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Film

„H.“ von Rania Attieh & Daniel Garcia

Filmszene (Ausschnitt) Filmszene (Ausschnitt)

Der Film mit dem kürzesten Titel aller Zeiten inszeniert ästhetischen Horror in einer Melange aus Realismus und Fantastik. Arthaus-Kino, das von zwei Paaren erzählt.

Rezension

Für die einen mag H. ein Möchtegern-Kunstfilm sein, der seine narrativen Schwächen hinter realistischen Szenen und langen Einstellungen verbirgt, welche die Lebensstile zweier Paare zeigen: der eine gutbürgerlich und am Lebensabend, das andere jung und alternativ. Für die anderen ist H. ein poetischer Film, der seinen Realismus bewusst mit fantastischen Geheimnissen anreichert und derart einen kurzen Einblick in zwei gegensätzliche Lebensmodelle erlaubt, ohne auf die Spannung des Fremdartigen verzichten zu müssen, das die US-amerikanische Kleinstadt Troy alsbald heimsucht. Ganz zu schweigen von der symbolischen Kraft, die das Fantastische in H. ausströmt. Immer öfter werden in den Straßen Menschen gesichtet, die reglos gegen Hauswände starren. Schrauben fallen aufwärts, Schlüssel bewegen sich von selbst, Gläser zerspringen ohne Grund. Die Menschen hören alsbald Stimmen, undefinierbare Laute, und sehen Gestalten, wo keine sein dürften. Bis sie schließlich verschwinden. Ein stadtweites Phänomen, das auch die beiden Paare ereilt und sie auf die Probe stellt, Paare, die ohnehin von den Unwegsamkeiten ihrer Lebensalter gezeichnet sind: die Routine einerseits, die aus der Ewigkeit einer 40-jährigen Ehe erwachsen ist; andererseits die männliche Lust, die dem Zusammenhalt einer jungen Familie entgegensteht, die ihr erstes Kind erwartet.

Ein Film wie H. scheidet die Geister, die das Fantasy Filmfest 2015 nach Berlin gerufen hat, zumal die Filme dieses Festivals sehr verschiedenartig sind und entsprechend unterschiedliche Geschmäcker ansprechen. Für mich ist H. ein Kunst-Horrorfilm, der die genretypische Bedrohung gekonnt abstrakt und zugleich auf erhabene Weise inszeniert, sodass ein Zuschauer – so er sich denn darauf einlassen will – ein intensives und ästhetisch gelungenes Erlebnis erfahren kann. Mitte der Handlung war schon gewiss, dass die paranormalen Elemente des Films keine einfache Auflösung erhalten würden, sondern bestehen und damit dem Zuschauer zur Interpretation überlassen bleiben. Gerade, weil das Fantastische in H. zuletzt nicht vereindeutigt wird, bleibt dessen Kraft über das Filmende hinaus bestehen. Und weil dies eine der Wirkungsweisen dieses Filmes zu sein scheint, konzentriert dieser sich auf das Wie des Paranormalen, auf seine Inszenierung, nicht auf seine Erklärung. Dabei steht das Fantastische auf der einen Seite in einem krassen Kontrast zu den realistischen Filmpassagen, die ausschnittsweise das Zusammenleben, die Probleme und Stärken der zwei Paare schildern. Auf der anderen Seite wirkt es wie ein Katalysator, der das Realistische vorantreibt. Die Ausnahmesituation, die jede Bedrohung darstellt, treibt die Figuren in neue Erfahrungsbereiche und legt offen, was bereits in ihrer Persönlichkeit angelegt ist. Derart spielen in H. die gestalterischen Gegenpole erzählter Welten – das Fantastische auf der einen, das Realistische auf der anderen Seite – gekonnt ineinander.

All dies schildert H. in ausgesprochen ruhigen Einstellungen, die Wert auf eine natürliche Schauspielleistung legen und ganz klar die Figuren in den Fokus rücken. Schön geschossene Bilder und ein Sounddesign, das die Fremdartigkeit des Paranormalen entrückend wirken lässt, runden das ästhetische Filmerlebnis ab. Ähnlich wie One & Two, der auch auf dem Fantasy Filmfest 2015 läuft,  ist dieser Film eine berauschend schöne Erfahrung.

Trailer zu H.

Infokasten

„H.“

Regie: Rania Attieh, Daniel Garcia          

Drehbuch: Rania Attieh, Daniel Garcia

Laufzeit: 93 Minuten

Produzent: k. A.

Verleih: k. A.

USA | Argentinien 2015

Letzte Änderung amMittwoch, 06 September 2017 12:52
André Vollmer

Kein Kritiker. Aber ein Schriftsteller, der ab und an Kritiken schreibt. Am Meer geboren.

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„Horror ist eine Gattung der Phantastik, in deren Fiktionen das Unmögliche in einer Welt möglich und real wird, die der unseren weitgehend gleicht, und wo Menschen, die uns ebenfalls gleichen, auf diese Anzeichen der Brüchigkeit ihrer Welt mit Grauen reagieren.“ – Hans. D. Baumann: Horror. Die Lust am Grauen. Weinheim 1989, S. 109.