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Film

„Dementia“ thematisiert die Schrecken der Echos des Vietnamkriegs

Werbematerial Tiberius Film Werbematerial

 

Mike Testin schafft einen wirklichkeitsnahen Horror anhand des geistigen Verfalls eines gealterten Vietnam-Veteranen. Seine Demenz bringt die Schrecken zurück.

Rezension

„Alles was bleibt das ist die Zeit

Die der Wind verweht“

„Mein Kind“ – In Extremo 7 (2003)

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. George Lockhart (Gene Jones) hat Vietnam überlebt, trotz Gefangenschaft und Folter. Er musste mitansehen, wie ein Kamerad sich im Gefangenlager der Vietkong die Pulsadern aufgebissen hat. Das Resultat ist ein traumatischer Augenblick. Dennoch gelang es George zu überleben und in seine Heimat zurückzukehren. Dort baute er ein großes Haus für sich und seine Familie. Doch aus dem Krieg kamen innere Dämonen mit ihm heim. Diese hat er versucht, mit Alkohol auszutreiben, was schließlich in Gewalt gegen seine Frau und den gemeinsamen Sohn mündete. Seine Frau ist mit dem Sohn geflohen. George lebt heute allein in seinem großen Haus. Seine einzige Beschäftigung ist das Schachspielen mit seinem Freund Sam (Richard Riehle) über Funk. Während eines Austausches über seine Strategie beobachtet George, wie auf dem Weg vor seinem Haus zwei Jugendliche einem anderen das Fahrrad stehlen wollen. Er greift ein, mit einem Gewehr. George feuert in die Luft und vertreibt damit die Angreifer, während er sich vergewissert, dass es dem angegriffenen Jungen gut geht, bricht er zusammen. Im Krankenhaus folgt die Diagnose: Gehirnschlag und daraus resultierende Demenz.

D1Jerry Lockhart (Peter Cilella), der immer versucht hat, Abstand zu seinem Vater zu halten, wird als Angehöriger informiert und muss in die Klinik kommen. Gemeinsam mit seiner Tochter Shelby (Hassie Harrison) kehrt er somit zurück in das Leben von George. Während das Verhältnis zwischen Vater und Sohn eisig und distanziert ist, gibt Shelby ihrem Großvater die Chance zu zeigen, wie er heute ist. George hat sich tatsächlich komplett gewandelt, doch die Demenz wird zu einem großen Problem. Als die Pflegerin Michelle (Kristina Klebe) vor der Tür steht, um nach George zu sehen, beschließt Jerry sie als Hausschwester zu engagieren. Als die Familienmitglieder das Haus verlassen haben, betäubt Michelle George. Sie hängt ihm einen weiteren Ausfall an; mit diesem beweist Michelle, dass George nicht mehr Herr über seine Sinne ist und daher im Haus eingesperrt werden muss. Alle Schlüssel verwaltet fortan sie.

Plötzlich hat der gealterte und sympathische George eine Pflegerin im Haus, die ihn bewusst quält. Warum das so ist, wird über den Film hinweg erklärt; dies ist der Konflikt, der Michelle antreibt. Ein anderer ist die Demenz von George. Dementia arbeitet mit mehreren Konflikten. Die Charaktere durchlaufen alle individuelle Tragödien, die sich in George treffen. Einzig Shelby hatte zuvor keinen solchen Moment, der ihr Leben und ihre positive Sicht auf die Dinge ins Negative treibt. Erfahrene Dramaturgen würden sagen, dass diese unbefleckte Figur der entscheidende Faktor für die Auflösung sein muss. Das ist auch der Fall, nur wird das Ende nicht vielen gefallen, den hier bleibt Dementia dem tragischen Ansatz treu, was den Film bis zuletzt konsequent erscheinen lässt.

Abseits vom Mainstream ist Dementia ein gelungener Film, der Kriegstraumata, geistige Gesundheit und menschliche Tragödien zum Thema macht. Anspruchsvoll, gut gespielt und intensiv präsentiert sich Mike Testins Langfilm-Regiedebüt. Thema und Ausgang sind unbequem, der Film selbst ist niedrig budgetiert und die Figuren sind komplex. Diese Faktoren werden Dementia einen schweren Stand einbringen, den dieser psychologische Home-Invasion-Horrorthriller allerdings als Qualitätsmerkmal vorweisen kann. Keine Massenkost, kein Popcorn, kein Glanz und Gloria, dafür eine gute Geschichte, glaubhafte Figuren und eine unkonventionelle Auflösung.

Trailer Dementia (englisch)

Infokasten

„Dementia“

Regie: Mike Testin

Drehbuch: Meredith Berg

Geschichte: Raphael Margules, J.D. Lifshitz, Mike Testin

Produktion: BoulderLight Pictures

Verleih: Tiberius Film

Laufzeit: 90 Minuten (uncut)

USA | 2015

Ab 07.09.2017 im deutschen Handel auf DVD, Blu-ray-Disc und digital.

Letzte Änderung amMontag, 02 Oktober 2017 09:19
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Phantastische Literatur: ungenauer, auch missverständlicher Sammelbegriff für ein breites, auch Triviales [...] umfassendes Spektrum von Literatur. Das Phantastische erscheint in der fiktionalen oder imaginativen Literatur als vielschichtiges Phänomen.“

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