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Film

„Border“ – Die Andersartigkeit des Seins

Empfehlung Filmszene (Ausschnit) Capelight Pictures Filmszene (Ausschnit)

Dieser Film über eine ungewöhnliche Liebschaft ist eine Grenzerfahrung, und zwar im Wortsinn: die Erfahrung von Grenzen. Entlang dieser verläuft das Andersartige.

Rezension und Interpretation

Border 4Seit ihrer Kindheit denkt Tina (Eva Melander), dass sie bloß ein hässlicher Mensch ist, obwohl auch immer wieder das Gefühl aufflackert, besonders zu sein – oder eben, in den Augen der Anderen, sonderbar. In der Tat sondert sich Tina ab und lebt zurückgezogen im Wald, mit einem Gespür für die Natur, mit der sie sich enger verbunden fühlt als mit ihren Mitmenschen. Füchse und Elche suchen nachts ihre Nähe, Hunde schlagen an, wenn sie auftaucht. Erst als Tina auf Vore (Eero Milonoff) trifft, der ihr seltsam ähnelt, scheint die Frau einen Seelenverwandten getroffen zu haben. Denn Vore ist es, der Tina tiefer in die Natur führt und ihr zeigt, wie er lebt und wie womöglich auch sie leben sollte. Sein Lebenswandel hat etwas Ursprüngliches. Splitternackt und wild kreischend jagen die beiden durch das Dickicht und baden bei Regen in Waldseen. Mit Vores Bekanntschaft scheint Tina nicht nur ihr tristes Dasein hinter sich gelassen zu haben, auch dämmert der Frau nach und nach, dass sie kein Mensch ist, sondern womöglich ein mythisches Wesen, das lediglich an die Menschheit angepasst lebt – und damit selbstvergessen.

Border ist eine phantastische Liebesgeschichte, die Fabelwesen der nordischen Mythologie, Trolle nämlich, auf glaubhafte Weise in die schwedische Wirklichkeit der Jetztzeit spiegelt und sie zu Grenzgängern uminterpretiert. Tina und Vore werden derart zu Immigrationsfiguren. Nur stammen sie nicht aus der Fremde, sondern sind Überbleibsel einer mythischen Vorzeit, die bloß rudimentär noch Teil der Menschenwelt ist. Aber dennoch sind beide mit ähnlichen Problemen wie Einwanderer konfrontiert und sehen sich unter anderem Identitätskonflikten gegenübergestellt. Tina, die endlich einen ihresgleichen gefunden hat, wird für sich entscheiden müssen, wie viel ihrer mythischen Herkunft sie annehmen kann und wie viel sie von dem bewahren will, was sie für menschlich hält. Sie mag der Welt des Mythischen entstammen, aber sie ist in der Welt der Menschen aufgewachsen. Als Grenzgängerin kann Tina nicht Teil beider Welten sein. Vielleicht nicht einmal einer. Sie steht zwischen den Stühlen. Das ist eine Erfahrung, die real viele Immigranten und deren Nachkommen machen, oder allgemeiner: die viele Angehörige einer sozialen Minderheit machen.

Border 2Die Aufklärung, die mit dem Glauben an Mythengeschöpfe aufgeräumt hat, wird in Border zu einer Vormachtstellung des Menschen umgedeutet: Der Mensch breitet sich im gleichen Maße aus, wie das Mythische zurückgedrängt wird. Auf Seiten des Mythischen führt dies teils zu Radikalisierung und Gewaltbereitschaft gegenüber den Menschen, die als Bedrohung wahrgenommen werden. In ähnlicher Weise findet man dieses Motiv auch in den Hexer-Romanen des polnischen Autors Andrzej Sapkowski, in denen das Volk der Elfen droht, von den Menschen ausgerottet zu werden, und auf diese Bedrohung in Teilen mit Terrorismus reagiert. Auch Vore ist eine ambivalente Figur, da ihn, ähnlich wie Sapkowskis Elfen, eine extreme Haltung gegenüber den Menschen kennzeichnet. In diesem Kontext birgt er ein Geheimnis, das Tina erst noch lüften muss. Nur so viel: Von Menschen hält er nicht viel, und das vielleicht zu Recht. Denn die Opposition des Mythischen und Menschlichen ist in Border auch eine von Natur und Gesellschaft, Ursprünglichkeit und Zivilisation, von scheinbar unauflösbaren Gegensätzen also, die sich bald in die Liebesgeschichte und zwischen die Verliebten drängen. Ein Aufbegehren mythischer Naturwesen kann hierbei auch als ein Aufbegehren der Natur selbst verstanden werden, die sich gegen den zivilisierten Menschen zur Wehr setzt, der sie nach seinen Bedürfnissen umformt und ausbeutet.

Bezeichnenderweise arbeitet Tina beim schwedischen Grenzschutz und ebendort, während einer Grenzkontrolle, begegnet sie zum ersten Mal Vore. Während Tina symbolisch an der Grenze zwischen Menschheit und Mythos steht, überschreitet Vore diese und bringt das Mythische sowohl in die Welt der Menschen als auch in Tinas, die es bisher nur als Andersartigkeit erfahren hat, nämlich als Abweichung von der menschlichen Norm. Als Grenzschützerin sorgt Tina allerdings auch für Recht und Ordnung. In gewisser Weise ist sie damit eine moralische Instanz oder deren ausführende Gewalt. Wie weit wird sie also Vores bedingungslose Bereitschaft für das Mythische einzustehen mittragen? Eine moralische Grenze zeichnet sich ab. Border kann entsprechend auch politisch gelesen werden: Es stellt sich die Frage, ob Tinas Angepasstheit und ihre Zurückgezogenheit nicht letztlich als ungewollte Assimilation durch eine soziale Majorität zu verstehen sind.

Border 3

Border 1Die Andersartigkeit von Tinas und Vores Liebschaft ist von Anfang an spürbar. Gerade Trolle sind in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil des Menschen, insbesondere was das Körperliche anbelangt. Border spielt dieses Anderssein der Protagonisten gekonnt aus, gibt ihm viel Raum und inszeniert fremdartige Eigenheiten, die in der Welt der Menschen zum Nachteil gereichen, aber in der Natur zum Vorzug werden. Das gibt dem Genre der Liebesgeschichte ganz andere Vorzeichen, da die Protagonisten, mit denen sich das Publikum identifizieren soll, zu Trägern des Andersartigen werden. Damit die Identifikation dennoch gelingt – und der Film verlockt dazu –, müssen die Zuschauer:innen selbst eine Grenze überschreiten. Der enorme Reiz des Films scheint unter anderem hier begründet zu sein: in dem Blick auf das Andersartige, das für die Zuschauer:innen zur Begegnung mit diesem wird. Das ist die besondere Wirkkraft einer Phantastik, die sich selbst ernstnimmt und nicht mehr nur Unterhaltung sein will. Das gilt auch für die Verfilmung des Vampirromans So finster die Nacht, der aus derselben Feder wie die Vorlage für Border stammt, nämlich aus der John Ajvide Lindqvists.

Einen treffenderen Titel als Border hätte der Film von Regisseur Ali Abbasi nicht haben können (beziehungsweise im schwedischen Original Gräns, was dasselbe bedeutet: „Grenze“). Die Oppositionen Natur und Gesellschaft, Ursprünglichkeit und Zivilisation, Mythos und Mensch prallen aufeinander, mitreißend konkretisiert in einer phantastischen Liebesgeschichte, die von der Andersartigkeit und dem Anderssein im Widerstreit der Gegensätze erzählt, sowie von Integration, Radikalisierung und Assimilation als Umgang mit oder Konsequenz der Andersartigkeit. Nicht zu Unrecht war Border das Centerpiece des Fantasy Filmfestes 2018, wo der Film entsprechend viel Aufmerksamkeit genoss. Regulär in die deutschen Kinos kommt Border am 11. April 2019.

 

Trailer zu Border

 

Infokasten

„Border“ (OT: Gräns)

Regie: Ali Abbasi

Drehbuch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist (Literaturvorlage)

Laufzeit: 110 Minuten

Produzent: Meta Film Stockholm, Spark Film & TV, Kärnfilm u.a.

Verleih: Capelight Pictures

Schweden, Dänemark | 2018

Veröffentlichung am 11.04.2019 (Deutscher Kinostart)

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Letzte Änderung amDonnerstag, 14 März 2019 00:02
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Kurzes im Schreibatelier @anderwaerts, sonst auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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„Fantasy is escapist, and that is its glory. If a soldier is imprisioned by the enemy, don't we consider it his duty to escape? If we value the freedom of mind and soul, if we're partisans of liberty, then it's our plain duty to escape, and to take as many people with us as we can!“

― J. R. R. Tolkien