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Serie

„Love, Death & Robots“ – Mehr als Nacktheit und Gewalt

Sonny's Egde, Filmszene (Ausschnitt) Blur Studio, Netflix Sonny's Egde, Filmszene (Ausschnitt)

Diese vielseitige Kurzfilmsammlung aus den Genres Sci-Fi, Horror und Phantastik besticht durch originelle Geschichten mit pointierter Härte und schwarzem Humor.

Rezension

ldr 1Wenn man über eine Serie sagen kann, dass sie abwechslungsreich sei, dann über Love, Death & Robots, die eigentlich eine von Netflix produzierte und vertriebene Anthologie aus achtzehn animierten Kurzfilmen der Genres Science-Fiction, Horror und Phantastik ist, realisiert von Tim Miller (Schöpfer) und David Fincher (executive producer) In Zeiten von Streaming-Diensten wirkt diese Kurzfilmsammlung allerdings wie eine originelle Serienidee. Tatsächlich bauen die Episoden aber nicht aufeinander auf, sondern sind in sich geschlossene Kurzgeschichten, die in Animationsstil, Thema und Inszenierung stark variieren. Für Anthologien ist diese Varianz wiederum nichts Ungewöhnliches. Eine Rahmenhandlung wie in der Horroranthologie V/H/S oder einen Moderator wie in dem Klassiker Tales from the Crypt gibt es allerdings nicht.

ldr 2In Shape-Shifters etwa verschlägt es einen Werwolf als US-Soldaten nach Afghanistan, während in The Secret War russische Soldaten im sibirischen Winter gegen eine Übermacht von dämonischen Monstern kämpfen. Wiederum in Sucker of Souls erweckt ein von Söldnern begleiteter Archäologe versehentlich einen uralten, durchaus blutdurstigen Vampir. In dem gefühlt atemlosen The Witness sieht dagegen eine Frau zufällig einen Mord durch ihr Zimmerfenster und wird daraufhin von dem Killer durch eine abgefahrene futuristische Mega-City gejagt, mit einem Abstecher ins Hardcore-Erotikgewerbe, Stichwort: Lack und Leder. Und in Fish Night begegnen zwei Haustürverkäufer, deren Auto in der Wüste liegen geblieben ist, den Geistern von Tierwesen aus prähistorischer Zeit.

Abwechslungsreich und beeindruckend umgesetzt sind aber auch die Animationsstile, in denen sich die Kurzfilme präsentieren. Sie reichen von fotorealistischer Nachahmung der Wirklichkeit über eher stilisierende 3D-Animationen bis hin zu comichaften Zeichentrick-Stilen.

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Originelle Mischung von Genres und Motiven

ldr 4Love, Death & Robots ist keine einfache Genrekost. Denn fast immer, wenn bekannte Motive und Themen auftauchen, vermischt die Anthologie diese mit anderen auf originelle Weise, überträgt sie in ein anderes Genre und ringt ihnen eine ungewöhnliche, äußerst interessante Variation ab, die teils einfach nur gut unterhält, teils aber auch einen intensiven Schrecken oder eine dichte, spannungsvolle Atmosphäre hervorruft. Ein starres Genregerüst gibt es daher meist nicht. Stattdessen werden Genreversatzstücke bisweilen auch mit aktuellen Themen verknüpft oder generell aktualisiert. Damit zeigt diese Anthologie, dass weder Horror bloß „Grusel, Grusel, Splatter, Splatter“ sein muss noch Phantastik bloß verträumter Eskapismus. Beide Genres können, je nach Inszenierung, sehr viel mit der Realität zu tun haben.

ldr 7Was ich meine, lässt sich gut am Beispiel von Shape-Shifters illustrieren. Schon die Kombination aus Setting und Hauptfigur ist ungewöhnlich: ein Werwolf, der in der US-amerikanischen Armee dient und als Spezialwaffe in Afghanistan eingesetzt wird. Das schreit geradezu nach Patriotismus und purer Action. Zumindest im Mainstream-Kino. Oder nach Gore und Splatter im Genre-Kino.   Aber statt dessen gibt es in Shape-Shifters eine handfeste, dennoch äußerst blutige Story einerseits über den Verlust eines Kameraden, andererseits über die Ausgrenzung des Andersartigen, das nur Teil der Gesellschaft sein darf, weil es nützlich ist. Das Phantastische in Form des Monsters hat sich hier sozialisiert und gehört jetzt zur Gesellschaft. Es ist nicht mehr geheimnisvoll und das Monster zeigt sein menschliches Antlitz, behält aber seine Andersartigkeit und wird derart zu einer stigmatisierten Minderheit. Entsprechend haben die Werwolf-Soldaten in Shape-Shifters mit Diskriminierung und offener Anfeindung zu kämpfen. Ein Werwolf, der von sich sagt, er sei zwar kein Mensch, aber ein Amerikaner und deshalb tue er sein Dienst als Soldat, ist zudem eine interessante Vorstellung. Das hat dann doch mit Patriotismus zu tun, bleibt aber kein hohler, unhinterfragter Wert, der durch den Film zur Schau getragen wird.

Shape-Shifters funktioniert unter anderem über ein Motiv, das häufig in zeitgenössischer Phantastik vorkommt: das Andersweltliche, das durch den Menschen unterdrückt, marginalisiert, assimiliert oder ausgerottet wird. Zu finden ist das beispielsweise auch in dem Comic Monstress, in den The-Witcher-Videogames (sowie der Romanvorlage) oder in dem Film Border (sowie ebenfalls in Literaturvorlage). Auch in der Anthologie taucht das Motiv ein zweites Mal auf, in Good Hunting.

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Explizite Darstellung von Gewalt und Nacktheit

Reizvoll an dieser Sammlung filmischer Kurzerzählungen ist, dass die Zuschauer:innen einiges zu sehen bekommen, was im Mainstream meist ausgeblendet wird, darunter die explizite Darstellung von Sex und Gewalt. Schießereien und Schlagabtausche ist man gewohnt, aber selten sind sie so blutig. Die Zerstörung der Körper durch die Gewalt, die auf sie einwirkt, wird offen gezeigt. Das vergrößert die Intensität der inszenierten Schrecken. Die Darstellung von Krieg, Tod und Überlebenskampf erscheint daher nicht lapidar. Stattdessen ermöglicht sie dem Publikum das Ergriffen sein, sofern es sich darauf einlassen mag. Auch die Nacktheit der Körper spielt in einigen Kurzfilmen eine Rolle. Sie trägt zur Spürbarkeit der erotischen Momente bei, wie etwa in dem Sci-Fi-Horrorfilm Beyond the Aquila Rift, verstärkt aber auch die existenziellen Momente des Überlebenskampfes, wie in The Witness. In letzterem Fall ist die vom Killer gejagte Frau fast komplett nackt und wirkt folglich sehr verletzlich.

Love, Death & Robots lässt sich nicht auf dieses Repertoire an Inszenierungsmitteln reduzieren, auch wenn sie sehr markant sind, markant deswegen, weil sie, gemessen an Medieninhalten des Mainstreams, grenzüberschreitend wirken. Zwar mögen in einigen Kurzfilmen Köpfe abgetrennt und zerquetscht werden oder Brüste und Penisse gezeigt werden, das betrifft aber längst nicht alle Filme der Anthologie. Zumal es andere Genrevertreter gibt, die deutlich expliziter vorgehen als diese Kurzfilmsammlung. Unbenommen von der Explizitheit bleiben zudem Humor und Tiefgang, mit denen viele der Kurzfilme erzählen.

Schwarzhumorig wird die Nichtigkeit der Menschheit herausgestellt

ldr 8Eher einen Comedy-Ansatz verfolgen die Kurzfilme Alternate Histories, Ice Age, Three Robots und When the Yogurt Took Over. Während Alternate Histories eine überspitzte Blödelei mit alternativen Zeitlinien ist, ausgelöst durch den Todeszeitpunkt von Adolf Hitler, erzählen die übrigen drei Filme jeder auf seine Art von der Unfähigkeit der Menschheit zur Weiterentwicklung. Three Robots etwa schickt die drei titelgebenden Roboter auf eine Besichtigungstour durch die verwüsteten, menschenleeren Großstädte der Endzeit. Gleichermaßen fasziniert wie irritiert betrachten die intelligenten Maschinen die Überreste der menschlichen Zivilisation und kommentieren sie ironisch. So wird die hohe Bedeutung, die sich die Menschheit selbst zuschreibt, mit viel schwarzem Humor ins Gegenteil verkehrt. Das ist auch gut an When the Yogurt Took Over zu erkennen, wo absurderweise Jogurt die Weltherrschaft übernimmt, schlicht weil er intelligenter geworden ist als der Mensch.

Tiefsinn und Horror

ldr 5Tiefsinnig und philosophisch, ohne dabei humoristisch zu sein, sind insbesondere Zima Blue und Good Hunting. Zima Blue erzählt die Geschichte eines größenwahnsinnigen Malers, dessen Gemälde bald astronomische Ausmaße annehmen, bis er schließlich erkennt, was er all die Jahre in seiner Kunst gesucht hat. Dieser wundervolle Film illustriert nicht nur eine mögliche Motivation von Kunst und die Wahrnehmung der Welt durch Kunst, sondern im Grunde die Motivation jeglichen menschlichen Strebens, das den Blick auf das, was wirklich ist, oftmals versperrt. Good Hunting thematisiert das Vergehen und Verschwinden des Mythischen durch den Fortschritt, bis es schließlich im Technischen wiederkehrt. Der Kurzfilm macht diese Entwicklung an einer Fuchsdämonin fest, einer Hulijing, die im alten China noch gejagt wurde, dann aber in den Zeiten der Industrialisierung Chinas ihre Fähigkeiten verliert und sich in der britischen Kolonie Hongkong prostituieren muss.

ldr 10Auch wenn viele der Kurzfilme durch ihre Inszenierungsweise Formen des Schrecklichen beschwören, finden sich mindestens zwei Filme in der Sammlung, die ich direkt dem Horrorgenre zurechnen würde. Das ist mit Helping Hand zum einen Survival Horror und mit Beyond the Aquila Rift zum anderen psychologischer Horror im Sci-Fi-Gewand, zugleich aber auch eine Art Höllenvision. In Helping Hand verliert eine Astronautin bei der Reparatur eines Satelliten durch einen Unfall den Halt und driftet ins Weltall davon. In Anbetracht dessen, was sie bereit ist, für ihr Überleben zu tun, könnte man auch von Body Horror sprechen. In Beyond the Aquila Rift hingegen verliert sich ein Raumfahrer, der fernab der Erde im All gestrandet ist, zwischen Traum und Realität. Mehr zu verraten würde die Wirkung dieses Films ruinieren.

Wendungsreiche Action und Spannung

Außerdem in der Anthologie viel vertreten sind Action und Spannung, entweder als Einsprengsel oder als Hauptanteil der Handlung, so etwa in The Witness, Blind Spot, The Secret War, Sucker of Souls oder Suits. Auch bei diesen Filmen tragen Stimmung, Setting und Figurentableau ebenso viel zum Filmerlebnis bei wie die Action und Spannung. Es deutet sich jeweils eine Welttiefe an, die neugierig macht und über das dargestellte, eher kurzweilige Geschehen hinausreicht. Es handelt sich also nicht ausschließlich um ‚dumpfe‘ Action vor einer Sci-Fi- oder Phantastik-Kulisse. Vielmehr verbinden sich Action und Spannung mit moralischen Werten, die nicht aufgesetzt wirken, weil die Inszenierung ihnen Raum zur Entfaltung gibt.

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Gleich der erste Kurzfilm der Sammlung, Sonnie’s Egde, legt beispielsweise den Fokus auf einen saftigen Kampf zwischen zwei Monstern, die durch technische Gedankenkontrolle ferngesteuert werden und in einer Arena zu Unterhaltungszwecken aufeinanderprallen. Mindestens ebenso wichtig wie diese Action sind aber auch die Düsternis der cyberpunkigen Welt sowie die visuelle Coolness der Hauptfiguren, ganz zu schweigen von dem leicht variierten „Rape & Revenge“-Plot, dem dieser Kurzfilm folgt. Sonnie’s Egde ist auf seine Art ein Beitrag zur Gender-Diskussion und eine blutige Abrechnung mit frauenverachtenden Männern.

Spannung und Action, aber nicht nur diese, sind in einer wendungsreichen Narration gestaltet. Die Situation erscheint aussichtslos für die Hauptfigur – oder man glaubt, sie sei bereits tot – aber dann dreht sich das Blatt doch noch einmal, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Manchmal ahnt man es, manchmal geschieht es überraschend und oft mit einem plötzlichen Ausbruch der angesprochenen Explizitheit von Gewalt. Der Schrecken manifestiert sich bildgewaltig – und blutig. Das kann durchaus eine kathartische Wirkung entfaltet.

Fazit: Sehenswerte Anthologie mit originellen Geschichten

Die Kurzfilm-Anthologie Love, Death & Robots liefert abwechslungsreiche, überwiegend gut durchdachte und originelle Geschichten aus den Genres Science-Fiction, Horror und Phantastik, die in ihrer Erzählweise die Explizitheit von Gewalt und Nacktheit nicht scheuen. Aber wie gesagt lassen sich die Filme nicht auf das Explizite reduzieren, das nur ein Vehikel ist, um gute Geschichten mit pointierter Härte zu erzählen, Geschichten, die mal kurzweilig und humoristisch, mal tiefsinnig oder actionreich sind, aber meist um das Menschliche und seinen Bezug zur Technologie kreisen – eben um Liebe, Tod und Roboter.

 

Trailer zu Love, Death & Robots

 

Infokasten

„Love, Death & Robots“, Staffel 1

Schöpfer: Tim Miller, David Fincher (executive producer)

Regisseure:  Sonnie's Edge (Dave Wilson, Gabriele Pennacchioli), Three Robots (Víctor Maldonado, Alfredo Torres), The Witness (Alberto Mielgo), Suits (Franck Balson), Sucker of Souls (Owen Sullivan), When the Yogurt Took Over (Víctor Maldonado, Alfredo Torres), Beyond the Aquila Rift (Dominique Boidin, Léon Bérelle, Rémi Kozyra, Maxime Luère), Good Hunting (Oliver Thomas), The Dump (Javier Recio Gracia), Shape-Shifters (Gabriele Pennacchioli), Helping Hand (Jon Yeo), Fish Night (Damian Nenow), Lucky 13 (Jerome Chen), Zima Blue (Robert Valley), Blind Spot (Vitaliy Shushko), Ice Age (Tim Miller), Alternate Histories (Víctor Maldonado, Alfredo Torres), The Secret War (István Zorkóczy)

Laufzeit: max. 15 Minuten / 1 Staffel à 18 Folgen

Produzent: Blur Studio, Netflix

Verleih: Netflix

USA | 2019

Veröffentlichung am 15.03.2019 (Streaming)

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amDonnerstag, 04 April 2019 15:06
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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