne Kinchen) ist von ihrem Vater nur eine Puppe geblieben, die sie über alles liebt und wie einen Talisman mit sich herumträgt. Dennoch steht der Familienbund über allem, obwohl die Kinder zunächst Angst davor haben, ihrer Mutter davon zu erzählen, als sie erstmals von Llorona heimgesucht werden. Die Kinder verstehen nicht, dass der vermutete Albtraum kein solcher ist, sondern Teil ihrer Wirklichkeit geworden ist.

Die Familie ist glaubwürdig geschrieben und die Figuren agieren aus ihrer eigenen Perspektive heraus – das schreibe ich wohl wissend, dass sich an dieser Aussage die Geister scheiden werden. Ohne zu viel verraten zu wollen: Kinder handeln aus einer anderen Logik heraus, als Erwachsene es tun. Angst unterbindet Logik und wenn es eine Chance auf gefühlte Sicherheit gibt, dann wird ein Kind versuchen dies zu erreichen.

Lloranas Fluch ist ein kurzweiliger Horrorspaß, der mehr an eine Achterbahnfahrt erinnert, als ein nachhaltiges Gefühl von Schrecken zu hinterlassen. Der Film macht Spaß und wird tatsächlich in James Wans Conjouring-Universum eingebunden, wenn auch nur am Rande. Allerdings bleibt der Beigeschmack, dass dieses Franchise auf einem hohen Niveau stagniert und nicht wirklich etwas Neues bereit ist zu versuchen.

Quellen

Heuer, Thomas (2010) Umweg Hollywood: Internationalisierung von J-Horrorfilmen am Beispiel von ‚Ringu‘ und ‚The Ring‘, Bachelor Thesis.
Tudor, Andrew (1989) Monsters and Mad Scientists, Basil Blackwell, Oxford.

 Endnoten

[i] Im Kontext der Erzählwelt von Conjouring bedeutet dies, dass eine übernatürliche Entität in den Alltag einer normalen Familie eindringt, diese bedroht oder zerstört und am Ende durch eine Art von Ritual das Böse besiegt wird. Das findet sich in Conjouring, Annabelle, Conjouring 2, Annabelle: Creation und The Nun sowie im vorliegenden Fall. Fraglich bleibt allerdings, ob die Schrecken einen nachhaltigen Einfluss auf die betroffene Familie haben werden oder ob deren Alltag wiederhergestellt wird. Für die Priester, Schamanen und Medien, welche die Rituale durchführen, hat dies immer einen Einfluss auf das weitere Leben.

[ii] Im Grunde handelt es sich hierbei um eine Abwandlung der Horrorformel, die Andrew Tudor bereits 1989 herausgearbeitet hat. Es ist eine Formel für prototypische Erzählmuster in der Horrordramaturgie: “Though it is true that all horror movies are variations on the ‘seek and destroy’ pattern – a monstrous threat is introduced into a stable situation; the monster rampages in the face of attempts to combat it; the monster is (perhaps) destroyed and order (perhaps) restored – this general and abstract genre-model can be realized in a variety of ways and located in a range of possible settings” (Tudor 1989: 81). Hierbei geht es vornehmlich darum, ein funktionierendes Muster zu entwickeln, das bestimmte Erwartungen erfüllt und somit das Publikum entsprechend der Erwartungen unterhalten kann. Es ist allerdings auch möglich, diese Formel anderweitig einzusetzen, beispielsweise, um mit den Erwartungen der Zuschauer zu spielen. „Beherrscht man [die Horror-Formel] und verändert diese minimal oder stellt sie um, kann der Horrorfilm stärker schockieren oder ängstigen, als die Rezipienten vermuten würden, was vor allem im modernen Horrorfilm funktioniert“ (Heuer 2010: 13).

Trailer zu Lloronas Fluch

Infokasten

„Lloronas Fluch“ (OT: „The Curse of La Llorona“)

Regie: Michael Chaves

Drehbuch: Mikki Daughtry und Tobias Iaconis

Produktion: Gary Daubermann, Emile Gladstone und James Wan

Verleih: Warner Bros. Entertainment

Laufzeit: 93 Minuten (uncut)

USA 2019

Veröffentlichung: Der Film startet am 18.04.2019 im Kino.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amDonnerstag, 18 April 2019 12:39
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

Schreibe einen Kommentar

Unter anderem auch das . . .

Dann, wenn es tagt, entweichen sie, jedes nach seiner Seite: Hexen, Kobolde, Visionen, phantastische Bilder. Nur gut, daß sich dieses Volk nur nachts und im Dunkel zeigt. Niemand konnte herausfinden, wo es sich tagsüber einschließt und verbirgt.

– Francisco de Goya über eine phantastische Radierung aus seiner Bilderreihe Los Caprichos.

(Dazu passt das 43. Blatt der Caprichos).