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Erzählungen

„Die Geschichte von der Großmutter“: Rotkäppchen ungeschönt

Rotkäppchen (Ausschnitt) Karl Oefferdinger (Text eingefügt) Rotkäppchen (Ausschnitt)

In der von Paul Delarue rekonstruierten Mär wird die Großmutter geschlachtet und von Rotkäppchen verspeist. Eine ungeschönte Variante vom grimmschen Klassiker.

Vergessene Texte neu diskutiert

Das Märchen vom Rotkäppchen ist vielen bekannt. Die meisten nehmen die Fassung der Gebrüder Grimm als die Ursprüngliche wahr. Es ist jedoch so, dass der Ursprung des Märchens deutlich älter ist und bis ins 17. Jahrhundert oder weiter zurückgehen könnte. Während in der Fassung der Gebrüder Grimm die Oma und Rotkäppchen zwar vom Wolf verschlungen, aber schließlich vom Jäger gerettet werden, was wiederum der Wolf mit seinem Leben bezahlt – ein Triumph des Guten auf ganzer Linie – gibt es auch andere Fassungen des Stoffes. Fast vollständig verschwunden ist die nachstehende, bei der – wie beiläufig – Mord und Kannibalismus thematisiert werden. Die Andeutungen einer potentiellen Vergewaltigung Rotkäppchens – die in anderen Fassungen durchaus interpretiert werden kann – wird in dieser nicht inszeniert. Rotkäppchen flieht durch eine List vor dem Wolf und entkommt. Die Geschichte trägt den Namen Die Geschichte von Großmutter und ist aufgrund ihres Inhalts als eines der Ursprungsmärchen einzustufen, die Rotkäppchen zugrunde liegen.

Es ist wichtig, auch solche grausamen Varianten der Märchen zu bewahren, daher wird dieser Text hier, zitiert nach Messner 2001, veröffentlicht. Das Werk ist mittlerweile gemeinfrei, der Text von Messner ist es nicht. Die Geschichte von der Großmutter offenbart eine düstere Mär voller Gewalt und Blut, die dies jedoch nur beiläufig erzählt. Im Zentrum steht ein Werwolf, der Mann Bzou, dem der Sinn nach einer Bluttat oder schlimmeren steht. Er stellt für das junge Mädchen eine Falle auf, die kaum grausamer sein könnte. Interessant dabei ist, wie immer wieder Elemente des Phantastischen in die Erzählung eingebunden werden. So sind Nähnadel- und Stecknadelweg keine Namen, sondern werden mit einem tieferen Zweck versehen. „Das kleine Mädchen vergnügte sich mit Nähnadelsammeln.“ Es muss also einen Weg geben, auf dem es Nähnadeln zu sammeln gibt. Deutlicher als in der grimmschen Fassung wird hier auch, dass der böse Wolf ein menschlicher Mann ist, in dem sich ein Monster verbirgt. Dieser brutale Text wirkt aus heutiger Perspektive ungewöhnlich, dennoch kann es als Bereicherung verstanden werden, ein solches Werk der Phantastik zu ergründen.

Die Geschichte von der Großmutter

Paul Delarue um 1855 (Zitiert nach Messner 2001: 7-8)

Es war einmal eine Frau, die Brot gebacken hatte. Sie sagte zu ihrer Tochter: "Geh und trage den warmen Brotlaib und eine Flasche Milch zu deiner Omi." So ging das kleine Mädchen los. An einer Wegkreuzung traf sie Bzou, den Werwolf, der zu ihr sagte:

"Wohin gehst du?"

"Ich trage diesen warmen Brotlaib und eine Flasche Milch zu meiner Omi." "Welchen Weg wirst du gehen", sagte der Wolf, "den Nähnadelweg oder den Stecknadelweg?"

"Den Nähnadelweg", sagte das kleine Mädchen.

"In Ordnung, dann werde ich den Stecknadelweg gehen."

Das kleine Mädchen vergnügte sich mit Nähnadelsammeln. Unterdessen war der Wolf beim Haus der Großmutter angekommen, hatte sie getötet, etwas von ihrem Fleisch in den Geschirrschrank gelegt und eine Flasche des Blutes in das Regal gestellt. Das kleine Mädchen kam an und klopfte an die Tür.

"Drücke die Tür hinein", sagte der Werwolf, "sie ist mit einem Ballen nassen Strohs zugesperrt."

"Guten Tag, Omi. Ich habe dir einen warmen Brotlaib gebracht und eine Flasche Milch."

"Lege es in den Geschirrschrank, mein Kind. Nimm dir etwas vom Fleisch, das drinnen ist und die Flasche Wein aus dem Regal."

Nachdem sie gegessen hatte, sagte eine kleine Katze:

"Pfuiii ... Ein Luder ist sie, die das Fleisch ihrer Omi ißt und ihr Blut trinkt." "Zieh dich aus, mein Kind", sagte der Werwolf, "und lege dich neben mich." "Wohin soll ich meine Schürze legen?"

"Wirf sie ins Feuer, mein Kind, du wirst sie nicht mehr brauchen."

Und jedesmal, wenn sie fragte, wohin sie alle ihre anderen Sachen, das Mieder, das Kleid, den Petticoat und die langen Strümpfe legen sollte, antwortete der Wolf:

"Wirf sie ins Feuer, mein Kind, du wirst sie nicht mehr brauchen."

Als sie sich in das Bett legte, sagte das kleine Mädchen:

"Oh, Omi, wie haarig du bist!"

"Um so besser kann ich mich warmhalten, mein Kind!"

"Oh, Omi, was hast du für große Nägel!"

"Um so besser kann ich mich damit kratzen, mein Kind!"

"Oh, Omi, was hast du für breite Schultern!"

"Um so besser kann ich das Feuerholz tragen, mein Kind."

"Oh, Omi, was hast du für große Nasenlöcher!"

"Um so besser kann ich damit meinen Tabak schnupfen, mein Kind."

"Oh, Omi, was hast du für einen großen Mund!"

"Um so besser kann ich dich damit fressen, mein Kind!"

"Oh, Großmutter, ich muß dringend mal. Laß mich nach draußen gehen."

"Mach es im Bett, mein Kind!"

"O nein, Omi. Ich möchte nach draußen gehen."

"In Ordnung. Aber mach es schnell."

Der Werwolf befestigte eine Wollschnur an ihrem Fuß und ließ sie nach draußen gehen. Als das kleine Mädchen draußen war, band sie das Ende des Seils im Hof um einen Pflaumenbaum. Der Werwolf wurde ungeduldig und sagte:

"Lockerst du gerade das Seil? Lockerst du gerade das Seil?"

Als er bemerkte, daß niemand ihm antwortete, sprang er aus dem Bett und sah, daß das kleine Mädchen geflohen war. Er folgte ihr, aber er kam gerade in dem Augenblick aus ihrem Haus, als sie hineinging.

Literaturverzeichnis

Messner, Rudolf (2001): Das Mädchen und der Wolf - über die zivilisatorische Metamorphose des Grimm'schen Märchens vom Rotkäpchen. In: Erziehung und Unterricht (151), 1-2 und 225-242. Online verfügbar unter https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2007052218270/1/MessnerMaedchen.pdf#page=7, zuletzt geprüft am 06.08.2017.

Letzte Änderung amDonnerstag, 24 August 2017 20:53
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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Gottfried Benn