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Serie

„Dirk Gently’s“: Humorvoll-verrückter Science-Fiction-Krimi, Staffel 1

Filmplakat (Ausschnitt) Netflix Filmplakat (Ausschnitt)

Dirk Gently’s Holistic Detective Agency basiert auf dem gleichnamigen Roman von Douglas Adams und ist genauso irrwitzig, wie man es von diesem Autor erwartet.

Rezension

Dirk Gently 3Das unwahrscheinlichste Abenteuer im Leben Todd Brotzmans (Elijah Wood) beginnt mit einem miesen Tag. Nicht nur ist Todd spät dran, weil er verschlafen hat, er muss außerdem noch mit dem Bus zur Arbeit fahren, da ihm sein Vermieter in einem Wutausbruch das Auto zu Klump gehauen hat. Auf der Arbeit herrscht dann auch noch das absolute Chaos. Denn Todd arbeitet als Page ausgerechnet in jenem Hotel, wo just ein Millionär unter äußerst mysteriösen Umständen ermordet wurde. Was haben die folgenden Dinge wohl gemeinsam? Bissspuren der Größenklasse Raubtier, Brandspuren und blutige Handabdrücke am Fensterrahmen sowie ein in der Mitte zerteilter Mann und ein schwarzes Kätzchen. Richtig, sie wurden alle am Tatort gefunden. Dann taucht auch noch ein schlaksiger Mann mit gelber Jacke und blauem Schlips auf, der sich Todd als Dirk Gently (Samuel Barnett) vorstellt, von Beruf „holistischer Detektiv“. Dessen Motto sei: Alles hänge mit allem zusammen („the interconnectedness of things"). Aus diesem Grund erklärt Dirk Gently den verblüfften Todd kurzerhand zu seinem Assistenten. Der wurde eh gerade gefeuert. Und tatsächlich, das aufziehende Chaos manifestiert sich im Umfeld dieses selten komischen Detektivs – Zufall?

Dirk Gently 7Dirk Gently’s Holistic Detective Agency (kurz: Dirk Gently’s) ist eine verrückte und humorvolle Detektivgeschichte mit einer sehr schrillen und noch schrulligeren Hauptfigur. Dirk Gently ist naiv, durchweg Optimist und auf sehr eigenwillige Art charmant, zugleich sehr von sich eingenommen und doch ohne jede Befähigung – mal abgesehen von dem Talent, immer wieder in dasselbe Wespennest zu stechen, bis es explodiert (wobei das Wespennest Gentlys jeweiliger Fall ist). Alles ist eben mit allem in Verbindung und so beeinflusst sich alles auf ominöse Weise wechselseitig. Derart schickt das Universum Dirk Gently immer genau dorthin, wo es ihn gerade gebraucht. In diesem Fall: zu Todd.

Die verrückte Feier der Unwahrscheinlichkeit

Dirk Gently 2Dirk Gently’s erzählt von mehreren Figuren in mehreren Handlungssträngen, die sich lange Zeit kaum oder gar nicht berühren. Dirk Gently und Todd sind nur zwei davon. Bei denen allerdings bläht sich der Mordfall zu einem bizarren Mysterium auf, mit dem letztlich auch Todds Schicksal in Verbindung steht – egal, ob er’s will oder nicht. Davon bleibt auch seine Schwester Amanda (Hannah Marks) nicht unberührt, die unter einer extrem seltenen, fast unglaublichen Krankheit leidet. Aber auch unabhängig von den Mordermittlungen passieren seltsame Dinge. Wendungen und bizarre Ereignisse, die zunächst völlig aus dem Kontext fallen, verrätseln das irrwitzige Abenteuer zunehmend. Und je bizarrer, desto gefährlicher wird es. Blut fließt, Figuren sterben – da ist die Serie nicht zimperlich. Wie sich andeutet, ist Dirk Gently’s ein Genuss des beinahe Absurden. Denn so beliebig und unzusammenhängend das Geschehen auch wirken mag, so suchen Dirk Gently und sein Assistent Todd doch nach einer alles erklärenden Lösung des Falls, die einem die Serie auch nicht verweigert – so viel sei verraten.

Es ist interessant zu beobachten, wie das Genre der Kriminalgeschichte, das stark im Realismus verankert ist, auf den Kopf gestellt und doch erfüllt werden soll. In der Regel will eine realistische Erzählweise seine Figuren und Ereignisse als wahrscheinlich und auf Basis von kausalen Zusammenhängen als erklärbar erscheinen lassen. Dadurch wirkt die Geschichte auf den Rezipienten glaubhaft, so die realistische Idee (was allerdings nicht immer gelingt, zumal jeder eigene Vorstellungen davon hat, was glaubhaft ist und was nicht). Eine Kriminalgeschichte wartet vor diesem Hintergrund mit einem Rätsel auf und verspricht, es zum Ende hin glaubhaft aufzulösen (sowie den Mörder dingfest zu machen).

Dirk Gently 6Dirk Gently’s hingegen feiert die Unwahrscheinlichkeit und legitimiert die erzählerische Willkür letztlich mit einem höheren, noch unbekannten Naturgesetz, das die gesamte Handlung ins Phantastische verrückt (beziehungsweise in die Science-Fiction, die nicht weniger phantastisch ist, aber das Übernatürliche mit einer pseudowissenschaftlichen Erklärung in ein neues, dann wieder realistisches Weltbild integriert). In diesem Konflikt zwischen erwartbarer Wahrscheinlichkeit und tatsächlicher Unwahrscheinlichkeit der Handlung entfaltet sich einerseits die Situationskomik des Geschehens sowie dessen Verrücktheit. Andererseits bewirkt jener Konflikt den besonderen Humor der Figur Dirk Gently, die im Grunde ein Anti-Detektiv ist. Über Hinweise zur Lösung des Falls stolpert sie bloß. Auch verfügt sie über keinerlei deduktive Fähigkeiten, anders als etwa ein Sherlock Holmes, der ein Meister darin ist.

Dennoch gibt dem holistischen Detektiv der Zufall immer wieder Recht – und mit ihm das Universum. Denn alles soll ja mit allem verbunden sein (genau das meint holistisch: ein Denken, das ein System als Ganzes betrachtet und nicht als eine Zusammenfügung all seiner Bestandteile). Während ein Watson kaum ahnen kann, was ein Holmes alles sieht und ableitet, ist es in dieser Serie eher der Assistent Todd, der die Schlüsse zieht. Dirk Gently ist lediglich die Wünschelrute des Universums, die Todd zu den Indizien führt (aber eine sehr sympathische und witzige Wünschelrute mit durchaus menschlichen Zügen).

Dirk Gently 4In dem ganzen Durcheinander erzählt Dirk Gently’s von der ungewollten Abhängigkeit zweier Figuren, die gegensätzlicher nicht sein könnten, eine Abhängigkeit, die sich zu einer Freundschaft auswächst und dann wiederum auf die Probe gestellt wird. Die Serie weiß ihre Figuren mehrschichtig und glaubhaft darzustellen. Hier ist sie ganz und gar nicht unwahrscheinlich, sondern emotional nachvollziehbar und, auch wenn es dem Zuschauer wehtun mag, in wichtigen Entscheidungen der Figuren wunderbar konsequent. Getragen wird all dies von einer ausdrucksstarken Schauspielleistung, die zu den durchweg eigenwilligen Figuren passt.

Die Urheber des humorösen Chaos

Für die allgemeine Verrücktheit in Dirk Gently’s ist neben dem Schöpfer der Serie, Max Landis, wohl der 2001 verstorbene Autor Douglas Adams zu verantworten (weithin bekannt für den Science-Fiction-Roman The Hitchhiker's Guide to the Galaxy, der nicht minder chaotisch-verrückt ist). Max Landis verwendet Adams gleichnamigen Roman von 1987 als Vorlage und Inspiration für seine Serie. Wie sehr sich Adams‘ Humor und Stil in der Serie spiegeln, bedarf eines tiefergehenden Vergleichs. So viel ist klar: Landis hat die Handlung in die Jetztzeit der USA verlagert und lediglich die Figur Dirk Gently ist noch Brite. Spannend wäre in diesem Kontext auch ein Vergleich mit der Serienadaption von Howard Overman, die von 2010 bis 2012 in England lief und dort sehr erfolgreich gewesen ist.

Staffel 1 endet mit einem phänomenalen Cliff-Hanger, der nicht vorherzusehen ist. Die zehn Folgen der zweiten Staffel sind bereits abgedreht und laufen seit Oktober im US-Fernsehen bei BBC America. Wann die neue Staffel allerdings in Deutschland auf Netflix zu sehen sein wird, ist noch unklar. Bei der ersten Staffel sind zirka zwei Monate nach der Fernsehausstrahlung ins Land gezogen, bevor es zu dem Release im Streaming-Dienst gekommen ist.

Die Serie Dirk Gently’s Holistic Detective Agency gewinnt Spannung und Witz aus der Unwahrscheinlichkeit ihres Plots, mit der eine gewisse Unvorhersehbarkeit einhergeht. Bei aller Verrücktheit bleiben die Figuren dennoch erstaunlich glaubhaft. Das macht die Serie nicht nur für Freunde der Phantastik zu einem abstrusen Spaß.

Dirk Gently 5

Trailer zu Dirk Gently’s Holistic Detective Agency (Staffel 1)

Infokasten

„Dirk Gently’s Holistic Detective Agency“, Staffel 1

Schöpfer: Max Landis

Regie & Drehbuch: Diverse

Laufzeit: 60 Minuten / 8 Folgen

Produzent: BBC America, Netflix

Verleih: Netflix

USA | Großbritannien | 2016

Letzte Änderung amFreitag, 17 November 2017 10:25
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Phantasie bzw. Fantasie (griech.: [...] phantasía – ‚Erscheinung’, ‚Vorstellung’, ‚Traumgesicht’, ‚Gespenst’) bezeichnet eine kreative Fähigkeit des Menschen. Oft ist der Begriff mit dem Bereich des Bildhaften verknüpft (Erinnerungsbilder, Vorstellungsbilder), kann aber auch auf sprachliche und logische Leistungen (Ideen) bezogen werden. Im engeren Sinn als Vorstellungskraft bzw. Imagination ist mit Phantasie vor allem die Fähigkeit gemeint, innere Bilder und damit eine ‚Innenwelt’ zu erzeugen.“

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