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Film

„Blood Brothers“ von Jose Prendes

DVD-Cover (Ausschnitt) Tiberius Film DVD-Cover (Ausschnitt)

Zwei überragend intelligente Halbbrüder beschließen die Fesseln des Körperlichen, Sachlichen und Logischen abzulegen. Das geschieht durch einen gemeinsamen Mord.

Rezension

Thomas Lo Bianco (Jon Kondelik) und Charles Brubaker (Graham Denman) legen großen Wert auf Ordnung und Reinheit. Wenn die beiden um die Häuser ziehen, dann tun sie dies auf ihre eigene Art. Da wird ein Drogensüchtiger besucht, der im Austausch gegen Drogen einen Teil seines Fingers abtrennen soll. Benutzt der Süchtige dafür einen Stein statt eines Messers, dann bekommt er ein ganzes Kilo seines geliebten weißen Pulvers. Er entscheidet sich für den Stein. Eine blutige und verkrüppelnde Wahl. Er bekommt dafür ein Kilo Backpulver und wird von den Brüdern verächtlich behandelt. Es folgt eine Autofahrt der aufgedrehten Brüder. In grellen Farben läuft die Titelsequenz, in der die beiden Hauptfiguren weiter charakterisiert werden. Zuhause angekommen, betritt Charles das Schlafzimmer der Mutter (Barbara Crampton), die er umsorgt. Sie liebt Charles und verachtet Thomas, dennoch leben alle drei gemeinsam in einem Haus. Dieses Haus unterstreicht den Reichtum der Familie. Thomas ist Autor, die einzige Figur der Familie, die man während des Filmes arbeiten sieht.

BB 2Charles und sein Bruder sind nicht normal, das wird in jedem Augenblick des Films klar. Während Thomas der Starke der beiden Brüder ist, stellt Charles den unsicheren Part des Gespanns dar. Die beiden pflegen im immer gleichen Restaurant zu speisen. Dort lernen sie Genevieve (Hannah Levien) kennen, eine alleinerziehende Mutter, die nun jobbt, um ihrem Kind ein gutes Leben zu ermöglichen. Es ist quasi Liebe auf den ersten Blick. Charles empfindet Romantisches für die junge Frau, Thomas hingegen glaubt, das richtige Opfer für den geplanten Mord gefunden zu haben. Hier entsteht ein erster Konflikt, der langsam an Komplexität gewinnt.

In einem kunstvollen Film, der permanent ins Phantastische flirrt und spätestens ab der Mitte alle Bezüge zur Wirklichkeit überwindet, wird man immer wieder an Dantes „Göttliche Komödie“ erinnert. Mehrere Stationen müssen auf dem Pfad zur Erleuchtung durchlaufen werden. Oder in die Verderbnis? Wunderbar in diesem Zusammenhang ist der Originaltitel „The Divine Tragedies“, was so viel bedeutet wie „Die göttlichen Tragödien“. Fabelhaft auch die Figuren und ihre Namen, denn abgesehen von den beiden Protagonisten bedienen diese sich gern der griechischen Mythologie. So gibt es Homer, Angelo und nicht zu vergessen die Mutter, die als schützendes und zugleich bedrohliches Schwert über den ungleichen Brüdern hängt und in ihrer Ausdeutung ein wenig an eine Figur aus der Elias erinnert. Charles wird als philosophischer Gelehrter vorgestellt, Thomas ist Autor, beide sind Künstler. Die Überschreitung von Grenzen gehört somit zu ihrem Wesen. Statt sich an Genevieve zu versündigen, brechen die beiden Brüder zunächst auf, um eine Prostituierte zu ermorden. Diese trägt den Namen Vanity, was als die Einbildung übersetzt werden kann, und wird ebenfalls von Hannah Levien verkörpert, was das Gezeigte hinterfragen lässt. Die Komplexität dieses Kunstrausches kann einen schnell überfordern, oder man lässt sich mitreißen und hat eine einmalige Filmerfahrung – Genuss oder Abstoßung sind hierbei zunächst egal. Es ist nicht die Figur im Film, die reflektieren muss, sondern der Zuschauende und dazu muss man bereit sein, dann bietet Blood Brothers einiges.

BB 1

Zwischen Kunst, Phantastik und Philosophie flirrt das Werk nach Belieben hin und her. Leider hat der Film kein allzu hohes Budget, was an einigen Stellen deutlich spürbar ist – davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Blood Brothers ist eine Perle, die aus der Masse an Filmen hervorsticht. Zwischen Liebe und Lustmord, Verdammnis und Erleuchtung entwickelt sich ein Spannungsfeld, das an eine altgriechische Komödie erinnert, bei der das Groteske und Hässliche als ein Makel verstanden werden kann, der einer Figur angehängt wird, damit dieser für die Zuschauenden stellvertretend überwunden werden kann. Daraus zieht ein solches Werk seine Gesellschaftskritik. Dieses Paradigma durchlebt Thomas, während das Schicksal für seinen Bruder einen anderen Pfad vorgibt.

Selten hat ein Film mich so überrascht wie dieser. Auch durch die Art des Marketings in Deutschland erwartete ich einen Killer-Horrorfilm, vielleicht ein wenig wie Killers oder The Collector, wenn auch nicht in dieser Qualität. Aber das hier ist ein Kunstwerk. Es ist, als ob man einen Groschenroman kauft und plötzlich darin ein Werk aus einem Fiebertraum von Salvador Dali findet, dass mit der griechischen Mythologie einen Bastard gezeugt hätte. Dieser Umstand engt den potentiellen Kundenkreis leider stark ein; umso erfreulicher, dass ein solches Werk auch hierzulande veröffentlicht wird.

Nachtrag 08.09.2017: Tiberius Film hat für die Presse eine ungekürzte Version des Films zur Verfügung gestellt. Veröffentlicht wird nun aber eine um rund drei Minuten gekürzte Fassung. Dieser Schritt überrascht, denn es gibt Filme die heftiger Inhalte besitzen und in Deutschland ab 16 Jahren frei gegeben wurden. Bedauerlich, denn an einem Kunstwerk sollte man nicht mit einer Schere vorgehen und Passagen entfernen.

Trailer Blood Bothers – Ihr blutiges Meisterwerk

Infokasten

„Blood Brothers – Ihr blutiges Meisterwerk“ (OT: „The Divine Tragedies“)

Regie: Jose Prendes

Drehbuch: Jose Prendes

Produktion: Dual Visions

Verleih: Tiberius Film

Laufzeit: 95 Minuten (cut) | 98 Minuten (uncut)

USA | 2015

Ab 07.09.2017 im Handel auf DVD, Blu-ray-Disc und digital.

Letzte Änderung amFreitag, 08 September 2017 11:12
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Phantastik, auch Fantastik, ist ein literarischer Genrebegriff, der in Fachkreisen sehr unterschiedlich definiert wird. Außerwissenschaftlich bezeichnet der Begriff „fantastisch“ alles, was unglaublich, versponnen, wunderbar oder großartig ist. Der Ursprung des Begriffs „phantastische Literatur“ ist ein Übersetzungsfehler: E. T. A. Hoffmanns „Fantasiestücke in Callots Manier“ wurden 1814 als „Contes fantastiques“ ins Französische übersetzt, statt richtigerweise als „Contes de la fantaisie“.“

– Wikipedia